Exkursion Pécs, 14.–17. Mai 2015

von Anna Lukitsch & Eva-Maria H. & Jana Wentz & Verena Pfeifer & Andreas Lörincz

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Gruppe Ungarischer Spracherwerb VI

Tag 1

Am 14. Mai früh am Morgen ging unsere Abschlussreise nach Pécs los. Während manche die Zeit nutzten, um noch ein bisschen Grammatik und Wortschatz zu üben, verschliefen andere die sechsstündige Fahrt im wahrsten Sinne des Wortes. Gottseidank machten wir in der Mitte unserer Zugfahrt einen Zwischenstopp in Budapest Kelenföld, wo selbst die Müdesten von uns bei einem Kaffee langsam munter wurden. Nachdem wir dann nach ca. 3 Stunden in Pécs angekommen waren, fuhren wir mit dem Taxi zu unserem Hotel, wo wir auch gleich unsere Zimmer bezogen.

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Obwohl wir fast die ganze Zugfahrt essend verbracht haben, waren wir schon wieder hungrig von der langen Fahrt und außerdem neugierig auf Pécs, und deshalb machten wir uns auch gleich auf in die Altstadt. Kaum angekommen, färbte sich der Himmel aber, als würde die Welt untergehen und wenig später begann es heftig zu regnen, sodass wir, zur Freude unserer Kaffeetrinker, ins Cafe Frei, flüchten mussten.

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Nachdem sich das Wetter wieder halbwegs beruhigt hatte, trauten wir uns auch wieder aus dem Cafe hinaus und sahen uns noch ein wenig die Sehenswürdigkeiten der Stadt, wie zum Beispiel die Moschee am Széchenyi-Platz oder die Universität mit ihrem botanischen Garten an. Schließlich aber war unser Hunger schon ziemlich groß und wir ließen den Abend bei einem leckeren, sogar teils vegetarischen, Essen in einem Restaurant ausklingen, bevor wir erschöpft in unsere bequemen Hotelbetten fielen.

(J. W.)

Tag 2

Dom

Nach dem Mittagessen im Restaurant Aranygaluska gingen wir über den Széchenyi tér zur Domkirche, an der wir schon am Vorabend auf dem Weg zur spätmittelalterlichen Barbakane (Rundbastei) vorbeispaziert waren. Die Kathedrale, die den Aposteln Petrus und Paulus geweiht ist, befindet sich auf dem Dóm tér (Domplatz), der nördlich direkt an den wunderschönen Szent István tér (St. Stephansplatz) anschließt.

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Die räumliche Nähe zu diesem Platz mag nicht ganz zufällig sein, war es doch unter der Regentschaft dieses ersten Königs (1000–1038), dass die Vorläuferkirche des heutigen Doms erbaut wurde. Nach einem Brand zu Ostern 1064 wurde mithilfe von italienischen Architekten eine dreischiffige Basilika errichtet, die im Laufe der Jahrhunderte mehrfach umgestaltet wurde. Unter anderem wurden die beiden Türme im Westen, die wahrscheinlich bereits Teil des Vorläuferbaus waren, um zwei weitere im Osten ergänzt und die gotischen Seitenkapellen errichtet. In der Zeit der Besetzung durch die Türken von 1543 bis 1686 wurde die Kathedrale als Moschee genützt und war während der Türkenkriege Beschädigungen und Verfall ausgesetzt. Erst nach dem Ende der türkischen Herrschaft konnten Wiederaufbaumaßnahmen durchgeführt werden, wobei hier verschiedene Stilrichtungen Einfluss hatten. Von 1806 bis 1813 wurde die Kirche nach den Entwürfen des österreichisch-ungarischen Architekten Mihály Pollack im für den Künstler typischen klassizistischen Baustil umgestaltet, an der Fassade wurden zwölf Apostelfiguren von Mihály Bartalits angebracht, die mittlerweile allerdings bereits mehrmals renoviert und verändert wurden, zuletzt von Károly Antal. Die heutige neoromanische Gestalt des Doms entstand anläßlich der Jahrtausendfeier der ungarischen Landnahme zwischen 1882 und 1891 nach den Plänen von Friedrich von Schmidt.

