A very exciting evening for all book lovers at the Finno-Ugric department of Uni Wien

Written by our student Theodora Rouseva

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I became familiar with the title of Ilmar Taska’s novel Pobeda 1946 last April, after the biggest Finnish daily newspaper Helsingin Sanomat listed his work among the most remarkable books of the year. Since then, I have been following the growing elation of his readers on social media. That was why the ad about the book presentation featuring Mr. Taska as a special guest was a very pleasant surprise for me.

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The event took place on 9th November at the Finno-Ugric department of Universität Wien. It was organized by the Estonian Embassy in Austria, the Kommode Verlag publishing house and the Universität Wien. Its aim was to launch the novel’s German translation as well as to introduce Mr. Taska to Viennese audience. Other important guests included the ambassador of Estonia in Austria, Rein Oidekivi, and the editor of Kommode Verlag, Annette Berger. The event was hosted by Triinu Viilukas, a lecturer of Estonian language at Universität Wien.

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Ilmar Taska is a writer, film and theater director, screenwriter and producer. He is also well- known for establishing the first private Estonian TV-channel, “channel 2” in the beginning of the 90s. Taska was born in the city of Kirov, then the USSR (present day Russia). His family was deported from Estonia during Stalin’s repressions. He went to the Moscow Film Institute (VGIK) and then studied at the Swedish Film Institute (Dramatiska Institutet) in Stockholm. He was granted a scholarship and furthered his studies in Hollywood, where he worked as a screenwriter and a producer. He directed the films Set Point (2004) and Thy Kingdom Come (2010), co-wrote and produced the film Back in the USSR (1992) and produced the films Candles in the Dark (1993) and Out of the Cold (1999). He has also directed plays in London (Power of Love, 2010), Los Angeles (Lavender Love, 2011) and Tallinn (One Summer Night in Sweden, 2012).

A book of Ilmar Taska’s short stories and his autobiographical novella Better than Life (Est. Parem kui elu, EPL Kirjastus, Tallinn) was published in Estonia in 2011. In 2016, his novel Pobeda 1946 (russ. победа ‘victory’, English title A Car Called Victory), based on a short story he wrote a few years earlier with the title Pobeda, became a bestseller and was praised by the critics. The German version was published this year by Kommode Verlag.

The evening was very pleasant and inspiring. Ilmar Taska shared some interesting facts about the novel’s main idea and characters, the process of writing and the research he did on historical events. He also shared some childhood memories, talked about his family, and explained how his background had influenced his work both in writing and filmmaking. He paid special attention to every question asked, which was deeply appreciated by the audience.

I found the presentation very stimulating and my curiosity about the novel grew so big, that I began reading the book once I got home. I was immediately immersed in the world seen through the little boy’s eyes. The story consists of skillfully described scenes, where named and anonymous characters are adapting to the new regime in Estonia after World War II. Their most personal thoughts give the reader a possibility to get familiar with their values, feelings and morality before judging them. There are many situations, which raise very strong ethical questions. The story is so thrilling to read, because it reveals how the border between good and evil, friends and family, seems to blend, whereas the new circumstances recreate new borders not only on the map, but also in peoples’ minds.

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Regisseur Árpád Schilling an der Finno-Ugristik

Am 20. November 2017 war Árpád Schilling zu Gast an der Finno-Ugristik.

Árpád Schilling ist in erster Linie als Theaterregisseur bekannt. Er erhielt in den vergangenen Jahren im verschiedenen europäischen Ländern hochangesehene Preise und hat mit seinen Arbeiten internationale Aufmerksamkeit geweckt. In Österreich ist er auch nicht unbekannt: im Jahre 2005 und im Mai 2017 inszenierte er am Burgtheater, im Dezember 2017 feiert er eine Premiere am Landestheater Sankt Pölten.

Neben seiner künstlerischen Tätigkeit ist Schilling auch ein politischer Aktivist, verteidigt demokratische und liberale Werte, und übt eine scharfe Kritik an Viktor Orbáns Politik.

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In seinem Gastvortrag hat Árpád Schilling einen Überblick über die ungarische Kulturpolitik von der Wende bis heute gegeben.

