Exkursion Pécs, 14.–17. Mai 2015

von Anna Lukitsch & Eva-Maria H. & Jana Wentz & Verena Pfeifer & Andreas Lörincz

 pecsgruppe

Gruppe Ungarischer Spracherwerb VI

Tag 1

Am 14. Mai früh am Morgen ging unsere Abschlussreise nach Pécs los. Während manche die Zeit nutzten, um noch ein bisschen Grammatik und Wortschatz zu üben, verschliefen andere die sechsstündige Fahrt im wahrsten Sinne des Wortes. Gottseidank machten wir in der Mitte unserer Zugfahrt einen Zwischenstopp in Budapest Kelenföld, wo selbst die Müdesten von uns bei einem Kaffee langsam munter wurden. Nachdem wir dann nach ca. 3 Stunden in Pécs angekommen waren, fuhren wir mit dem Taxi zu unserem Hotel, wo wir auch gleich unsere Zimmer bezogen.

pecsabend

Obwohl wir fast die ganze Zugfahrt essend verbracht haben, waren wir schon wieder hungrig von der langen Fahrt und außerdem neugierig auf Pécs, und deshalb machten wir uns auch gleich auf in die Altstadt. Kaum angekommen, färbte sich der Himmel aber, als würde die Welt untergehen und wenig später begann es heftig zu regnen, sodass wir, zur Freude unserer Kaffeetrinker, ins Cafe Frei, flüchten mussten.

3mauer

Nachdem sich das Wetter wieder halbwegs beruhigt hatte, trauten wir uns auch wieder aus dem Cafe hinaus und sahen uns noch ein wenig die Sehenswürdigkeiten der Stadt, wie zum Beispiel die Moschee am Széchenyi-Platz oder die Universität mit ihrem botanischen Garten an. Schließlich aber war unser Hunger schon ziemlich groß und wir ließen den Abend bei einem leckeren, sogar teils vegetarischen, Essen in einem Restaurant ausklingen, bevor wir erschöpft in unsere bequemen Hotelbetten fielen.

(J. W.)

Tag 2

Dom

Nach dem Mittagessen im Restaurant Aranygaluska gingen wir über den Széchenyi tér zur Domkirche, an der wir schon am Vorabend auf dem Weg zur spätmittelalterlichen Barbakane (Rundbastei) vorbeispaziert waren. Die Kathedrale, die den Aposteln Petrus und Paulus geweiht ist, befindet sich auf dem Dóm tér (Domplatz), der nördlich direkt an den wunderschönen Szent István tér (St. Stephansplatz) anschließt.

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Die räumliche Nähe zu diesem Platz mag nicht ganz zufällig sein, war es doch unter der Regentschaft dieses ersten Königs (1000–1038), dass die Vorläuferkirche des heutigen Doms erbaut wurde. Nach einem Brand zu Ostern 1064 wurde mithilfe von italienischen Architekten eine dreischiffige Basilika errichtet, die im Laufe der Jahrhunderte mehrfach umgestaltet wurde. Unter anderem wurden die beiden Türme im Westen, die wahrscheinlich bereits Teil des Vorläuferbaus waren, um zwei weitere im Osten ergänzt und die gotischen Seitenkapellen errichtet. In der Zeit der Besetzung durch die Türken von 1543 bis 1686 wurde die Kathedrale als Moschee genützt und war während der Türkenkriege Beschädigungen und Verfall ausgesetzt. Erst nach dem Ende der türkischen Herrschaft konnten Wiederaufbaumaßnahmen durchgeführt werden, wobei hier verschiedene Stilrichtungen Einfluss hatten. Von 1806 bis 1813 wurde die Kirche nach den Entwürfen des österreichisch-ungarischen Architekten Mihály Pollack im für den Künstler typischen klassizistischen Baustil umgestaltet, an der Fassade wurden zwölf Apostelfiguren von Mihály Bartalits angebracht, die mittlerweile allerdings bereits mehrmals renoviert und verändert wurden, zuletzt von Károly Antal. Die heutige neoromanische Gestalt des Doms entstand anläßlich der Jahrtausendfeier der ungarischen Landnahme zwischen 1882 und 1891 nach den Plänen von Friedrich von Schmidt.