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Auch die aus dem 12. Jahrhundert stammende Krypta, deren Grundmauern sogar aus spätrömischer Zeit stammen, konnten wir besichtigen. In ihr wurden 1991 die sterblichen Überreste des Renaissance-Gelehrten und Bischofs Janus Pannonius (1434-1472) gefunden, wo sie 2008 erneut begraben wurden.

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Csontváry-Museum

Im Anschluss an die Dombesichtigung gingen wir zum Csontváry-Museum, das ausschließlich dem Werk dieses ungarischen Künstlers (1853-1919) gewidmet ist. Csontvárys Werk lässt sich nicht nur einer Stilrichtung zuordnen; vielmehr spannt es einen Bogen vom Spätimpressionismus bis hin zum Expressionismus und zählt auf Grund seiner Motivsprache und symbolhaften Ausdrucksweise auch zum Symbolismus.

Das Museum beherbergt einige der wichtigsten und bekanntesten Bilder des Künstlers, unter anderem das 1907 entstandene A magányos cédrusDie einsame Zeder.

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Interessant sind die vielen Parallelen zwischen Csontváry und seinem Zeitgenossen Vincent van Gogh (1853–1990). Diese sind einerseits biographischer Natur: beide hatten ursprünglich bürgerliche Berufe (Csontváry war Apotheker), beide begannen ihre künstlerische Aktivität relativ spät, beide fassten bewusst den Entschluss, Künstler zu werden, beide eigneten sich das dafür notwendige Handwerk autodidaktisch an, die Persönlichkeit beider wurde vom jeweiligen Umfeld als schwierig empfunden und beide litten wohl an psychischen Erkrankungen. Besonders bemerkenswert ist allerdings vor allem die künstlerische Nähe, die das Werk der beiden Maler verbindet. Neben der für die Epoche typischen hohen Bedeutung von Licht und Farbe zeigen sich vor allem in der ungewöhnlichen Symbolsprache große Ähnlichkeiten. Diese Ähnlichkeiten sollen im Folgenden anhand der symbolischen Interpretation des Motivs des Baums bei Csontváry und van Gogh gezeigt werden.

Der Symbolismus beider Künstler grenzt sich von zeitgenössischen Vertretern dieser Stilrichtung dadurch ab, dass er sich nicht im Abstrakten, Religiösen (zB das Motiv des Gekreuzigten) oder Mythologischen, sondern im Konkreten und sinnlich Wahrnehmbaren manifestiert[1], wie bspw im für van Gogh charakteristischen Thema der Sonnenblume oder im hier interessierenden Thema des Baumes. Aber nicht nur bei der Wahl des Themas, sondern auch bei dessen konkreter Umsetzung sind Parallelen unverkennbar. Die Werke beider Künstler – bei van Gogh trifft das vor allem für sein Spätwerk ab 1888 zu – verweigern sich nämlich den konventionellen Interpretationen, die mit dem Motiv assoziiert werden: der (blühende) Baum als Symbol für Hoffnung, für Eintracht und eine positive Beziehung zwischen dem Individuum und der Außenwelt. Im Gegensatz dazu ist van Goghs Darstellung von Bäumen geprägt von „such aspects as broken branches, the absence of foliage […], on branches pointing downward and toward the left[2], also von (ab)gebrochenen Ästen, fehlendem Blattwerk und Ästen, die nach unten oder links gerichtet sind. All diese Merkmale werden nicht mit Hoffnung, sondern mit Versagen, Frustration, traumatischen Erfahrungen und starker Introversion assoziiert.[3]

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Bild 1: „Baum, vom Wind gepeitscht“ (1883)

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Bild 2: „Sämann bei untergehender Sonne“ (1888)

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Bild 3: „Blick auf Arles“ (1889)

Ein Vergleich mit Die einsame Zeder zeigt, dass sich all diese Aspekte in ganz ähnlicher Ausführung auch in Csontvárys Interpretation des Motivs finden.

