Grüße aus Lahti!

Der Unterricht der finnischen Sprache und Kultur an ausländischen Universitäten wird seit Jahrzehnten von UKAN (Ulkomaanlehtori- ja kielikurssiasiain neuvottelukunta, ‘Verhandlungsausschuss zu Auslandslektoren- und Sprachkursangelegenheiten’) koordiniert. Heutzutage ist UKAN ein Organ des CIMO, Zentrum für internationale Mobilität, das wiederum zum finnischen Unterrichtsministerium gehört. Klingt kompliziert, die Aufgabe an sich ist aber einfach: den Finnischunterricht an ausländischen Universitäten zu unterstützen. Einige ausländische Universitäten, vor allem in ärmeren Ländern, bekommen von UKAN Gastlektorate oder finanzielle Unterstützung, um die örtlichen Gehälter wettbewerbsfähig zu machen (das heißt: damit jemand aus Finnland sich wirklich denken kann, dieses Lektorat anzunehmen). Zu den Finnougriern Russlands werden sogenannte SprachassistentInnen geschickt, die oft selbst FinnougristInnen sind und neben dem Finnischunterricht sich auch mit der örtlichen Sprache beschäftigen können, und auch bei uns in Wien waren schon einige junge Leute aus Finnland als CIMO-PraktikantInnen im Finnischunterricht tätig. Außerdem finanziert UKAN kurzfristige Gastlehraufenthalte, schenkt Bücher und Lehrmaterialien – und veranstaltet jeden Sommer eine Konferenz für Fennistikunterrichtende im Ausland.

Die UKAN-Sommerkonferenzen finden immer an verschiedenen Orten statt, damit die TeilnehmerInnen die Gelegenheit haben, Universitäts- und andere Städte überall in Finnland kennenzulernen. Heute hat die Konferenz im südfinnischen Lahti begonnen. Die Stadt ist eher für Wintersport bekannt, hat aber auch ein schönes „Erwachsenenbildungszentrum“ (Aikuiskoulutuskeskus), wo neben der Volkshochschule einige „dislozierte“ Aktivitäten von verschiedenen finnischen Universitäten untergebracht worden sind.

Im Programm sind traditionell wissenschaftliche Beiträge von AuslandslektorInnen und einheimischen ExpertInnen. Außerdem gibt es Abend- und Freizeitsprogramm – die UKAN-Konferenz hat fast immer Schönwetter, diesmal liegt eine Rekordhitze über ganz Finnland – und Besuche von interessanten Kulturschaffenden: Heuer ist Petri Tamminen an der Reihe, ein Schriftsteller, der in der Nähe von Lahti in Vääksy lebt. (Von seinen Werken sind zumindest Enon opetukset / Mein Onkel und ich, Piiloutujan maa / Verstecke und Väärä asenne / Der Eros des Nordens in deutscher Übersetzung erschienen.)

Und… unter den wissenschaftlichen Vortragenden war heuer auch unser Finnischlektor Mikko Kajander. Sein Vortrag knüpfte sich thematisch an seine Doktorarbeit an.

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Das Thema, der Existentialsatz, spielt eine zentrale Rolle in der finnischen Satzlehre. Unter „Existentialsatz“ werden in verschiedenen Sprachen Satztypen verstanden, mit welchen berichtet wird, dass etwas irgendwo existiert oder „ist“; typischerweise werden mit Existentialsätzen neue Personen oder Objekte in den Diskurs „introduziert“, und viele Sprachen haben dafür spezifische Konstruktionstypen entwickelt, so wie Es gibt… oder There is… Im Finnischen wird mit dem Existentialschema auch der Besitz ausgedrückt (‘ich habe’ heißt ungefähr „bei mir ist“), und auch deshalb kommen diese Konstruktionen sehr oft in Texten vor. Außerdem ist das Existentialschema oft mit Unbestimmtheit verbunden, bei welchem der berüchtigte finnische Partitivkasus zum Einsatz kommt, und stellt auch deshalb einen Probestein der Grammatikbeherrschung dar.

Mikko Kajander hat die Existentialsätze „auf dem Pfad des Finnischlernens“ analysiert, anhand von Texten, die von Migrantenkindern in Finnland und von ausländischen Erwachsenen geschrieben worden sind. Obwohl das Erlernen von zentralen grammatischen Merkmalen in den Existentialkonstruktionen bei beiden Gruppen ungefähr in der gleichen Reihenfolge erfolgt, gibt es trotzdem interessante Unterschiede in der Variation und Kreativität bei der Verwendung von diesen Satzkonstruktionen. Die Sprachbeherrschung hat viele unterschiedliche Aspekte und kann nicht unbedingt bei allen Sprachlernenden auf die gleiche Weise, mit gleichen Kriterien bewertet werden.

Nach dem ersten Arbeitstag haben wir noch ein Foto mit jetzigen und ehemaligen Fennistiklehrenden der Universität Wien schießen lassen.

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Vor dem Erwachsenenbildungszentrum stehen (von links) Mikko Kajander, Kirsti Siitonen (Gastprofessorin für Fennistik im Wintersemester 2003–2004), Johanna Laakso, Heidi Vaarala (Gastprofessorin für Fennistik im Sommersemester 2012), Heini Lehtonen (Lektorin für Finnisch 2005–2007) – und schicken ganz herzliche Grüße an alle MitarbeiterInnen, Studierende und FreundInnen der Wiener Finno-Ugristik.