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Auch die aus dem 12. Jahrhundert stammende Krypta, deren Grundmauern sogar aus spätrömischer Zeit stammen, konnten wir besichtigen. In ihr wurden 1991 die sterblichen Überreste des Renaissance-Gelehrten und Bischofs Janus Pannonius (1434-1472) gefunden, wo sie 2008 erneut begraben wurden.

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Csontváry-Museum

Im Anschluss an die Dombesichtigung gingen wir zum Csontváry-Museum, das ausschließlich dem Werk dieses ungarischen Künstlers (1853-1919) gewidmet ist. Csontvárys Werk lässt sich nicht nur einer Stilrichtung zuordnen; vielmehr spannt es einen Bogen vom Spätimpressionismus bis hin zum Expressionismus und zählt auf Grund seiner Motivsprache und symbolhaften Ausdrucksweise auch zum Symbolismus.

Das Museum beherbergt einige der wichtigsten und bekanntesten Bilder des Künstlers, unter anderem das 1907 entstandene A magányos cédrusDie einsame Zeder.

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Interessant sind die vielen Parallelen zwischen Csontváry und seinem Zeitgenossen Vincent van Gogh (1853–1990). Diese sind einerseits biographischer Natur: beide hatten ursprünglich bürgerliche Berufe (Csontváry war Apotheker), beide begannen ihre künstlerische Aktivität relativ spät, beide fassten bewusst den Entschluss, Künstler zu werden, beide eigneten sich das dafür notwendige Handwerk autodidaktisch an, die Persönlichkeit beider wurde vom jeweiligen Umfeld als schwierig empfunden und beide litten wohl an psychischen Erkrankungen. Besonders bemerkenswert ist allerdings vor allem die künstlerische Nähe, die das Werk der beiden Maler verbindet. Neben der für die Epoche typischen hohen Bedeutung von Licht und Farbe zeigen sich vor allem in der ungewöhnlichen Symbolsprache große Ähnlichkeiten. Diese Ähnlichkeiten sollen im Folgenden anhand der symbolischen Interpretation des Motivs des Baums bei Csontváry und van Gogh gezeigt werden.

Der Symbolismus beider Künstler grenzt sich von zeitgenössischen Vertretern dieser Stilrichtung dadurch ab, dass er sich nicht im Abstrakten, Religiösen (zB das Motiv des Gekreuzigten) oder Mythologischen, sondern im Konkreten und sinnlich Wahrnehmbaren manifestiert[1], wie bspw im für van Gogh charakteristischen Thema der Sonnenblume oder im hier interessierenden Thema des Baumes. Aber nicht nur bei der Wahl des Themas, sondern auch bei dessen konkreter Umsetzung sind Parallelen unverkennbar. Die Werke beider Künstler – bei van Gogh trifft das vor allem für sein Spätwerk ab 1888 zu – verweigern sich nämlich den konventionellen Interpretationen, die mit dem Motiv assoziiert werden: der (blühende) Baum als Symbol für Hoffnung, für Eintracht und eine positive Beziehung zwischen dem Individuum und der Außenwelt. Im Gegensatz dazu ist van Goghs Darstellung von Bäumen geprägt von „such aspects as broken branches, the absence of foliage […], on branches pointing downward and toward the left[2], also von (ab)gebrochenen Ästen, fehlendem Blattwerk und Ästen, die nach unten oder links gerichtet sind. All diese Merkmale werden nicht mit Hoffnung, sondern mit Versagen, Frustration, traumatischen Erfahrungen und starker Introversion assoziiert.[3]

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Bild 1: „Baum, vom Wind gepeitscht“ (1883)

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Bild 2: „Sämann bei untergehender Sonne“ (1888)

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Bild 3: „Blick auf Arles“ (1889)

Ein Vergleich mit Die einsame Zeder zeigt, dass sich all diese Aspekte in ganz ähnlicher Ausführung auch in Csontvárys Interpretation des Motivs finden.