Chagall-Ausstellung

In unserer Freizeit hatten wir weiters die Möglichkeit, die temporäre Chagall-Ausstellung im Martyn Ferenc-Museum auf der Káptalan utca, der Museumsmeile von Pécs, zu besuchen. Zu sehen waren zahlreiche Lithographien, die der Künstler (1887-1985) als Vorbereitung einiger seiner berühmtesten Werke anfertigte: 12 Lithographien zu Die 12 Söhne Jakobs (12 Fenster in der Synagoge des Hadassah-Universitätskrankenhauses in Jerusalem), 43 Lithographien zu Chagalls „Odyssee“- Interpretation, 15 Lithographien zum Deckenfresko des Pariser Palais Garnier (Opernhaus) sowie zahlreiche weitere Arbeiten mit biblischen Sujets, die großteils als Vorlage für Kirchenfenster dienten. Die Ausstellung beschäftigte sich auch mit der Geschichte der Lithographie an sich, der Schwerpunkt lag aber klar auf der Präsentation und Gegenüberstellung der Werke Chagalls. Besonders interessant war, Themen des Tanach (der jüdischen Bibel), die für die Verwendung in einer Synagoge interpretiert und gestaltet wurden, und alt-und neutestamentarische Motive, die für die Gestaltung christlicher Gotteshäuser vorgesehen waren, nebeneinander zu sehen und ihre künstlerische Umsetzung vergleichen zu können. Hierbei wurde erkennbar, dass Chagall die Bibel nicht als Erzählung ausschließlich jüdischer oder christlicher Erfahrungen interpretiert, sondern als eine universelle Botschaft, die an die gesamte Menschheit gerichtet ist.

(E.-M. H.)

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Nachdem wir den Universitätscampus und das Zsolnay Viertel im Allgemeinen – unter anderem den Lehrstuhl für Kommunikations- und Medienwissenschaften, die Fakultät für bildende Kunst sowie die Ausstellung mit dem Titel „Sammlung von László Gyugyi“ – erkundet haben, im Restaurant Aranygaluska Mittagessen waren, uns die Domkirche, das Csontváry Museum und das Vasarely Museum angesehen haben und dann noch einen Zwischenstopp in der Konditorei Mecsek gemacht haben, konnten wir am Abend zwischen einer Buchpräsentation und einem Konzert wählen. Wir entschieden zu dritt auf das Konzert zu gehen, aber davor stand noch etwas Freizeit auf dem Programm, und diese nutzten wir zum shoppen gehen und wenn es in Pécs ums Shoppen geht, dann ist das Einkaufszentrum „Árkád“ eine gute Adresse.

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Voll bepackt mit unseren Errungenschaften haben wir uns dann wieder auf den Weg ins Zsolnay Viertel gemacht, wo das Konzert stattgefunden hat. Wir waren uns nicht sicher was nun auf uns zukommen würde, wurden aber positiv überrascht. Es spielten 3 Bands, welche alle samt aus Budapest kamen und rein instrumentale Musik machen. Der erste Act war „Makrohang“, ein junges Trio dessen Musik von Hard Rock, Post-Bop und Jazz über Hip Hop, Noise und Minimal geht – und einen derartigen Mix der Stile vereinen sie teilweise in einem einzelnen Lied, also wirklich mal etwas anderes, aber sehr interessant und gut. Dann folgte „SoNaR“, sie mixen electric und acoustic Rock mit electronic Beats und machen somit einfach gute Musik und Stimmung. SoNaR war mein absoluter Favorit an diesem Abend und das, obwohl als letztes noch „Special Providence“ gespielt hat, über die wir uns sagen haben lassen, dass sie von diesen drei Bands diejenigen sind die wohl schon am bekanntesten und erfolgreichsten sind. Aber Musik ist halt nun einmal Geschmackssache und „Special Providence“ mischt Jazz Rock/Fusion mit traditionellem progressiven Metal. Sie haben auch gute Stimmung gemacht und sind zweifelsfrei richtig gut, wenn einem dieser Musikstil gefällt. Es war einfach ein toller Abend und dadurch, dass es kein sehr großes Konzert war, sind wir uns nicht wie Touristen, sondern viel mehr wie Insider vorgekommen.