Schilling hat in seiner sehr logisch begründeten Analyse erzählt, wie die politische Elite in Ungarn die wirtschaftlichen Mittel und dadurch auch die Macht enteignet und eine eigenartig interpretierte „Demokratie“ geschaffen hat. Aus dieser Demokratie wurden nur gerade diejenige ausgegrenzt, ohne die eine Demokratie nie existieren kann, nämlich die einzelnen Menschen, also das Volk. Dafür trägt die politische Elite die Verantwortung. Orbáns Regierung hat das Volk unter eine Vormundschaft gestellt, und hat den Menschen das Gefühl gegeben, dass die Regierung an ihrer statt alle Probleme lösen wird. Zwischen Individuen und Politikern gibt es keine Verbindung mehr, die Menschen verstehen nicht, warum und wie Entscheidungen über ihre Köpfe hinweg getroffen werden. In dem System, das Viktor Orbán geschaffen hat, kann man nicht über Kultur, sondern nur über Interessen reden, die alles beherrschen. Das ist ein Zustand ohne Kultur, oder in der Interpretation von Orbán ist das die Demokratie, so Schilling. Was in dieser Situation die Theaterwelt betrifft: Die staatlichen Theater sind eigentlich Teil dieses Systems. Die unabhängigen Bühnen kämpfen dafür, am Leben bleiben zu können und bekommen keine staatlichen Finanzierungsmittel. Das Schlüsselwort des Vortrages „Entropie“ definiert Schilling im Verbindung mit Kultur als einem geschlossenen System, in dem die Kultur sich selbst liquidiert, vernichtet.

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Dem Vortrag folgte eine intensive Diskussion mit zahlreichen Fragen und Kommentaren.

Der Vortrag selbst hatte keinen optimistischen Ausklang, aber das Thema und der Vortragende selbst haben das Publikum davon überzeugt, dass diese Problematik offen diskutiert werden muss.

Wir bedanken uns bei Árpád Schilling für seine Ausführungen und bei Károly Kókai für das hervorragende Dolmetschen.

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Doktorarbeit und Defensio von Jeremy Bradley: Marisch im Fokus

Die marische Sprache, früher auch “Tscheremissisch” genannt, ist eine der “großen” finnisch-ugrischen Minderheitssprachen im europäischen Russland, mit immer noch sechsstelligen Sprecherzahlen und einer kontaktlinguistisch sehr spannenden Position in der Nachbarschaft von verschiedenen Turksprachen. Marisch gehört seit Jahren zu den sprachwissenschaftlichen Schwerpunkten der Wiener Finno-Ugristik. Dies ist vor allem Prof. Timothy Riese zu verdanken, der bei uns schon mehrere Studierendengenerationen mit dem Marischen vertraut gemacht hat.

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Marischgruppen aus Wien haben mehrere Male die Sommeruniversität in Joschkar-Ola besucht und viel Publicity für die Universität Wien gebracht. In der Forschung drückt sich dieses Interesse vor allem in einem großen Forschungs- und Dokumentationsprojekt aus, das schon verschiedene elektronische Ressourcen zur marischen Sprache sowie das erste praktische, in englischer Sprache zugängliche Lehrbuch des Marischen hervorgebracht hat. Die Ergebnisse des Projekts, das zuerst von der FWF, dann von der finnischen Kone-Stiftung finanziert wurde, sind unter www.mari-language.com zu sehen.

Neben Prof. Riese hat bei den Marischprojekten in den letzten Jahren unser Absolvent und Doktorand Jeremy Bradley, ein gebürtiger Wiener mit amerikanischen Wurzeln, eine immer größere Rolle gespielt. Aus dem jungen Estlandfreund, der zuerst auf der Suche nach einem interessanten Nebenfach für sein Informatikstudium  zu uns kam, ist ein Experte des Marischen und der Wolgasprachen geworden. Nach einigen Jahren Anstellung an unserem Institut, als Lehrbeauftragter und Projektmitarbeiter, arbeitet er nunmehr als wissenschaftlicher Assistent am Lehrstuhl für Finno-Ugristik der Ludwig-Maximilians-Universität München.

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Und so ist es soweit gekommen, dass bei uns am Montag 10.10.2016 die erste (!) sprachwissenschaftliche Doktoraldefensio dieses Jahrtausends stattfand. Jeremy Bradley verteidigte seine Doktorarbeit Mari Converb Constructions: Productivity and Regional Variance.

