Ein Gastvortrag und Diskussion mit Róbert Alföldi

Am 29. April war der Regisseur Róbert Alföldi zu Gast an der Abteilung. Wir hatten ihn zu einem Vortrag und Gespräch über die aktuelle Situation der Theater in Ungarn eingeladen.

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Róbert Alföldi kennt man als einen sehr souveränen, freidenkenden Künstler und als einen Menschen, der seine Meinung und Gesellschaftskritik immer offen, frank und frei sagt. Ein Regisseur und Schauspieler, der an ein unabhängiges, freidenkendes Theater glaubt und einfach nur Theater machen möchte.

Das Interesse an der Veranstaltung war so groß, dass keine Sitzplätze in unserem Hörsaal 1 mehr übrig geblieben sind, einige Gäste mussten sogar am Boden sitzen.

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Alföldi ist in Österreich nicht unbekannt: letztes Jahr hat er sich in St. Pölten am Landestheater dem österreichischen Publikum präsentiert, im Februar 2015 hat er am Wiener Volkstheater Regie geführt, wo er das Theaterstück Haben/Tiszazug von Julius Hay auf die Bühne gebracht hat. (Was für ein „Zufall“: im Stück geht es auch um Macht, Gier, Armut, Aussichtslosigkeit …) Viele von unseren Hungarologie-StudentInnen haben das Stück in einem von der Abteilung organisierten Theaterbesuch gesehen.

Alföldi hat in einem kurzen aber klarem Überblick geschildert, wie geteilt die ungarische Theaterwelt heutzutage ist: die Politik ist überall da, alle Entscheidungen werden unter politischen Einflüssen getroffen, für die aktuellen Machthaber ist es sehr wichtig, dass sie ihre eigenen regimetreuen Funktionäre in allen wichtigen Positionen platzieren können. Diejenigen, die sich nicht der Macht unterwerfen, bekommen kaum noch Arbeitsmöglichkeiten, werden finanziell in eine aussichtslose Situation gebracht. Einige Regisseure gehen ins Ausland, weil sie in Ungarn einfach „unerwünscht“ sind. Autoren, Künstler, die ihre Kritiken gegen das Regime offen artikulieren und verantwortungsvoll denken, werden als Landesverräter abgestempelt.

Das heutige von dem Regime unterstützte Theater muss ein idyllisches Bild über die schöne Vergangenheit von Ungarn malen, das der Erwartungen der Macht entspricht. Obwohl diese Theater sehr große staatliche finanzielle Unterstützung erhalten, sind ihre Zuschauerräume ziemlich leer.

Alföldi hat auch eine kleine Geschichte erzählt, die sehr treffend den Mechanismus der heutigen politischen System illustriert: „Unlängst habe ich in einem Komitatssitz Regie geführt. Der Intendant des Theaters dieser Kleinstadt hat mich eingeladen, obwohl er wusste, dass ich für das heutige politische Regime unerwünscht bin. Der Intendant selbst ist auch ein Fidesz-Sympathisant. Die gemeinsame Arbeit war sehr erfolgreich für das Theater, sowohl künstlerisch, als auch finanziell. Der regierungstreue Bürgermeister der Stadt hat mir auch sehr herzlich zu der Produktion gratuliert. Am nächsten Tag hat er den Intendanten am Theater angerufen und ihm alle weitere Mitarbeit mit mir verboten.“

Der Vortrag Alföldis entwickelte sich zu einer spannenden Diskussion, es regnete Fragen und es ging bald nicht mehr nur um das Theater.

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Viele der anwesenden Studierenden beschäftigte die Frage, wieso die Menschen in Ungarn ihre Meinung nicht öffentlich äußern, warum sie nicht mit den Mitteln der Demokratie für ihre eigene Rechte kämpfen? Ein möglicher Grund dafür wäre laut Alföldi, dass sich die Menschen in ihrer Existenzen bedroht fühlen (das betrifft auch SchauspielkollegInnen). Die Unsicherheit und die Armut machen die Angst noch größer und tiefer. Wenn man ausgeliefert ist, wird man leicht opportunistisch und schweigt lieber, da schließlich jeder eine Familie hat, die man finanziell unterhalten muss. In dieser Passivität ist auch die Verantwortung der Opposition groß, weil sie überhaupt keine Alternative aufzuzeigen vermag.

Eine Frage betraf auch die politische Orientierung der Jugendlichen: Wieso konnte es dazu kommen, dass ein bedeutender Teil der StudentInnen in Ungarn „Jobbik“-Anhänger sind. (Jobbik ist eine rechtsextreme ungarische Partei.) Nach Meinung Alföldis wäre dafür eine mögliche Erklärung, dass sich die ungarische Gesellschaft noch immer nicht mit ihrer eigenen Vergangenheit auseinandergesetzt hat. Es wird noch immer „die tragische Vergangenheit von Ungarn” als Schutzschild beschworen, statt endlich gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen. Man denkt nicht darüber nach, ob etwas gut oder schlecht sei, es gibt keine rationalen Argumente in der Diskussionen, es gibt nur heftige emotionelle Reaktionen. Viele ungarische Familien sind durch die Trianon-Geschichte betroffen: Und es kann ja nicht sein, dass (Ur)Großväter für eine Idee/Sache gestorben sind, die nicht einmal richtig gewesen sein soll. Diese junge Menschen haben sich das Ziel gesetzt, den Familienlegenden folgend die Namen der Großväter sauber zu waschen. Solange man die Vergangenheit nicht verarbeitet hat, kann man sich nicht offen mit den Problemen der Gegenwart auseinandersetzen, so Alföldi.

Es kam auch zu einem anderen wichtigen Thema, das in letzter Zeit große Diskussionen auslöst hat: das Bildungswesen. Die Regierung in Ungarn zentralisiert die Schulen, hat vorgeschrieben, aus welchen Schulbüchern in den Schulen unterrichten werden soll, und will durch verschiedene, von der Regierung gegründete Gremien einen großen Einfluss auf die Autonomie der Universitäten ausüben. Alföldi meinte, dass es derzeit nicht das Ziel sei freidenkende, kreative Menschen zu erziehen, sondern eher Menschen heranzubilden, die in die von der Macht geschaffene Welt passen. Die Sache, so Alföldi, dürfe man aber nicht so einseitig betrachten: wir alle dürfen nie unsere eigene Verantwortung vergessen.