Chagall-Ausstellung

In unserer Freizeit hatten wir weiters die Möglichkeit, die temporäre Chagall-Ausstellung im Martyn Ferenc-Museum auf der Káptalan utca, der Museumsmeile von Pécs, zu besuchen. Zu sehen waren zahlreiche Lithographien, die der Künstler (1887-1985) als Vorbereitung einiger seiner berühmtesten Werke anfertigte: 12 Lithographien zu Die 12 Söhne Jakobs (12 Fenster in der Synagoge des Hadassah-Universitätskrankenhauses in Jerusalem), 43 Lithographien zu Chagalls „Odyssee“- Interpretation, 15 Lithographien zum Deckenfresko des Pariser Palais Garnier (Opernhaus) sowie zahlreiche weitere Arbeiten mit biblischen Sujets, die großteils als Vorlage für Kirchenfenster dienten. Die Ausstellung beschäftigte sich auch mit der Geschichte der Lithographie an sich, der Schwerpunkt lag aber klar auf der Präsentation und Gegenüberstellung der Werke Chagalls. Besonders interessant war, Themen des Tanach (der jüdischen Bibel), die für die Verwendung in einer Synagoge interpretiert und gestaltet wurden, und alt-und neutestamentarische Motive, die für die Gestaltung christlicher Gotteshäuser vorgesehen waren, nebeneinander zu sehen und ihre künstlerische Umsetzung vergleichen zu können. Hierbei wurde erkennbar, dass Chagall die Bibel nicht als Erzählung ausschließlich jüdischer oder christlicher Erfahrungen interpretiert, sondern als eine universelle Botschaft, die an die gesamte Menschheit gerichtet ist.

(E.-M. H.)

* * *

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Nachdem wir den Universitätscampus und das Zsolnay Viertel im Allgemeinen – unter anderem den Lehrstuhl für Kommunikations- und Medienwissenschaften, die Fakultät für bildende Kunst sowie die Ausstellung mit dem Titel „Sammlung von László Gyugyi“ – erkundet haben, im Restaurant Aranygaluska Mittagessen waren, uns die Domkirche, das Csontváry Museum und das Vasarely Museum angesehen haben und dann noch einen Zwischenstopp in der Konditorei Mecsek gemacht haben, konnten wir am Abend zwischen einer Buchpräsentation und einem Konzert wählen. Wir entschieden zu dritt auf das Konzert zu gehen, aber davor stand noch etwas Freizeit auf dem Programm, und diese nutzten wir zum shoppen gehen und wenn es in Pécs ums Shoppen geht, dann ist das Einkaufszentrum „Árkád“ eine gute Adresse.

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Voll bepackt mit unseren Errungenschaften haben wir uns dann wieder auf den Weg ins Zsolnay Viertel gemacht, wo das Konzert stattgefunden hat. Wir waren uns nicht sicher was nun auf uns zukommen würde, wurden aber positiv überrascht. Es spielten 3 Bands, welche alle samt aus Budapest kamen und rein instrumentale Musik machen. Der erste Act war „Makrohang“, ein junges Trio dessen Musik von Hard Rock, Post-Bop und Jazz über Hip Hop, Noise und Minimal geht – und einen derartigen Mix der Stile vereinen sie teilweise in einem einzelnen Lied, also wirklich mal etwas anderes, aber sehr interessant und gut. Dann folgte „SoNaR“, sie mixen electric und acoustic Rock mit electronic Beats und machen somit einfach gute Musik und Stimmung. SoNaR war mein absoluter Favorit an diesem Abend und das, obwohl als letztes noch „Special Providence“ gespielt hat, über die wir uns sagen haben lassen, dass sie von diesen drei Bands diejenigen sind die wohl schon am bekanntesten und erfolgreichsten sind. Aber Musik ist halt nun einmal Geschmackssache und „Special Providence“ mischt Jazz Rock/Fusion mit traditionellem progressiven Metal. Sie haben auch gute Stimmung gemacht und sind zweifelsfrei richtig gut, wenn einem dieser Musikstil gefällt. Es war einfach ein toller Abend und dadurch, dass es kein sehr großes Konzert war, sind wir uns nicht wie Touristen, sondern viel mehr wie Insider vorgekommen.