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Um ein komplexes Phänomen kurz und salopp zu erklären: es geht um Konstruktionen, die aus zwei Verben bestehen, wobei das eine die “Grundbedeutung” ausdrückt, das andere weitere Bedeutungsnuancen hinzufügt, die in der Literatur mal als “Richtung”, mal als “Aspekt” oder “Aktionsart” beschrieben werden. So kann man im Marischen ein Glas “füllend geben”, wenn man das Glas (mit erfrischendem Getränk) für eine andere Person füllt. Im Spiel zu gewinnen heißt “spielend nehmen”, und “fragend stellen” kann man sagen, wenn plötzlich eine Frage gestellt wird. In der Dissertation wurde mit Hilfe von computergestützter Analyse geklärt, in welchen Kombinationen, wo und wie diese Verben vorkommen. Es wurde also wichtige Grundlagenforschung gemacht.

Von den GutachterInnen, Prof. Beáta Wagner-Nagy (Hamburg) und Prof. Gerson Klumpp (Tartu), hatte die Arbeit schon konstruktive und vorwiegend positive Kritik bekommen. Prof. Klumpp war auch einer von den zwei Opponenten bei der Defensio, gemeinsam mit Prof. Laakso.

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Die Vorsitzende, Frau Prof. Ina Hein von der Japanologie, war offensichtlich beeindruckt von den vielen interessierten Zuhörern und von der konstruktiven Diskussion.

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Leider war die Zeit nach der ausführlichen Präsentation der Arbeit sehr kurz, die Opponenten hätten über diese interessante Arbeit gerne noch weiterdiskutiert.

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Das offizielle Gruppenbild mit Betreuer, OpponentInnen und Vorsitz. (Für alle Photos danken wir dem Vater des Dissertanten.)

 

Die Abteilung Finno-Ugristik freut sich und gratuliert!

Die Arbeit wird voraussichtlich in naher Zukunft in einer wissenschaftlichen Publikationsreihe erscheinen. In Erwartung der Publikation können sich alle noch diese Dokumentation unserer marischen Forschungsinteressen (aus 2012) anschauen: in marischer Sprache, mit englischen oder russischen Untertiteln – gedreht, selbstverständlich, von Jeremy Bradley.

Tag der estnischen Sprache in Wien

Estnisch wird an der Wiener Finno-Ugristik seit den 1970er Jahren unterrichtet. Schon bald nach der Gründung des damaligen Instituts für Finno-Ugristik konnte Professor Rédei die damalige Bundeslehrerin für Schwedisch, Frau Mag. Imbi Sooman überreden, neben ihrer Lehrtätigkeit bei der Skandinavistik auch bei uns ihre Muttersprache Estnisch zu unterrichten. Seit der Pensionierung von Frau Sooman (2010) trägt Frau Mag. Triinu Viilukas die Verantwortung für unseren Estnischunterricht. Aus ihrer Initiative und in Kooperation mit der Botschaft von Estland und dem Eesti Instituut wurde bei uns am 20.5.2016 ein Tag der estnischen Sprache in Wien veranstaltet.

Hochkarätige Gäste eröffneten die Veranstaltung:

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S. E. Rein Oidekivi, Botschafter der Republik Estland in Wien, hat selbst einen akademischen Abschluss in estnischer Philologie.

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Im Namen der Philologisch-Kulturwissenschaftlichen Fakultät: Frau Vizedekanin Melanie Malzahn

In ihren schönen Grußworten erwähnte Frau Vizedekanin Malzahn, selbst Professorin für Indogermanische Sprachwissenschaft, dass Estnisch für die historisch-vergleichende Sprachwissenschaft eine besondere Bedeutung hat: In solchen uralten germanischen Lehnwörtern wie kuningas ‘König’ oder rõngas ‘Ring’ hat Estnisch das -as (-az) am Wortende erhalten, das in den heutigen germanischen Sprachen nicht mehr da ist. (Dies trifft allerdings bei allen anderen ostseefinnischen Sprachen auch zu, so wie Finnisch.) Was ich aber leider erst nach der Veranstaltung erfahren habe: Es gibt eine interessante Anknüpfung zwischen dem Forschungsgebiet von Frau VD Malzahn, d.h. der tocharischen Sprache, und Estland. Nämlich: Albert von Le Coq, der reiche Hobbyarchäologe und (Mit)entdecker der ersten tocharischen Texte (1904), war Sohn und Erbe einer französisch-belgisch-preußisch-englischen Bierbräuerdynastie, und seine Brauerei, seit 1912 in Tartu, produziert auch heute hervorragendes Bier unter dem stolzen Firmennamen A. Le Coq.