Zum Schluss kehrte das Gespräch zurück zum Theater. Kurz zusammengefasst ist die Aufgabe des Theaters laut Alföldi, auf die Phänomene der gegebenen Gesellschaft zu reagieren, die gegebenen Probleme aufzuzeigen. Wenn die Machthaber ihre eigenen Leute in wichtige Positionen kommen lassen, kann das Theater seine Aufgaben unmöglich erfüllen und wird zum Diener der regierenden Macht.

Trotz allem sei er Idealist und glaube daran, dass das Theater doch die Gesellschaft ändern könne. Im Theater müsse es sich ja letztendlich um das Theater drehen.

Vielen Dank an Róbert Alföldi und das Publikum für das offene, spannende und aufschlussreiche Gespräch!

Gastprof. Dr. Kristina Malmio schreibt über ihre Zeit in Wien

[Doz. Dr. Kristina Malmio von der Universität Helsinki hatte im Sommersemester 2014 an unserer Abteilung die Gastprofessur für finnische Literatur inne. Sie war, wie es derzeit aussieht, die vorletzte Gastprofessorin an unserer Abteilung, denn nachdem sich das Finanzierungsmodell des finnischen CIMO verändert hat, will die Universität Wien die früher gemeinsam finanzierte Gastprofessur nicht mehr alleine aufrechterhalten. Über die Zukunft des Unterrichts der finnischen Literatur wird zurzeit verhandelt.

Während ihres Aufenthaltes in Wien wurde Kristina Malmio zur Universitätslektorin für nordische Literatur an der Universität Helsinki gewählt. Zurzeit leitet sie dort das Forschungsprojekt Spätmoderne Spatialität in der finnlandschwedischen Prosa 1990–2010.

Über ihre Zeit in Wien berichtete Kristina Malmio in der finnischen literaturwissenschaftlichen Zeitschrift Avain (Nr. 4/2014). Wir veröffentlichen ihren Text jetzt in deutscher Übersetzung in unserem Abteilungsblog, selbstverständlich mit ihrer Erlaubnis – und mit herzlichem Dank für ihren inspirierenden Unterricht und ihre Kooperationsbereitschaft. Kristina, du fehlst uns sehr!]

 

Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen,

ich arbeitete im Frühjahr 2014 ein halbes Jahr lang als Gastprofessorin für finnische Literatur an der Universität Wien. Meine Stelle wurde von CIMO [Centre for International Mobility im Finnischen Unterrichtsministerium] und der Universität Wien finanziert und gehörte zum Fach Finnougristik. Die Finnougristik wiederum, gemeinsam mit der Skandinavistik, der Nederlandistik und der Vergleichenden Literaturwissenschaft, gehört zum Institut für Europäische und Vergleichende Sprach- und Literaturwissenschaft. Finnisch, Estnisch und Ungarisch sind in den gleichen Räumlichkeiten untergebracht, und meine nächsten KollegInnen waren Sprach- oder LiteraturwissenschaftlerInnen, ForscherInnen der Finnougristik, der vergleichenden Literaturwissenschaft oder der ungarischen Literatur. Zusätzlich arbeitete ich auch mit KollegInnen der Skandinavistik zusammen.

Die Rahmenbedingungen waren beeindruckend: In Wien ist alles groß und alt. Die Universität wurde 1365 gegründet. Sie ist die älteste Universität des deutschsprachigen Raumes, eine der größten in Zentraleuropa und die größte in Österreich. Das im Jahre 1884 im historistischen Stil erbaute, einen ganzen Block umfassende Hauptgebäude kann man mit gutem Grund Palast der Wissenschaft nennen. Das Gebäude würde Fredric Jameson gutes empirisches Material für seine Reflexionen darüber bieten, wie der Raum auf den Menschen wirkt und wirtschaftliche Megatrends ausdrückt. Die detailreiche Architektur des Gebäudes, mit Treppen und Stiegenhäusern in zahllosen Richtungen, hat für einen mit der funktionalistischen Geradlinigkeit sozialisierten Finnen einen zugleich verblüffenden und erheiternden Effekt. Sprachlos wird man aber bei der Gedenktafel für einen jüdischen Studenten [!], der 1933 [!] im Gebäude ermordet wurde. [Hier wird wohl der Mord an Moritz Schlick i.J. 1936 mit den antisemitistischen Gewalttätigkeiten von 1933 verwechselt.]

In Wien bekommt man schnell das Gefühl, dass Helsinki irgendwo in der unwirklich fernen Peripherie liegt. Nach Budapest kommt man in einer Stunde, auch nach Prag dauert die Fahrt nicht lange, und Italien ist nicht weit. Der Wiener kennt seine eigene Würde, ändert sich nur langsam, aber verfügt über reichlich Selbstironie. Warum sollte man etwas anders machen, bei uns wird es seit zweihundert Jahren so (auf diese, aus skandinavischer Sicht unpraktische Art und Weise) gemacht, sagt der Wiener und lacht. Sowohl die Stadt als auch die Universität stellen eine Kombination von Alt und Neu dar, konservative Trägheit und neueste Strömungen existieren zugleich. Einerseits findet man gewisse Konventionen komisch, so wie die Anreden (sehr geehrte Frau Professor), andererseits wird in Wien effizient digitalisiert und internationalisiert, und die Universität bietet gut funktionierende Internetdienste auf verschiedensten Gebieten an.