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Als Abendprogramm am 15. Mai konnten wir aus mehreren Programmpunkten auswählen, einer davon war ein Gespräch mit anschließender Lesung aus Kiss Tibor Noés autobiographischem Buch „Inkognitó“.

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Es handelt davon, wie Kiss Tibor als Junge 1976 in Budapest geboren wird und aufwächst, eine Karriere als Profi-Fußballer macht und schließlich kein Geheimnis mehr daraus machen will, im falschen Körper geboren worden zu sein und sich fortan Kiss Tibor Noé(mi) nennt. Die ernste Thematik, eine Trans-Identität in einem, doch eher konservativerem Land wie Ungarn, öffentlich zu leben, wird dabei aber auf gar nicht all zu ernste Art und Weise geschildert. Zum Beispiel erzählt Kiss Tibor Noé von ganz alltäglichen Problemen, wie der Schwierigkeit eine Perücke zu tragen und unter den herunterhängenden Zweigen eines Baumes durchzugehen, ohne sich darin zu verfangen. Geleitet wurde das Gespräch von Havasréti József, einem Literaturkritiker und Professor für Kommunikation an der Universität Pécs.

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Die Reaktionen auf dieses Buch sind natürlich gemischt, aber durchaus auch positiv. So erzählt Kiss Tibor Noé, dass es nicht nur von Menschen mit einer Trans-Identität, sondern auch von vielen anderen Menschen, die in ihrer Art und Lebensweise nicht der „Norm“ entsprächen, ermutigt hat sich mit der eigenen Identität und Geschichte auseinanderzusetzen und den Mut zu finden, ihr eigenes Leben zu leben.

Das 2010 erschienene Buch hat 168 Seiten und unter der ISBN: 9789632972428 vorerst nur in ungarischer Sprache erhältlich.

(V. P.)

Tag 3

Als krönender Abschluss stand eine kleine „Landeskunde“ – Einheit auf dem Programm:

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In letzter Zeit erfreuen sich alle möglichen Arten von Festivals, die sich meist mit „Essen & Trinken“ beschäftigen, an steigender Beliebtheit. Dazu zählen Mangaliza-, Paprika-, und Weinfestivals, sowie das von uns in Pécs besuchte Bierfestival.

Vielleicht lag es am Blick auf die vier Türme der Basilika St. Peter und Paul, jedenfalls hatte dieses Festival ein besonderes, ganz eigenes Flair. Neben den traditionellen Sachen wie Kürtöskalács – Baumkuchen (der natürlich über Holzkohle gegrillt wurde) und Lángos, ließen diverse gegrillte Speisen das Herz der Besucher höher schlagen.

Da wir uns natürlich nicht nur wegen dem kulinarischen Angebot zum Festival begaben hatten, probierten wir auch einige Bierspezialitäten. Eines unserer Lieblinge war sicher das Kirschbier, welches aber kein heute so beliebtes Biermischgetränk (z.B. Radler) war, sondern tatsächlich vollwertiges Bier mit über 5 % Alkoholgehalt. Sicher nicht jedermanns Geschmack war das Kaffeebier. Um die sicherlich verwirrten Geschmacksnerven wieder in Ordnung zu bringen, konnte man auch einen Pálinka aus einer kleinen Schnapsmanufaktur verkosten.