In meinen Grußworten konnte ich den Gästen auch über unsere Forschungsprojekte mit Estland-Bezug berichten. Am EU-finanzierten Minderheitenforschungsprojekt ELDIA (European Language Diversity for All), wo auch unser Institut beteiligt war (in Wien wurde eine Fallstudie über die Ungarn in Österreich durchgeführt), entstanden Studien über Minderheiten in Estland (die südestnischen Sprachvarietäten Võro und Seto/Setukesisch) sowie estnische Diasporas im Ausland.  Eben kurz vor der Veranstaltung konnten die Berichte der Fallstudie über Estnisch in Deutschland, von Kristiina Praakli (Tartu/Helsinki), endlich veröffentlicht werden. Die Texte (die englische Originalversion sowie deutsch– und estnischsprachige Zusammenfassungen) sind im Internet frei abrufbar und könnten vielleicht auch für die EstInnen in Österreich von Interesse sein.

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Es folgten Vorträge von drei Gästen aus Estland. Allerdings kam Birute Klaas-Lang, Professorin für Estnisch als Fremdsprache an der Universität Tartu, diesmal aus Helsinki, wo sie bis diesem Sommersemester eine Gastprofessur für Estnisch innehat.

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Wo, wie und wem wird Estnisch im Ausland unterrichtet?

Helle Metslang, Professor für Estnisch an der Universität Tartu, dürfte allen bekannt sein, die sich für die estnische Sprache aus typologischer Sicht interessieren. Sie war früher schon einige Male Gastvortragende an unserem Institut.

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Estnisch hat unter den europäischen Sprachen eine ganz interessante Position.

Tõnis Nurk (Institut für die Estnische Sprache, Tallinn) sprach über die estnische Sprache in der Welt der Sprachtechnologien.

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Nach der Kaffeepause folgte ein kleines Musikprogramm. Im Ensemble Wööt singen mit unserer Triinu Viilukas zwei weitere Wiener Estinnen, Ruth Dorn und Liisbet Erepuu. Am Ende durfte das Publikum auch mitsingen, bei einem traditionellen estnischen regilaul (nur diesmal auf Deutsch).

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Die Veranstaltung endete mit einer Podiumsdiskussion über das Studium von Estnisch und anderen „kleinen“ Sprachen an der Uni Wien.  Leider kein Foto, weil ich zu beschäftigt mit dem Diskutieren war – aber schönen Dank an die TeilnehmerInnen! (Neben den estnischen Gästen waren auch von unserer „Schwesterabteilung“ Skandinavistik die Litauischlektorin, Frau Pestal, sowie als Vertreter der Estnischstudierenden unser Absolvent, ehemaliger Mitarbeiter und Doktorand Jeremy Bradley dabei.) Und danke an alle, die gekommen sind und besonders an alle, die bei der Organisation mitgeholfen haben!

Es war ein schöner, stimmungsvoller Tag.  Und sicher nicht die letzte estnische Veranstaltung bei uns. Im Winter 2017-2018 wird der hundertste Jahrestag der Unabhängigkeit der Schwesternationen Finnland (6.12.1917) und Estland (24.2.1918) gefeiert, und es wäre schön, etwas gemeinsam veranstalten zu können. Über weitere Pläne, sobald sie konkretisiert werden, wird auf unserer Abteilungshomepage informiert!

Gastvortrag Panu Rajala: F.E. Sillanpää und die skandinavische Perspektive (9.12.2015)

Am Mittwoch, den 9. Dezember 2015 hatte die Abteilung Finno-Ugristik Herrn Prof. em. Panu Rajala zu Gast. Er sprach über den (bis jetzt einzigen) finnischen Literatur-Nobelpreisträger Frans Emil Sillanpää, besonders über seine Kontakte und Reseption in Skandinavien und Deutschland.