Zu den Forschungsschwerpunkten in der Finnougristik gehören Mehrsprachigkeit, Geschichte der ungarischen Literatur und Kultur sowie die Geschichte, Kontakte und Typologie der finnougrischen Sprachen. Die ForscherInnen hatten sehr verschiedene Forschungsinteressen. Die Hungarologie bedeutet in der Praxis die Erforschung der ungarischen Literatur, unter den VertreterInnen der vergleichenden Literaturwissenschaft waren auch KulturwissenschaftlerInnen, und ein Teil des Personals erforschte die Typologie der uralischen Minderheitssprachen. Im Gange sind Projekte zur Digitalisierung der ungarischen Presse des 18. und 19. Jahrhunderts sowie zur Lexikographie der marischen Sprache. Im vorigen Jahr endete das internationale Projekt ELDIA (European Language Diversity for All), in welchem die Vielfalt der europäischen Minderheitssprachen und die Mehrsprachigkeit der Minderheiten erforscht wurde; Professor Johanna Laakso gehörte zur Leitung des Projekts. Die Stellung der jungen und auch etwas älteren ForscherInnen ist schwierig, genauso wie in Finnland: Es gibt wenig Finanzierungsmöglichkeiten, und die Konkurrenz ist hart. Als Standort ist Wien sehr international: Die ForscherInnen des Instituts waren mal in Indien, mal in Kroatien unterwegs, und es gab sehr viele Gastvorträge. Während des Frühlings gastierten an der Universität unter anderen Judith Butler sowie die Narratologen Ansgar und Vera Nünning.

Finnland in Europa, Europa in Finnland

In Wien wählen die Studierenden der Finnougristik entweder die Hungarologie oder die Fennistik als Hauptfach. Das BA-Studium der Fennistik beginnt mit der STEOP-Einheit (15 ECTS), bestehend aus den Grundkursen der Literatur- und Sprachwissenschaft, dem Grundkurs der finnischen Literaturgeschichte und der Landeskunde.

Der Einführungskurs der Literaturwissenschaft bringt allen die Grundlagen der Literaturforschung bei. Das zum Kurs gehörende, online angebotene Skriptum (84 S.) ist ihren finnischen Entsprechungen ziemlich ähnlich. Der größte Unterschied besteht wohl darin, dass die Geschichte und Begriffe der Hermeneutik in der Einführung ziemlich viel Aufmerksamkeit bekommen und dass die Rhetorik und die Poetik sehr ausführlich behandelt werden. Die Beispiele kommen vorwiegend aus der deutschsprachigen Literatur.

Während des ersten Studienjahres absolvieren die Studierenden der Fennistik zwei Kurse der Literaturgeschichte, in denen der Finnischlektor Mikko Kajander die zentralsten Entwicklungsphasen und Werke der finnischen Literatur behandelt, von Agricola bis zu unseren Tagen. Der/die GastprofessorIn soll die finnische Literatur und Literaturwissenschaft unterrichten und die schon erworbenen Kenntnisse vertiefen. Ich unterrichtete während des Sommersemesters vier Kurse: Moderne finnische Literatur 1990–2010, Geschichte und Entwicklung der finnlandschwedischen Literatur, Übungen in Theorien und Methoden der Literaturforschung sowie die Literaturwissenschaftliche Übung 2, in der die Studierenden eine von ihren zwei Bachelorarbeiten schreiben. Die Studierenden kamen vorwiegend aus der Finnougristik und der Skandinavistik, und die Gruppen waren klein: in den Vorlesungen saßen 15–20 Personen, und 5 Bachelorarbeiten wurden verfasst.

Die Studierenden beherrschen Finnisch nicht (unbedingt) gut genug, um die Texte in finnischer Sprache lesen zu können, weshalb die Lehrmaterialien auch auf Deutsch zugänglich sein mussten. Meine Kurse waren dementsprechend ziemlich vielsprachig: Unterrichtet wurde auf Englisch, und die Studierenden lasen finnische Literatur in deutscher Übersetzung. Für die Prüfungen und Aufgaben durften sie Englisch, Deutsch, Finnisch oder Schwedisch verwenden. O, hätte ich bloß nach der Frankfurter Buchmesse in Wien arbeiten können, dachte ich oft während dieses Sommersemesters – im Zusammenhang mit der Messe erschienen nämlich 130 neue deutsche Übersetzungen der finnischen Literatur. Der Mangel an brauchbaren deutschsprachigen Texten stellte eine Beschränkung für die Gestaltung der Kursinhalte dar. So gibt es z.B. fast keine deutschen Übersetzungen der neuen finnischen Dichtung.

Wer die finnische Literatur im Ausland unterrichtet, muss sich in praxi dauernd mit der vergleichenden Literaturforschung beschäftigen. Einerseits bin ich für meine Studierenden “Finnland in Europa”, die Personifizierung der Kultur, die ich unterrichte. Es ist wichtig, was die Studierenden von der finnischen Geschichte, Gesellschaft und Kultur durch die finnische Literatur lernen. Andererseits soll ich die neuen Kenntnisse damit verbinden können, was die Studierenden im vornhinein wissen. Zur Strategie wählte ich “Europa in Finnland”, d.h. die Verbindungen zwischen der finnischen Literatur und den politischen und literarischen Strömungen in Europa. Weil aber der Unterricht am Institut einen starken sprachwissenschaftlichen Schwerpunkt hat, musste ich zuerst die Kenntnisse der Studierenden von z.B. Symbolismus oder Postmodernismus vertiefen.

In einer neuen Umgebung kann die eigene Kultur plötzlich fremd wirken, auf eine sehr erfrischende Art und Weise. “Entschuldigung, was ist das Mumintal?” – fragte während der Vorlesung zur finnlandschwedischen Literatur ein Student mit Hauptfach Medienwissenschaft. Es war interessant, finnisch- und deutschsprachige Textversionen miteinander zu vergleichen. “Matami Röhelin”, die Erzählung von Maria Jotuni, heißt z.B. in der deutschen Übersetzung “Madame Röhelin”, was zu interessanten Fehldeutungen von Repräsentationen der Gesellschaftsklassen führen kann. Beim Unterricht ging es oft darum, was ein Begriff im finnischen Kontext bedeutet, z.B. dass das Anredewort matami auf eine ganz andere Gesellschaftsschicht hinweist als Madame im Deutschen. Die Studierenden interessierten sich für die moderne finnische Literatur, vor allem Krimis: zwei von den fünf BA-Arbeiten behandelten finnische Krimis, bei den anderen ging es um die Autorinnen Sofi Oksanen, Leena Lander und Minna Canth.