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Die wahrscheinlich schwierigste Entscheidung des Abends war sicherlich die Glasur des Baumkuchens. Da nach dem Abendessen der Hunger begrenzt war, wir den Heißhunger allerdings nicht stillen konnten, wurde im Rahmen einer Gruppenentscheidung ein Zimt-Baumkuchen ausgewählt.

Das anwesende Publikum war bunt gemischt. Daher gab es auch für die Kleinen eine Minieisenbahn. Möglicherweise zog auch ein vielfältiges Musikprogramm, zu dem auf einer großzügigen Tanzfläche auch getanzt werden konnte, die verschiedensten Altersgruppen an.

(L. A.)

[1] Vgl Németh Lájos, Contribution to a Typology of Symbolist Painting, in Balakian Anna (Hrsg.), The Symbolist Movement in the Literature of European Languages (1982) 452 mwN.

[2] aaO 450.

[3] ebenda.

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Ein Gastvortrag und Diskussion mit Róbert Alföldi

Am 29. April war der Regisseur Róbert Alföldi zu Gast an der Abteilung. Wir hatten ihn zu einem Vortrag und Gespräch über die aktuelle Situation der Theater in Ungarn eingeladen.

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Róbert Alföldi kennt man als einen sehr souveränen, freidenkenden Künstler und als einen Menschen, der seine Meinung und Gesellschaftskritik immer offen, frank und frei sagt. Ein Regisseur und Schauspieler, der an ein unabhängiges, freidenkendes Theater glaubt und einfach nur Theater machen möchte.

Das Interesse an der Veranstaltung war so groß, dass keine Sitzplätze in unserem Hörsaal 1 mehr übrig geblieben sind, einige Gäste mussten sogar am Boden sitzen.

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Alföldi ist in Österreich nicht unbekannt: letztes Jahr hat er sich in St. Pölten am Landestheater dem österreichischen Publikum präsentiert, im Februar 2015 hat er am Wiener Volkstheater Regie geführt, wo er das Theaterstück Haben/Tiszazug von Julius Hay auf die Bühne gebracht hat. (Was für ein „Zufall“: im Stück geht es auch um Macht, Gier, Armut, Aussichtslosigkeit …) Viele von unseren Hungarologie-StudentInnen haben das Stück in einem von der Abteilung organisierten Theaterbesuch gesehen.

Alföldi hat in einem kurzen aber klarem Überblick geschildert, wie geteilt die ungarische Theaterwelt heutzutage ist: die Politik ist überall da, alle Entscheidungen werden unter politischen Einflüssen getroffen, für die aktuellen Machthaber ist es sehr wichtig, dass sie ihre eigenen regimetreuen Funktionäre in allen wichtigen Positionen platzieren können. Diejenigen, die sich nicht der Macht unterwerfen, bekommen kaum noch Arbeitsmöglichkeiten, werden finanziell in eine aussichtslose Situation gebracht. Einige Regisseure gehen ins Ausland, weil sie in Ungarn einfach „unerwünscht“ sind. Autoren, Künstler, die ihre Kritiken gegen das Regime offen artikulieren und verantwortungsvoll denken, werden als Landesverräter abgestempelt.

Das heutige von dem Regime unterstützte Theater muss ein idyllisches Bild über die schöne Vergangenheit von Ungarn malen, das der Erwartungen der Macht entspricht. Obwohl diese Theater sehr große staatliche finanzielle Unterstützung erhalten, sind ihre Zuschauerräume ziemlich leer.