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Panu Rajala

Selten sieht man den Hörsaal 1 so voll wie am Mittwoch Abend! Die ersten Zuhörer kamen bereits 40 Minuten (!) vor Beginn der Veranstaltung, um gute Plätze zu sichern, und letztendlich kamen fast 50 Leute den Vortrag anzuhören. Wegen Sillanpää? Na ja, zum Teil…

Wie Rajala in seinem Vortrag erzählte, war Sillanpää (1888–1964) ein international bekannter Autor schon bevor er im 1939 den Nobelpreis erhielt. Aber der richtige Publikumsmagnet des Abends war wohl Dr. Panu Rajala selber. Seine literarische Tätigkeit ist enorm (u.A. umfangreiche Biographien über finnische Autoren wie Juhani Aho, Mika Waltari, Olavi Paavolainen und F.E. Sillanpää, sowie mehrere Romane), und heuer hat er sogar mit seinem Roman Intoilija für den Finlandia-Preis kandidiert. Das große Publikum kennt ihn aber auch als ex-Ehemann der Sängerin Katri Helena.

Der Hörsaal 1 war voll. Der finnische Literaturkreis (geleitet von unserer ehemaligen Finnischlektorin Anja-Leena Holtari, 3. v. l. in der ersten Reihe) hat die besten Plätze rechtzeitig besetzt. Vielen Dank auch an den vielen StudentInnen und Studenten, die gekommen waren.

Der Hörsaal 1 war voll. Der finnische Literaturkreis (geleitet von unserer ehemaligen Finnischlektorin Anja-Leena Holtari, 3. v. l. in der ersten Reihe) hat die besten Plätze rechtzeitig besetzt. Vielen Dank auch an den vielen StudentInnen und Studenten, die gekommen waren.

Wie kommt so eine Berühmtheit an unserer Abteilung? Die Idee ihn einzuladen kam vom Verleger Sebastian Guggolz und von der Übersetzerin (und unsere Studentin) Reetta Karjalainen. Dieses Duo hat vor Kurzem zwei Werke Sillanpääs auf Deutsch herausgebracht: Frommes Elend (im 2014 zusammen mit Anu Lindemann), sowie Hiltu und Ragnar (2015). Aus diesen Werken haben die beiden auch vorgelesen. Anschließend gab es eine Diskussion mit Panu Rajala, Sebastian Guggolz und Professorin der Skandinavistik Antje Wischmann. Nach einer Debatte über Vitalismus in Sillanpääs Werken im Vergleich zu Hamsun, über die Nobel-Diplomatie sowie über die politischen Hintergründe Sillanpääs bekam auch das Publikum das Wort mit etwas leichteren Themen.

Prof. Antje Wischmann, Prof. Panu Rajala, Reetta Karjalainen und Sebastian Guggolz

Prof. Antje Wischmann, Prof. Panu Rajala, Reetta Karjalainen und Sebastian Guggolz

Insgesamt ein erfolgreicher und schöner Abend! Ganz besonders möchte ich mich beim finnischen Literaturkreis bedanken, die uns ein kleines Buffet spendiert und organisiert hatten.

Rajala hat übrigens in seinem Blog (direkt nach seinem Rückflug am Freitag!) seine Reiseerlebnisse geschildet. Er schreibt u.A., dass er in Finnland noch nie in eine so intensive und treffende Debatte über Sillanpää geraten ist. Seine Freizeit hat er in der Altstadt verbracht und war von den schönen Gebäuden und vielen kleinen Buchhandel in Wien sehr beeindruckt. Der Christkindlmarkt am Rathausplatz war der schönste, den er erlebt hat.

 

CIFU: Geschichte und Zukunft, mit Wien-Bezug!

Die internationalen Finnougristenkongresse, Congressus Internationalis Fenno-Ugristarum (nicht mit den “Kulturkongressen” der finnougrischen Völker, so wie 2012 in Siófok und demnächst, 2016, in Lahti, zu verwechseln) stellen das größte und wichtigste wissenschaftliche Begegnungsforum der Finnougristik dar.