Die dritte Dimension in meinem Unterricht stellte der nordische Kontext dar. Gemeinsam mit den Lektorinnen der Skandinavistik veranstaltete ich das Seminar Der kleine Nobelpreis – Nordic Council Literature Prize 2014. Unser Ziel war, die Studierenden mit dem Literaturpreis des Nordischen Rates, mit der modernen nordischen Literatur und miteinander besser vertraut zu machen. Bei der Veranstaltung trugen die nordischen Lehrkräfte über die heutigen Literaturtrends ihrer Länder vor, und im Rahmen von Workshops stellten die Studierenden einander die Preiskandidaten von 2014 vor. Die Werke von Kjell Westö und Henriikka Tavi stellten einen Teil des Kurses der modernen finnischen Literatur dar. Das Seminar hatte insgesamt 80 TeilnehmerInnen, und den Studierenden gefiel besonders, dass die finnische Literatur im nordischen Kontext vorgestellt wurde.

Die studentische Evaluation der Lehre funktionierte ganz anders als in Finnland. Die Evaluationsfragebögen wurden mir in einem Sammelkuvert geliefert, in den Lehrveranstaltungen wählten die Studierenden unter sich einen Vertreter, der die ausgefüllten Formulare einsammelte, das Kuvert zuklebte und mit seiner Unterschrift bestätigte, dass ich die Antworten nicht gesehen hatte. Danach wurden die Antworten an die der Zentralverwaltung untergeordnete Evaluationseinheit geliefert, und von dort bekam ich elektronisch eine 6-seitige (!) Analyse meines Kursfeedbacks.

Die Zeit in Wien bedeutete für mich eine Synthese meiner “vaganten” Forscherkarriere: ich habe an der Åbo Akademi allgemeine Literaturwissenschaft studiert, im Fach Nordische Literatur gearbeitet und dann sowohl die finnlandschwedische als auch die finnischsprachige Literatur erforscht. Diese Dimensionen konnte ich sowohl im Unterricht als auch bei meinen Gastvorlesungen kombinieren. Es war interessant, die Lehre, Forschung und Administration einer ausländischen Universität kennenzulernen.

Vieles an der Universität Wien war so wie in Helsinki vor zehn Jahren: Die Finnougristik hat eine kompetente Sekretärin, eine eigene, vielseitig ausgerüstete Bibliothek und eine engagierte Bibliothekarin. Daran, wie wichtig diese Funktionen sind und wie sie die Forschung und die Lehre auf so viele Weisen unterstützen, konnte ich mich sehr gut erinnern, als ich sie noch für ein halbes Jahr zurückbekam. Dank ihnen kann die Forscherin frei forschen, die Lehrerin unterrichten. Warum sollte man dies anders machen, weil es ja seit zweihundert Jahren auf diese praktische Art und Weise gemacht wird, sagt der Wiener und lacht.

P.S. In Wien gehört Pflichtlatein immer noch zum humanistischen Universitätsstudium.

Internationale Winterschulen – die Tradition lebt weiter

Vor zwei Jahren wurde zum ersten Mal die Internationale Winterschule der Finno-Ugristik veranstaltet, im Rahmen eines Erasmus-Intensivprogramms und in Wien. Die Idee war brutal einfach; jetzt, im Nachhinein, fragt man sich, wieso niemand früher darauf gekommen war, die knappen Ressourcen der kleinen finnisch-ugrischen Universitätsinstitute zusammenzubündeln. Im Rahmen von einer gemeinsamen Lehrveranstaltung kann man einer größeren Gruppe von Studierenden solche Inhalte – Spezialkurse, kleine finnisch-ugrische Sprachen evtl. mit Unterstützung von muttersprachlichen Lehrkräften – anbieten, die sich kleine Institute nicht immer leisten können. Außerdem kommen Studierende aus vielen Universitäten und Ländern zusammen, können einander kennenlernen und neben der internationalen Vernetzung auch die konkrete Kooperation z.B. im Rahmen von Gruppenarbeiten üben.

München 2015: Michael Rießler beginnt den Kurs des Kildinsaamischen, im Hintergrund einige Wiener Gesichter.

München 2015: Michael Rießler beginnt den Kurs des Kildinsaamischen, im Hintergrund einige Wiener Gesichter.

Eigentlich war die Wiener Finno-Ugristik schon früher an etwas ähnlichen Kooperationsprogrammen beteiligt gewesen. Im Rahmen von einem früheren Erasmus-Netzwerk von hungarologischen und finnougristischen Instituten fanden in den 1990er und in den Nullerjahren Erasmus-Intensivprogramme statt, mit breiten interdisziplinären (und oft eher kultur- und literaturwissenschaftlichen) Themen. Die zwei ersten Internationalen Winterschulen, organisiert von der Wiener Finno-Ugristik (auch wenn im Jänner 2014 die Winterschule physisch in Szeged stattfand), hatten einen deutlicher finnougristischen und sprachwissenschaftlichen Schwerpunkt. Das Programm bestand aus Sprachkursen in „kleinen“ finnougrischen Sprachen (2013 waren es Nordchantisch und Nganasanisch, 2014 Nenzisch und Marisch, auch das weniger unterrichtete Bergmarisch) und thematischen Workshops zu verschiedenen Teilgebieten der Sprachwissenschaft und technischen Fähigkeiten (so wie wissenschaftliches Schreiben oder Erstellen von Posters). Mit der Projektfinanzierung wurde es auch möglich, externe „Gurus“ einzuladen, so wie Peter Austin (SOAS London), der gemeinsam mit den eigenen Leuten der Teilnehmerinstitute einen Workshop über Dokumentation von gefährdeten Sprachen hielt.

Die zweiwöchigen Winterschulen (eine Mindestdauer von 10 Arbeitstagen wurde vom Erasmus-Rahmen vorausgesetzt) verlangten viel Arbeit, Logistik und Engagement, entwickelten aber auch ihre eigene soziale Dynamik. Vulgo: es machte Spaß!

Hello Kitty, nordchantisch gestylt

Hello Kitty, nordchantisch gestylt von unseren KollegInnen in Szeged

Nach 2014 änderte sich das Erasmus-System, und Intensivprogramme nach dem alten Konzept werden im neuen Erasmus+-Rahmen nicht mehr gefördert. Nach den guten Erfahrungen wollten wir trotzdem nicht aufgeben. Es wird ja immer deutlicher, dass kleine Disziplinen und Fächer nur mit Hilfe von internationalen Kooperationen, als Teil von internationalen Netzwerken, die Entscheidungsträger von ihrer Nützlichkeit überzeugen und überhaupt überleben können. Außerdem: die Winterschulen machen weiterhin Spaß!