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Als Abendprogramm am 15. Mai konnten wir aus mehreren Programmpunkten auswählen, einer davon war ein Gespräch mit anschließender Lesung aus Kiss Tibor Noés autobiographischem Buch „Inkognitó“.

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Es handelt davon, wie Kiss Tibor als Junge 1976 in Budapest geboren wird und aufwächst, eine Karriere als Profi-Fußballer macht und schließlich kein Geheimnis mehr daraus machen will, im falschen Körper geboren worden zu sein und sich fortan Kiss Tibor Noé(mi) nennt. Die ernste Thematik, eine Trans-Identität in einem, doch eher konservativerem Land wie Ungarn, öffentlich zu leben, wird dabei aber auf gar nicht all zu ernste Art und Weise geschildert. Zum Beispiel erzählt Kiss Tibor Noé von ganz alltäglichen Problemen, wie der Schwierigkeit eine Perücke zu tragen und unter den herunterhängenden Zweigen eines Baumes durchzugehen, ohne sich darin zu verfangen. Geleitet wurde das Gespräch von Havasréti József, einem Literaturkritiker und Professor für Kommunikation an der Universität Pécs.

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Die Reaktionen auf dieses Buch sind natürlich gemischt, aber durchaus auch positiv. So erzählt Kiss Tibor Noé, dass es nicht nur von Menschen mit einer Trans-Identität, sondern auch von vielen anderen Menschen, die in ihrer Art und Lebensweise nicht der „Norm“ entsprächen, ermutigt hat sich mit der eigenen Identität und Geschichte auseinanderzusetzen und den Mut zu finden, ihr eigenes Leben zu leben.

Das 2010 erschienene Buch hat 168 Seiten und unter der ISBN: 9789632972428 vorerst nur in ungarischer Sprache erhältlich.

(V. P.)

Tag 3

Als krönender Abschluss stand eine kleine „Landeskunde“ – Einheit auf dem Programm:

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In letzter Zeit erfreuen sich alle möglichen Arten von Festivals, die sich meist mit „Essen & Trinken“ beschäftigen, an steigender Beliebtheit. Dazu zählen Mangaliza-, Paprika-, und Weinfestivals, sowie das von uns in Pécs besuchte Bierfestival.

Vielleicht lag es am Blick auf die vier Türme der Basilika St. Peter und Paul, jedenfalls hatte dieses Festival ein besonderes, ganz eigenes Flair. Neben den traditionellen Sachen wie Kürtöskalács – Baumkuchen (der natürlich über Holzkohle gegrillt wurde) und Lángos, ließen diverse gegrillte Speisen das Herz der Besucher höher schlagen.

Da wir uns natürlich nicht nur wegen dem kulinarischen Angebot zum Festival begaben hatten, probierten wir auch einige Bierspezialitäten. Eines unserer Lieblinge war sicher das Kirschbier, welches aber kein heute so beliebtes Biermischgetränk (z.B. Radler) war, sondern tatsächlich vollwertiges Bier mit über 5 % Alkoholgehalt. Sicher nicht jedermanns Geschmack war das Kaffeebier. Um die sicherlich verwirrten Geschmacksnerven wieder in Ordnung zu bringen, konnte man auch einen Pálinka aus einer kleinen Schnapsmanufaktur verkosten.

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Die wahrscheinlich schwierigste Entscheidung des Abends war sicherlich die Glasur des Baumkuchens. Da nach dem Abendessen der Hunger begrenzt war, wir den Heißhunger allerdings nicht stillen konnten, wurde im Rahmen einer Gruppenentscheidung ein Zimt-Baumkuchen ausgewählt.

Das anwesende Publikum war bunt gemischt. Daher gab es auch für die Kleinen eine Minieisenbahn. Möglicherweise zog auch ein vielfältiges Musikprogramm, zu dem auf einer großzügigen Tanzfläche auch getanzt werden konnte, die verschiedensten Altersgruppen an.

(L. A.)