Der erste Kongress in Budapest 1960 wurde zur Zeit des kalten Krieges und nur vier Jahre nach dem tragisch beendeten Aufstand organisiert. Damals waren wissenschaftliche Begegnungen zwischen ForscherInnen aus Ost und West noch etwas Seltenes und Wertvolles, und die Kongresse erfüllten neben ihrer wissenschaftlichen Funktion auch eine verdeckte ethnopolitische: Sie gehörten zu den ganz wenigen Kontexten, wo ethnokulturelle “finnougrische” Identitätsfragen öffentlich behandelt werden konnten. Zusammengerufen wurden die Kongresse von einem internationalen inoffiziellen Gremium von anerkannten und einflussreichen Finnougristen; eine “International Society of…”, wie in den meisten Wissenschaftsdisziplinen heute üblich, wäre in der damaligen, vom Eisernen Vorhang geteilten Welt wohl politisch unmöglich gewesen.

Seitdem werden die CIFUs in Fünfjahrestakt und abwechselnd in den “finnougrischen Ländern” organisiert, zuerst im Dreiersystem (Ungarn – Finnland – Sowjetunion), nach dem Zerfall der Sowjetunion kam Estland als Viertes dazu. Dem ersten Kongress folgten Kongresse in Helsinki 1965, in Tallinn (damals Sowjetunion) 1970, dann wieder in Budapest 1975, Turku 1980, in Syktywkar in der damaligen Sowjetrepublik Komi 1985, in Debrecen 1990, in Jyväskylä 1995, in Tartu im mittlerweile wieder unabhängigen Estland in 2000, in Joschkar-Ola, Hauptstadt der Mari in 2005, und in Piliscsaba 2010. Heuer war Finnland an der Reihe, und die Wahl fiel an Oulu, wo zwar keine „Finnougristik“ unter diesem Namen unterrichtet wird, dafür aber Saamisch eine zentrale Rolle spielt. An der Universität Oulu gibt es ein gesondertes Zentrum für saamische Sprache und Kultur, mit zwei Professuren und einer landesweiten Verantwortung für Forschung und Unterricht, z.B. für die Ausbildung von LehrerInnen des Saamischen. Außerdem arbeiten am Institut für Finnisch auch solche ForscherInnen, die sich neben Finnisch auch für die „kleinen“ finnougrischen Sprachen oder – so wie Professor Harri Mantila, Präsident des heurigen CIFU – für Ungarisch interessieren.

Die Universität Oulu, wo am Montag fast 400 KongressteilnehmerInnen aus 21 Ländern ankamen, funktioniert fast ausschließlich am Campus Linnainmaa, mehrere Kilometer von der Stadtmitte entfernt, mitten im Wald.

Im modernistischen Riesengebäudekomplex im Stil der 1970er Jahre konnte man sich besonders in den ersten Tagen gut verlaufen – und es war nicht immer ganz einfach, den Weg zwischen den 5–10 parallelen Sektionen und Symposien zu finden. Oder überhaupt sich zwischen den thematisch vielfältigen Vorträgen zu entscheiden. Das ganze Programm kann man sich von der Website des Kongresses herunterladen, unter “Latest news” gibt es auch Photos von den Kongresstagen.

Auch unser Institut nahm am Kongress aktiv teil:

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Károly Kókai über ungarische Migrantenautoren, am Symposium „Multilingualism and Multiculturalism in Finno-Ugric Literatures“, organisiert von Johanna Domokos und Johanna Laakso

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Mikko Kajander über Existentialsätze von Finnischlernenden, am Symposium „VIRSU: Finno-Ugric Target Languages“, organisiert von Pirkko Muikku-Werner und Johanna Laakso

Bei der Sitzung des internationalen Organisationskommittees wurde dann Geschichte geschrieben. Zum ersten Mal entschied das Kommittee, den Kongress in einem “nichtfinnougrischen” Land zu veranstalten, und im Jahre 2020 wird sich Wien für einige Tage in die Hauptstadt der internationalen Finnougristik verwandeln. Dies bedeutet natürlich eine große Anerkennung, eine große Ehre und eine Riesenherausforderung für unser kleines Institut. Statt weiterer Erklärungen zitiere ich hier einfach die Rede, die ich bei der Abschlusszeremonie hielt:

Kiitos Harri, kiitos kaikki oululaiset!
Dear colleagues, дорогие коллеги!
We have seen a wonderful, expertly organized congress, with many interesting presentations and an impressive cultural programme, the kind of which we probably will not be able to offer in Vienna. Above all, this congress has been an important step in the direction in which we would like to proceed: away from the stereotypes of national ethnopolitics and romantic clichés of Finno-Ugrianness, towards stronger communication within the international research community inside and outside the traditional fields of Finno-Ugric studies, celebrating diversity and polyphony while really focusing on research and its international standards.
CIFU 13 will take place in Vienna, the city of Maximilian Hell, the astronomer whose idea it was to invite the Hungarian János Sajnovics to an expedition to the Far North, to find out about the relationship between Sámi and Hungarian. (The rest is history.) Vienna is a multicultural city, also characterized by the geographic proximity and centuries-old presence of a major Finno-Ugric language. Choosing Vienna as the location of the next CIFU means recognizing the work in the field of Finno-Ugric studies also done by non-Finno-Ugric people and institutions. It means focusing on the truly international character of Finno-Ugric studies, it calls for openness, international dialogue and international standards of research.
Дорогие коллеги, мы все очень благодарны нашим коллегам в Оулу за организацию этого прекрасного конгресса. Мы надеемся, что и следующий конгресс в Вене сможет удержать научный уровень на той же высоте.
Szeretettel várunk mindenkit Bécsbe! Herzlich willkommen in Wien!

Ein Gastvortrag und Diskussion mit Róbert Alföldi

Am 29. April war der Regisseur Róbert Alföldi zu Gast an der Abteilung. Wir hatten ihn zu einem Vortrag und Gespräch über die aktuelle Situation der Theater in Ungarn eingeladen.

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Róbert Alföldi kennt man als einen sehr souveränen, freidenkenden Künstler und als einen Menschen, der seine Meinung und Gesellschaftskritik immer offen, frank und frei sagt. Ein Regisseur und Schauspieler, der an ein unabhängiges, freidenkendes Theater glaubt und einfach nur Theater machen möchte.

Das Interesse an der Veranstaltung war so groß, dass keine Sitzplätze in unserem Hörsaal 1 mehr übrig geblieben sind, einige Gäste mussten sogar am Boden sitzen.

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Alföldi ist in Österreich nicht unbekannt: letztes Jahr hat er sich in St. Pölten am Landestheater dem österreichischen Publikum präsentiert, im Februar 2015 hat er am Wiener Volkstheater Regie geführt, wo er das Theaterstück Haben/Tiszazug von Julius Hay auf die Bühne gebracht hat. (Was für ein „Zufall“: im Stück geht es auch um Macht, Gier, Armut, Aussichtslosigkeit …) Viele von unseren Hungarologie-StudentInnen haben das Stück in einem von der Abteilung organisierten Theaterbesuch gesehen.

Alföldi hat in einem kurzen aber klarem Überblick geschildert, wie geteilt die ungarische Theaterwelt heutzutage ist: die Politik ist überall da, alle Entscheidungen werden unter politischen Einflüssen getroffen, für die aktuellen Machthaber ist es sehr wichtig, dass sie ihre eigenen regimetreuen Funktionäre in allen wichtigen Positionen platzieren können. Diejenigen, die sich nicht der Macht unterwerfen, bekommen kaum noch Arbeitsmöglichkeiten, werden finanziell in eine aussichtslose Situation gebracht. Einige Regisseure gehen ins Ausland, weil sie in Ungarn einfach „unerwünscht“ sind. Autoren, Künstler, die ihre Kritiken gegen das Regime offen artikulieren und verantwortungsvoll denken, werden als Landesverräter abgestempelt.

Das heutige von dem Regime unterstützte Theater muss ein idyllisches Bild über die schöne Vergangenheit von Ungarn malen, das der Erwartungen der Macht entspricht. Obwohl diese Theater sehr große staatliche finanzielle Unterstützung erhalten, sind ihre Zuschauerräume ziemlich leer.