Die heurige Winterschule wurde also auf Patchwork-Basis finanziert: Alle Teilnehmerinstitute trieben das Geld für die Reise- und Unterkunftskosten von ihren Studierenden aus ihren eigenen Quellen auf, und die Lehrkräfte unterrichteten gratis, aus Liebe zur Kunst. Finno-Ugristik macht man ja sowieso nicht aus Geldgier sondern aus Begeisterung! Diesmal dauerte die Winterschule „nur“ eine Woche, vom 9. bis 14. Februar. Dafür hatten wir zwei neue Partnerinstitute an Bord: zusätzlich zu Wien, München, Hamburg, Szeged, Helsinki und Tartu, die schon an den ersten zwei Winterschulen teilnahmen, waren heuer auch Studierende und Lehrende aus Turku und Uppsala dabei.

Die ProfessorInnen Sirkka Saarinen (Turku) und Rogier Blokland (Uppsala)

Die ProfessorInnen Sirkka Saarinen (Turku) und Rogier Blokland (Uppsala)

Standort in diesem Jahr war München, wo das Institut für Finno-Ugristik/Uralistik heuer sein 50jähriges Bestehen feiert; aus diesem Anlass wurde auch für die TeilnehmerInnen der Winterschule ein kleiner Empfang veranstaltet, mit gutem ungarischen Wein (Spende des ungarischen Konsulats).

Die Gastgeberin, Frau Prof. Elena Skribnik, eröffnet die 50jahresfeier

Die Gastgeberin, Frau Prof. Elena Skribnik, eröffnet die 50jahresfeier

Im Programm waren ein Kurs des Kildinsaamischen (von Rogier Blokland aus Uppsala und Michael Rießler aus Freiburg), ein Workshop über Korpuslinguistik (mit zwei Gastlehrenden, Hans-Jörg Schmid aus München und Martin Hilpert aus Neuchâtel in der Schweiz, über Skype und, letztendlich, YouTube), Vorlesungen über Etymologie, und nach bewährter Tradition ein Kolloquium mit Präsentationen von Studierenden und DoktorandInnen.

Selbstverständlich wollen alle Beteiligten die Kooperation fortsetzen. Momentan wird fieberhaft an einem Erasmus+-Antrag gearbeitet. Wie gesagt, werden Intensivprogramme nach dem alten Modellen nicht mehr gefördert, möglich aber ist ein internationales Kooperationsnetzwerk, das nicht nur Winterschulen nach dem bisherigen Konzept sondern auch gemeinsame eLearning-Kurse und Lehrendentreffen beinhalten würde. Die Finno-Ugristik ist sowieso international, die Frage lautet nur, ob es die guten Leute in Brüssel auch verstehen werden. Wir hoffen das Beste.

(Weitere Photos gibt es hier, sowie auf der Facebook-Eventseite.)

Ausblick: Gäste und neue Lehrende im Sommersemester 2015

Johanna Laakso

 

Diese Geschichte hat einen traurigen Anfang und, hoffentlich, ein etwas optimistischeres Ende.

Seit 2003 hat die Wiener Finno-Ugristik in jedem zweiten Semester eine/n GastprofessorIn aus Finnland bekommen (die Liste von allen bisherigen GastprofessorInnen steht auf der Abteilungshomepage). Nach der Pensionierung unserer langjährigen Finnischlektorin Anja-Leena Holtari, die sich gerne auf die Literaturwissenschaft konzentriert hatte, und mit der Einführung von neuen Curricula wurde die Arbeitsteilung so umgestellt, dass die GastprofessorInnen für den Unterricht der finnischen Literaturwissenschaft zuständig sind; auf ihrer Verantwortung sind vor allem die letzten Lehrveranstaltungen des BA-Curriculums, wo unsere BA-Studierende der Fennistik noch eine Vorstellung davon bekommen können, was die finnische Literaturwissenschaft heute bedeutet. Das System wurde gemeinsam von der Universität Wien und vom CIMO (Centre for International Mobility am finnischen Unterrichtsministerium) finanziert und funktionierte reibungslos und zur vollsten Zufriedenheit aller Beteiligten, bis…

… im vorigen Studienjahr das Finanzierungsmodell des CIMO plötzlich geändert wurde. Wie überall in Europa, muss auch in Finnland gespart werden, und wie wir von CIMO erfahren haben, sollten jetzt die weniger werdenden Gelder an möglichst viele ausländische Partnerinstitutionen verteilt werden – und anstatt der längerfristigen oder dauernden, schon bewährten Kooperationen soll das CIMO jetzt Innovationen, neue Anfänge und kürzerfristige Projekte fördern. Trotz mehrerer Versuche gelang es uns nicht, mit einem Neuantrag zumindest eine kleinere Projektförderung zumindest für die folgenden zwei Jahre zu gewinnen. Für dieses Studienjahr haben wir noch eine Gastprofessur von der Universität Wien finanziert bekommen. Was danach folgen wird, wissen wir noch nicht. Wir können nur hoffen, dass bei den Zielvereinbarungsverhandlungen die Universitätsleitung versteht, wie wichtig die Gastprofessur für uns ist – vor allem, weil in Wien keine qualifizierten finnischen LiteraturwissenschaftlerInnen frei herumlaufen, die man für einen Lehrauftrag anstellen könnte.

In diesem Sommersemester wird also noch eine Gastprofessorin aus Finnland zu uns kommen.

Frau Dr. Tiina Käkelä-Puumala ist eine Literaturwissenschaftlerin, die u.a. an der Universität Helsinki unterrichtet hat. Sie hat besonders das Verhältnis zwischen Wirtschaft, Geld und Literatur erforscht, aber in ihren Publikationen (s. Forschungsdatenbank der Universität Helsinki) behandelt sie auch solche Themen wie Gefühle und Tod in der Literatur. Gemeinsam mit Outi Alanko hat sie ein Handbuch über die Grundbegriffe der Literaturwissenschaft herausgegeben.