Alföldi hat auch eine kleine Geschichte erzählt, die sehr treffend den Mechanismus der heutigen politischen System illustriert: „Unlängst habe ich in einem Komitatssitz Regie geführt. Der Intendant des Theaters dieser Kleinstadt hat mich eingeladen, obwohl er wusste, dass ich für das heutige politische Regime unerwünscht bin. Der Intendant selbst ist auch ein Fidesz-Sympathisant. Die gemeinsame Arbeit war sehr erfolgreich für das Theater, sowohl künstlerisch, als auch finanziell. Der regierungstreue Bürgermeister der Stadt hat mir auch sehr herzlich zu der Produktion gratuliert. Am nächsten Tag hat er den Intendanten am Theater angerufen und ihm alle weitere Mitarbeit mit mir verboten.“

Der Vortrag Alföldis entwickelte sich zu einer spannenden Diskussion, es regnete Fragen und es ging bald nicht mehr nur um das Theater.

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Viele der anwesenden Studierenden beschäftigte die Frage, wieso die Menschen in Ungarn ihre Meinung nicht öffentlich äußern, warum sie nicht mit den Mitteln der Demokratie für ihre eigene Rechte kämpfen? Ein möglicher Grund dafür wäre laut Alföldi, dass sich die Menschen in ihrer Existenzen bedroht fühlen (das betrifft auch SchauspielkollegInnen). Die Unsicherheit und die Armut machen die Angst noch größer und tiefer. Wenn man ausgeliefert ist, wird man leicht opportunistisch und schweigt lieber, da schließlich jeder eine Familie hat, die man finanziell unterhalten muss. In dieser Passivität ist auch die Verantwortung der Opposition groß, weil sie überhaupt keine Alternative aufzuzeigen vermag.

Eine Frage betraf auch die politische Orientierung der Jugendlichen: Wieso konnte es dazu kommen, dass ein bedeutender Teil der StudentInnen in Ungarn „Jobbik“-Anhänger sind. (Jobbik ist eine rechtsextreme ungarische Partei.) Nach Meinung Alföldis wäre dafür eine mögliche Erklärung, dass sich die ungarische Gesellschaft noch immer nicht mit ihrer eigenen Vergangenheit auseinandergesetzt hat. Es wird noch immer „die tragische Vergangenheit von Ungarn” als Schutzschild beschworen, statt endlich gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen. Man denkt nicht darüber nach, ob etwas gut oder schlecht sei, es gibt keine rationalen Argumente in der Diskussionen, es gibt nur heftige emotionelle Reaktionen. Viele ungarische Familien sind durch die Trianon-Geschichte betroffen: Und es kann ja nicht sein, dass (Ur)Großväter für eine Idee/Sache gestorben sind, die nicht einmal richtig gewesen sein soll. Diese junge Menschen haben sich das Ziel gesetzt, den Familienlegenden folgend die Namen der Großväter sauber zu waschen. Solange man die Vergangenheit nicht verarbeitet hat, kann man sich nicht offen mit den Problemen der Gegenwart auseinandersetzen, so Alföldi.

Es kam auch zu einem anderen wichtigen Thema, das in letzter Zeit große Diskussionen auslöst hat: das Bildungswesen. Die Regierung in Ungarn zentralisiert die Schulen, hat vorgeschrieben, aus welchen Schulbüchern in den Schulen unterrichten werden soll, und will durch verschiedene, von der Regierung gegründete Gremien einen großen Einfluss auf die Autonomie der Universitäten ausüben. Alföldi meinte, dass es derzeit nicht das Ziel sei freidenkende, kreative Menschen zu erziehen, sondern eher Menschen heranzubilden, die in die von der Macht geschaffene Welt passen. Die Sache, so Alföldi, dürfe man aber nicht so einseitig betrachten: wir alle dürfen nie unsere eigene Verantwortung vergessen.

Zum Schluss kehrte das Gespräch zurück zum Theater. Kurz zusammengefasst ist die Aufgabe des Theaters laut Alföldi, auf die Phänomene der gegebenen Gesellschaft zu reagieren, die gegebenen Probleme aufzuzeigen. Wenn die Machthaber ihre eigenen Leute in wichtige Positionen kommen lassen, kann das Theater seine Aufgaben unmöglich erfüllen und wird zum Diener der regierenden Macht.