Alföldi hat auch eine kleine Geschichte erzählt, die sehr treffend den Mechanismus der heutigen politischen System illustriert: „Unlängst habe ich in einem Komitatssitz Regie geführt. Der Intendant des Theaters dieser Kleinstadt hat mich eingeladen, obwohl er wusste, dass ich für das heutige politische Regime unerwünscht bin. Der Intendant selbst ist auch ein Fidesz-Sympathisant. Die gemeinsame Arbeit war sehr erfolgreich für das Theater, sowohl künstlerisch, als auch finanziell. Der regierungstreue Bürgermeister der Stadt hat mir auch sehr herzlich zu der Produktion gratuliert. Am nächsten Tag hat er den Intendanten am Theater angerufen und ihm alle weitere Mitarbeit mit mir verboten.“

Der Vortrag Alföldis entwickelte sich zu einer spannenden Diskussion, es regnete Fragen und es ging bald nicht mehr nur um das Theater.

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Viele der anwesenden Studierenden beschäftigte die Frage, wieso die Menschen in Ungarn ihre Meinung nicht öffentlich äußern, warum sie nicht mit den Mitteln der Demokratie für ihre eigene Rechte kämpfen? Ein möglicher Grund dafür wäre laut Alföldi, dass sich die Menschen in ihrer Existenzen bedroht fühlen (das betrifft auch SchauspielkollegInnen). Die Unsicherheit und die Armut machen die Angst noch größer und tiefer. Wenn man ausgeliefert ist, wird man leicht opportunistisch und schweigt lieber, da schließlich jeder eine Familie hat, die man finanziell unterhalten muss. In dieser Passivität ist auch die Verantwortung der Opposition groß, weil sie überhaupt keine Alternative aufzuzeigen vermag.

Eine Frage betraf auch die politische Orientierung der Jugendlichen: Wieso konnte es dazu kommen, dass ein bedeutender Teil der StudentInnen in Ungarn „Jobbik“-Anhänger sind. (Jobbik ist eine rechtsextreme ungarische Partei.) Nach Meinung Alföldis wäre dafür eine mögliche Erklärung, dass sich die ungarische Gesellschaft noch immer nicht mit ihrer eigenen Vergangenheit auseinandergesetzt hat. Es wird noch immer „die tragische Vergangenheit von Ungarn” als Schutzschild beschworen, statt endlich gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen. Man denkt nicht darüber nach, ob etwas gut oder schlecht sei, es gibt keine rationalen Argumente in der Diskussionen, es gibt nur heftige emotionelle Reaktionen. Viele ungarische Familien sind durch die Trianon-Geschichte betroffen: Und es kann ja nicht sein, dass (Ur)Großväter für eine Idee/Sache gestorben sind, die nicht einmal richtig gewesen sein soll. Diese junge Menschen haben sich das Ziel gesetzt, den Familienlegenden folgend die Namen der Großväter sauber zu waschen. Solange man die Vergangenheit nicht verarbeitet hat, kann man sich nicht offen mit den Problemen der Gegenwart auseinandersetzen, so Alföldi.

Es kam auch zu einem anderen wichtigen Thema, das in letzter Zeit große Diskussionen auslöst hat: das Bildungswesen. Die Regierung in Ungarn zentralisiert die Schulen, hat vorgeschrieben, aus welchen Schulbüchern in den Schulen unterrichten werden soll, und will durch verschiedene, von der Regierung gegründete Gremien einen großen Einfluss auf die Autonomie der Universitäten ausüben. Alföldi meinte, dass es derzeit nicht das Ziel sei freidenkende, kreative Menschen zu erziehen, sondern eher Menschen heranzubilden, die in die von der Macht geschaffene Welt passen. Die Sache, so Alföldi, dürfe man aber nicht so einseitig betrachten: wir alle dürfen nie unsere eigene Verantwortung vergessen.

Zum Schluss kehrte das Gespräch zurück zum Theater. Kurz zusammengefasst ist die Aufgabe des Theaters laut Alföldi, auf die Phänomene der gegebenen Gesellschaft zu reagieren, die gegebenen Probleme aufzuzeigen. Wenn die Machthaber ihre eigenen Leute in wichtige Positionen kommen lassen, kann das Theater seine Aufgaben unmöglich erfüllen und wird zum Diener der regierenden Macht.

Trotz allem sei er Idealist und glaube daran, dass das Theater doch die Gesellschaft ändern könne. Im Theater müsse es sich ja letztendlich um das Theater drehen.

Vielen Dank an Róbert Alföldi und das Publikum für das offene, spannende und aufschlussreiche Gespräch!