 

Außerdem bekommen wir zwei kürzerfristige Gäste aus Finnland, deren Aufenthalte und Blocklehrveranstaltungen teilweise vom CIMO finanziert werden. (Frau Prof. Ruotsala hätte eigentlich hätte uns schon im Herbst besuchen sollen, aber die Lehrveranstaltung musste krankheitshalber abgesagt werden.)

 

Frau Dr. Riitta Oittinen, Lektorin am Institut für Sprach-, Übersetzungs- und Literaturwissenschaften der Universität Tampere ist Spezialistin des multimodalen Übersetzens sowie des Übersetzens von Kinderliteratur. Sie ist auch selbst Übersetzerin und Künstlerin (auf ihrer Homepage, die leider nicht mehr ganz frisch ist, nennt sie sich kuvantekijä, ‘Bildermacherin’), hat Kinderliteratur illustriert und Animationsfilme für Kinder gemacht. Bei uns wird sie eine Blocklehrveranstaltung halten, deren Arbeitstitel vorerst Kuvakirja kääntäjän kädessä ‘Ein Bilderbuch in der Hand des Übersetzers’ lautet.

 

Frau Prof. Dr. Helena Ruotsala ist Professorin für Ethnologie an der Universität Turku. Zu ihren Forschungsinteressen gehören u.a. die Umwelt im Norden und deren Änderungen, Rentierzucht und Tourismus im Hohen Norden, Ethnopolitik und Identitätsfragen. Sie hat mehrere Projekte geleitet, z.B. das Forschungsnetzwerk Gendered Rural Spaces, dessen Forschungsergebnisse in Buchform im 2010 erschienen sind, und das Projekt Rajalla (‘An der Grenze’), wo die Konstruktion von Identitäten und der grenzenüberschreitende Alltag von Menschen in den Zwillingstädten Tornio-Haparanda an der finnisch-schwedischen Grenze erforscht wurden. Gemeinsam mit Doz. Ildikó Lehtinen aus Helsinki hat sie den Alltag der Frauen in ethnischen Minderheitengemeinschaften erforscht; auf den Ergebnissen von Feldforschungen in Mari El basiert der von Ildikó Lehtinen herausgegebene Sammelband ‘Die Töchter des Weißen Gottes’, der 2009 auf Marisch und Finnisch erschien. Über ihren Alltag, ihre Arbeit und ihre Forschungsreisen bloggt sie unter dem Titel „Serendipity“ (http://serendipitybyanethnologist-helena.blogspot.co.at/). Ihre Blocklehrveranstaltung, „Aktuelle Blickwinkel auf die Kulturforschung in Finnland“, wird sich um die ethnologische Erforschung der finnischen Kultur handeln, jenseits der Stereotypien von Schweigsamkeit, Trinksucht und Tangos.

 

Und zu guter Letzt: Da uns heuer überraschenderweise etwas Spielraum mit den Lehraufträgen blieb, werden wir im Sommersemester eine ziemlich einzigartige Lehrveranstaltung anbieten können, mit dem Titel Wer spricht welche Sprache mit wem in der Europäischen Union? Die Lehrbeauftragte, Frau Mag. Katja Jääskeläinen, wohnhaft in Wien und als professionelle Übersetzerin und Dolmetscherin bei ScanLang tätig, arbeitete einige Jahre lang in Brüssel im Rahmen eines Sprachprojekts und wird in diesem Kurs verschiedene Fragen von finnougrischen und anderen „kleinen“ Sprachen in der EU behandeln.

Georg Lukács revisited: Gedanken zur möglichen Aktualisierung der philosophischen und politischen Konzepte eines der bedeutendsten Denker des 20. Jahrhunderts.

Andrea Seidler

 

Am 2. und 3. Dezember 2014 veranstalteten MitarbeiterInnen unserer Abteilung (siehe dazu das neu gegründete Forschungsforum Georg Lukács im Kontext: http://georg-lukacs.univie.ac.at) gemeinsam mit der Bibliothek der Ungarischen Akademie der Wissenschaften und dem Balassi Institut Collegium Hungaricum eine Tagung zum Thema Nachlässe ungarischer Philosophen und Theoretiker des 20. Jahrhunderts und deren philologische Bearbeitung (Georg Lukács im Fokus der Forschung).

Unter internationaler Beteiligung wurden in erster Linie zwei wissenschaftliche Fragenkomplexe erörtert: die erste behandelte den Nachlass des Philosophen, seinen Briefwechsel mit bedeutenden Zeitgenossen wie Ernst Bloch, Béla Balázs uvm., der im Budapester Georg Lukács Archiv verwahrt wird, und dessen Bestände unsere ForscherInnengruppe derzeit aufarbeitet. Die zweite bezog sich auf Georg Lukács als einen die europäische Linke prägenden Denker des 20. Jahrhunderts, der in Ungarn selbst äußerst kontroversiell – vor allem von einem politischen Blickwinkel aus – diskutiert wird, im angelsächsischem Raum und in Italien allerdings auf wesentlich pragmatischere analytische Annäherungsweisen trifft.

Die Gäste der Konferenz waren neben zahlreichen VertreterInnen des Georg Lukács Archives in Budapest unter anderem die Philosophin Agnes Heller, selbst in ihrer frühen Phase Schülerin und enge Vertraute von Lukács sowie Mauro Ponzi aus Rom/Italien. Ponzi analysierte den Einfluss der Philosophie von Karl Marx auf die europäischen linken Denker in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, während Heller über mögliche Lesarten des Lukács’schen Werkes in unserer Zeit sprach.

Die Wiener Kollegen sprachen über die Verbindungen, die Georg Lukács zu in Wien lebenden Philosophen, Journalisten und Politikern über Jahrzehnte aufrecht erhielt. Es waren dies vor allem Ernst Fischer, Günther Anders und Günther Nenning, deren Briefwechsel mit Lukács eben auf ihre Bearbeitung warten.

Die Tagung stand auch in enger Verbindung mit der Lehre an unserer Abteilung: Studierende nehmen im WS 2014/15 an einem Projektpraktikum teil, das die Aufarbeitung der Briefe Georg Lukács’ in einer gezielten Auswahl zum Thema hat. Dazu wurde im November auch eine dreitägige Exkursion nach Budapest veranstaltet, die der Gruppe die Möglichkeit bot, mit original Handschriften zu arbeiten und grundsätzlich umfassenden Einblick in die Tätigkeit von Archivaren zu bekommen.