Trotz allem sei er Idealist und glaube daran, dass das Theater doch die Gesellschaft ändern könne. Im Theater müsse es sich ja letztendlich um das Theater drehen.

Vielen Dank an Róbert Alföldi und das Publikum für das offene, spannende und aufschlussreiche Gespräch!

Georg Lukács revisited: Gedanken zur möglichen Aktualisierung der philosophischen und politischen Konzepte eines der bedeutendsten Denker des 20. Jahrhunderts.

Andrea Seidler

 

Am 2. und 3. Dezember 2014 veranstalteten MitarbeiterInnen unserer Abteilung (siehe dazu das neu gegründete Forschungsforum Georg Lukács im Kontext: http://georg-lukacs.univie.ac.at) gemeinsam mit der Bibliothek der Ungarischen Akademie der Wissenschaften und dem Balassi Institut Collegium Hungaricum eine Tagung zum Thema Nachlässe ungarischer Philosophen und Theoretiker des 20. Jahrhunderts und deren philologische Bearbeitung (Georg Lukács im Fokus der Forschung).

Unter internationaler Beteiligung wurden in erster Linie zwei wissenschaftliche Fragenkomplexe erörtert: die erste behandelte den Nachlass des Philosophen, seinen Briefwechsel mit bedeutenden Zeitgenossen wie Ernst Bloch, Béla Balázs uvm., der im Budapester Georg Lukács Archiv verwahrt wird, und dessen Bestände unsere ForscherInnengruppe derzeit aufarbeitet. Die zweite bezog sich auf Georg Lukács als einen die europäische Linke prägenden Denker des 20. Jahrhunderts, der in Ungarn selbst äußerst kontroversiell – vor allem von einem politischen Blickwinkel aus – diskutiert wird, im angelsächsischem Raum und in Italien allerdings auf wesentlich pragmatischere analytische Annäherungsweisen trifft.

Die Gäste der Konferenz waren neben zahlreichen VertreterInnen des Georg Lukács Archives in Budapest unter anderem die Philosophin Agnes Heller, selbst in ihrer frühen Phase Schülerin und enge Vertraute von Lukács sowie Mauro Ponzi aus Rom/Italien. Ponzi analysierte den Einfluss der Philosophie von Karl Marx auf die europäischen linken Denker in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, während Heller über mögliche Lesarten des Lukács’schen Werkes in unserer Zeit sprach.

Die Wiener Kollegen sprachen über die Verbindungen, die Georg Lukács zu in Wien lebenden Philosophen, Journalisten und Politikern über Jahrzehnte aufrecht erhielt. Es waren dies vor allem Ernst Fischer, Günther Anders und Günther Nenning, deren Briefwechsel mit Lukács eben auf ihre Bearbeitung warten.

Die Tagung stand auch in enger Verbindung mit der Lehre an unserer Abteilung: Studierende nehmen im WS 2014/15 an einem Projektpraktikum teil, das die Aufarbeitung der Briefe Georg Lukács’ in einer gezielten Auswahl zum Thema hat. Dazu wurde im November auch eine dreitägige Exkursion nach Budapest veranstaltet, die der Gruppe die Möglichkeit bot, mit original Handschriften zu arbeiten und grundsätzlich umfassenden Einblick in die Tätigkeit von Archivaren zu bekommen.

Mehr dazu demnächst, wenn die Plattform der Studierenden, die gerade im Entstehen ist, präsentiert wird.

All diejenigen, die sich für unseren Forschungsschwerpunkt interessieren:

Kontakt Andrea.seidler@univie.ac.at, Wolfgang.Mueller-Funk@univie.ac.at, Erika.regner@univie.ac.at oder Zsuzsa.Gati@univie.ac.at,

Siehe auch unsere homepage http://Georg-Lukacs.univie.ac.at

sowie den Programmfolder der Veranstaltung http://georg-lukacs.univie.ac.at/uploads/media/Lukács_Tagung_Program_Final.pdf

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