Mehr dazu demnächst, wenn die Plattform der Studierenden, die gerade im Entstehen ist, präsentiert wird.

All diejenigen, die sich für unseren Forschungsschwerpunkt interessieren:

Kontakt Andrea.seidler@univie.ac.at, Wolfgang.Mueller-Funk@univie.ac.at, Erika.regner@univie.ac.at oder Zsuzsa.Gati@univie.ac.at,

Siehe auch unsere homepage http://Georg-Lukacs.univie.ac.at

sowie den Programmfolder der Veranstaltung http://georg-lukacs.univie.ac.at/uploads/media/Lukács_Tagung_Program_Final.pdf

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Indien und Korea als wissenschaftliche Kooperationspartner der Wiener Finno-Ugristik. Ein Bericht.

von Andrea Seidler

Im Rahmen zahlreicher Abkommen der Philologisch-Kulturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien ist auch die Abteilung für Finno-Ugristik aktiver Partner in der Kooperation mit ausländischen Universitäten. Ich möchte hier zwei enge Partner unserer Abteilung beschreiben, die wir regelmäßig besuchen, dort unterrichten, an deren Konferenzen wir teilnehmen und mit denen wir auch gemeinsam publizieren.

Einer der interessantesten Kooperationspartner ist zweifelsohne die Universität von Pune in Indien. Eine Delegation unserer Fakultät besuchte die Universität das erste Mal im Jahre 2009, zwei weitere Male 2012 und 2014.

Der erste Anlass war eine Tagung über “Language and Identity” im September 2009. Ich hielt dort einen Vortrag über Mehrsprachigkeit im Königreich Ungarn im 18. und 19. Jahrhundert, ein Thema, das in Indien, einem traditionell mehrsprachigen Land (22 offizielle Landessprachen, über 1000 Dialekte) großen Anklang fand.

Die zweite Tagung, zu der wir eingeladen wurden, beschäftigte sich gezielt mit Mehrsprachigkeit als indisches aber auch als europäisches Phänomen. Es ging dabei um die Frage, wie der Subkontinent Indien und die Europäische Union mit der Mehrsprachigkeit in Theorie und Praxis verfährt. Ich hielt einen Vortrag zum Thema „Wem gehört ein Autor?“, in dem ich der Frage nachging, wie ehemals osteuropäische Schriftsteller auf dem deutschen Buchmarkt präsentiert werden und wie viel von ihrer ungarischen Identität als Folge dieses Vermarktungsprozeß übrig bleibt. Auch die Rolle Österreichs, die auf diesem Gebiet an Bedeutung abnimmt und allmählich marginal ist, wurde thematisiert.

Die Vorträge dieser Tagung haben wir 2014 bei der Edition Präsens publiziert.

Im heurigen Frühjahr wurden wir (Prof. Wynfrid Kriegleder, Prof. Franz Patocka, Prof. Wolfgang Müller-Funk) zu einem imposanten Kongress anlässlich des 100-jährigen Jubiläums der Germanistik in Indien eingeladen und hielten in Pune selbst mehrere Vorträge. Ich sprach über literarisches Übersetzen und die Bedeutung Shakespeares in der ungarischen Literatur: „Der politisierte Shakespeare: Übersetzungsstrategien im Dienste politischer Programme in Ungarn“. (Goethe Gesellschaft gemeinsam mit Universität Pune, März 2014)

Von Pune aus reisten wir auf Einladung der Indo-German Society und als persönliche Gäste der indischen Frauenrechtlerin und Germanistin Prof. Pawan Surana nach Jaipur, um dort Vorträge zu zentraleuropäischen Literatur zu halten. Im Rahmen eines workhops ging es der Wiener Gruppe vor allem darum, in der Zuhörerschaft ein Bewusstsein für die österreichische (österreichisch/ungarische) Literaturtradition zu wecken und auf die Unterschiede der zentraleuropäischen und der deutschen Literatur aufmerksam zu machen. Die Frage wurde auch aus linguistischer (Prof. Franz Patocka) wie kulturwissenschaftlicher Sicht erörtert (Prof. Müller-Funk).

Kooperation mit Südkorea

Eine zweite wichtige Kooperation besteht mit der Sungshin Women’s University in Seoul Korea, die wir mittlerweile ebenfalls zwei Mal besucht haben. Die Sungshin University – eine Privatuniversität – wurde 1936 gegründet und lässt im BS Studium ausschließlich Frauen zu. Die MA-Studiengänge können auch von Studenten besucht werden.

Das Erste Mal besuchten wir Sungshin im Jahr 2012 gemeinsam mit Prof. Wynfrid Kriegleder. Wir hielten auch dort vor allem Vorträge zu der Frage einer möglichen Abgrenzung der zentraleuropäischen Literatur sowie über die sprachlichen Verhältnisse in der Habsburger Monarchie des 18. und 19. Jahrhunderts.

Auch die Seoul National University lud uns zu Vorträgen ein.

Wir waren sehr überrascht über das gute Niveau der Diskussion – vor allen in sprachlicher Hinsicht – und über den hohen Grad der Informiertheit über das heutige Zentraleuropa, insbesondere auch über die politische Lage in Ungarn.

Im heurigen November verbrachten wir wieder zehn Tage an verschiedenen koreanischen Universitäten, unter anderem an der Sungshin, der Seoul National aber auch an der Hankuk International University.

Wir sprachen über einige Kapitel aus der österreichischen Literatur, unser Kollege Wolfgang Müller-Funk über Franz Kafka und Thomas Bernhard und auch über ungarische Literatur: ich hielt an der Sungshin University einen Vortrag über ungarische Weltreisende des 19. Jahrhunderts, in erster Linie über Ármin Vámbéry und Sámuel Teleki – vor einem reinen Frauenpublikum… – aber das haben wir an unserer Abteilung auch manchmal.

Die Kooperation mit all diesen Institutionen werden wir auf jeden Fall weiterführen und ich möchte auf diesem Weg auch meine KollegInnen und die Studierenden dazu ermuntern, sich über Europa hinaus zu wagen und Austauschprogramme, die die Universität Wien anzubieten hat, auch zu nützen. Sungshin University schickt seit 2010 Studierende nach Wien – auch umgekehrt besteht die Möglichkeit, sich um einen Studienplatz dort zu bewerben. Das gleiche gilt für die Universität Pune. Diese Universitäten haben zwar keine Finno-Ugrischen Departments, aber bieten jedenfalls philologische Ausbildung auf hohem Niveau an. Die Erfahrungen, die man dort sammelt sind auf jeden Fall äußerst wertvoll und eine wunderbare Ergänzung zum Regel-Universitätsstudium und –betrieb.

Anbei einige Fotos von unseren Vortragsreisen nach Indien und Korea.

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Grüße aus Lahti!

Der Unterricht der finnischen Sprache und Kultur an ausländischen Universitäten wird seit Jahrzehnten von UKAN (Ulkomaanlehtori- ja kielikurssiasiain neuvottelukunta, ‘Verhandlungsausschuss zu Auslandslektoren- und Sprachkursangelegenheiten’) koordiniert. Heutzutage ist UKAN ein Organ des CIMO, Zentrum für internationale Mobilität, das wiederum zum finnischen Unterrichtsministerium gehört. Klingt kompliziert, die Aufgabe an sich ist aber einfach: den Finnischunterricht an ausländischen Universitäten zu unterstützen. Einige ausländische Universitäten, vor allem in ärmeren Ländern, bekommen von UKAN Gastlektorate oder finanzielle Unterstützung, um die örtlichen Gehälter wettbewerbsfähig zu machen (das heißt: damit jemand aus Finnland sich wirklich denken kann, dieses Lektorat anzunehmen). Zu den Finnougriern Russlands werden sogenannte SprachassistentInnen geschickt, die oft selbst FinnougristInnen sind und neben dem Finnischunterricht sich auch mit der örtlichen Sprache beschäftigen können, und auch bei uns in Wien waren schon einige junge Leute aus Finnland als CIMO-PraktikantInnen im Finnischunterricht tätig. Außerdem finanziert UKAN kurzfristige Gastlehraufenthalte, schenkt Bücher und Lehrmaterialien – und veranstaltet jeden Sommer eine Konferenz für Fennistikunterrichtende im Ausland.

Die UKAN-Sommerkonferenzen finden immer an verschiedenen Orten statt, damit die TeilnehmerInnen die Gelegenheit haben, Universitäts- und andere Städte überall in Finnland kennenzulernen. Heute hat die Konferenz im südfinnischen Lahti begonnen. Die Stadt ist eher für Wintersport bekannt, hat aber auch ein schönes „Erwachsenenbildungszentrum“ (Aikuiskoulutuskeskus), wo neben der Volkshochschule einige „dislozierte“ Aktivitäten von verschiedenen finnischen Universitäten untergebracht worden sind.

Im Programm sind traditionell wissenschaftliche Beiträge von AuslandslektorInnen und einheimischen ExpertInnen. Außerdem gibt es Abend- und Freizeitsprogramm – die UKAN-Konferenz hat fast immer Schönwetter, diesmal liegt eine Rekordhitze über ganz Finnland – und Besuche von interessanten Kulturschaffenden: Heuer ist Petri Tamminen an der Reihe, ein Schriftsteller, der in der Nähe von Lahti in Vääksy lebt. (Von seinen Werken sind zumindest Enon opetukset / Mein Onkel und ich, Piiloutujan maa / Verstecke und Väärä asenne / Der Eros des Nordens in deutscher Übersetzung erschienen.)

Und… unter den wissenschaftlichen Vortragenden war heuer auch unser Finnischlektor Mikko Kajander. Sein Vortrag knüpfte sich thematisch an seine Doktorarbeit an.

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Das Thema, der Existentialsatz, spielt eine zentrale Rolle in der finnischen Satzlehre. Unter „Existentialsatz“ werden in verschiedenen Sprachen Satztypen verstanden, mit welchen berichtet wird, dass etwas irgendwo existiert oder „ist“; typischerweise werden mit Existentialsätzen neue Personen oder Objekte in den Diskurs „introduziert“, und viele Sprachen haben dafür spezifische Konstruktionstypen entwickelt, so wie Es gibt… oder There is… Im Finnischen wird mit dem Existentialschema auch der Besitz ausgedrückt (‘ich habe’ heißt ungefähr „bei mir ist“), und auch deshalb kommen diese Konstruktionen sehr oft in Texten vor. Außerdem ist das Existentialschema oft mit Unbestimmtheit verbunden, bei welchem der berüchtigte finnische Partitivkasus zum Einsatz kommt, und stellt auch deshalb einen Probestein der Grammatikbeherrschung dar.

Mikko Kajander hat die Existentialsätze „auf dem Pfad des Finnischlernens“ analysiert, anhand von Texten, die von Migrantenkindern in Finnland und von ausländischen Erwachsenen geschrieben worden sind. Obwohl das Erlernen von zentralen grammatischen Merkmalen in den Existentialkonstruktionen bei beiden Gruppen ungefähr in der gleichen Reihenfolge erfolgt, gibt es trotzdem interessante Unterschiede in der Variation und Kreativität bei der Verwendung von diesen Satzkonstruktionen. Die Sprachbeherrschung hat viele unterschiedliche Aspekte und kann nicht unbedingt bei allen Sprachlernenden auf die gleiche Weise, mit gleichen Kriterien bewertet werden.

Nach dem ersten Arbeitstag haben wir noch ein Foto mit jetzigen und ehemaligen Fennistiklehrenden der Universität Wien schießen lassen.

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Vor dem Erwachsenenbildungszentrum stehen (von links) Mikko Kajander, Kirsti Siitonen (Gastprofessorin für Fennistik im Wintersemester 2003–2004), Johanna Laakso, Heidi Vaarala (Gastprofessorin für Fennistik im Sommersemester 2012), Heini Lehtonen (Lektorin für Finnisch 2005–2007) – und schicken ganz herzliche Grüße an alle MitarbeiterInnen, Studierende und FreundInnen der Wiener Finno-Ugristik.