[1] Vgl Németh Lájos, Contribution to a Typology of Symbolist Painting, in Balakian Anna (Hrsg.), The Symbolist Movement in the Literature of European Languages (1982) 452 mwN.

[2] aaO 450.

[3] ebenda.

Finno-Ugristics goes Europe – part 1. Unsere Abteilung als Teil des europäischen Erasmus-Netzwerkes

von Andrea Seidler & Johanna Laakso

Das ehemalige Institut für Finno-Ugristik, heute eine Abteilung des Institutes für Europäische und Vergleichende Sprach- und Literaturwissenschaft der Universität Wien ist seit Mitte der neunziger Jahre fest mit anderen europäischen finno-ugrischen und hungarologischen Instituten im Rahmen der ERASMUS Kooperation vernetzt.

In den ersten Jahren wurde eine solide Basis für das Netzwerk gelegt, mitwirkende Universitäten waren Paris III, Hamburg, Berlin, Firenze, Padova, Jyväskylä, Tartu und Debrecen. Von Beginn an wurde auf zwei Austauschformen gesetzt: 1. die Lehrendenmobilität, die vor allem auf den Forschungs- und Unterrichtsgebieten Defizite ausglich, die an den jeweiligen Instituten nicht sehr stark oder gar nicht vertreten waren und 2. die Studierendenmobilität. In den letzten zwanzig Jahren haben wir an die 100 Professoren und Lehrende ausgetauscht und mehrere hundert Studierende an diverse Partnerinstitute geschickt, um dort ein bis zwei Semester zu verbringen und die Studien unter gänzlich fremden und herausfordernden Bedingungen zu vertiefen.

Im Laufe der letzten zehn Jahre kamen weitere Partnerinstitute dazu: Budapest, Helsinki, Szeged, Oradea, Paris INALCO. Die Kooperation mit Wien erfreut sich großer Beliebtheit und auch unsere Lehrenden und die Studierenden nehmen das sich stets erweiternde Angebot des Auslandsaufenthaltes gerne an.

Im Rahmen der Erasmus-Kooperation ist in den letzten Jahren außerdem ein neues Konzept entstanden, als Fortsetzung der früher organisierten Erasmus-Intensivprogramme: die internationalen Winterschulen der Finno-Ugristik. Die Intensivprogramme in dieser Form werden im neuen Erasmus+-System nicht mehr unterstützt, aber unser Partnerinstitut in München hat einen Antrag für eine strategische Partnerschaft im Rahmen des Erasmus+ eingereicht (InFUSE: Integrating Finno-Ugric Studies in Europe: Innovative resource pooling for a low-volume discipline), wo neben den Partnerinstituten in München, Hamburg, Uppsala, Helsinki, Turku, Tartu und Szeged auch die Wiener Finno-Ugristik aktiv beteiligt wäre. Wir drücken die Daumen.

Wir möchten nun unsere Partner einen nach dem anderen in diesem Blog vorstellen und auch damit einen Beitrag zur noch stärkeren Vernetzung der Finnisch-ugrischen Institute in Europa leisten und zu vermehrter Mobilität anregen.

Universität Jyväskylä, Finnland

Der erste Partner des Netzwerkes, das ursprünglich auf eine finnische-deutsche Initiative zurückging, war die Universität von Jyväskylä in Mittelfinnland. Prof. Tuomo Lahdelma leitet seit den neunziger Jahren den Studienzweig Hungarologie an dieser Universität (heute Teil des Instituts für Kunst- und Kulturwissenschaften). War es früher möglich, hier ein gesamtes Studium der Hungarologie zu absolvieren, später bolognakonform BA und MA Studium, so ist dieses Angebot heute auf ein reines PhD-Studium zusammengeschrumpft. Die Studierenden, die über Erasmus hier her kommen, sollten sich also darüber im Klaren sein, dass sie den Aufenthalt vor allem zum Erwerb und zum Ausbau von Finnischkenntnissen sowie zum Besuch von Lehrveranstaltungen aus dem Bereich der Fennistik nützen können. Doktoratsstudierende sind natürlich auch im Erasmus-Konzept willkommen in Jyväskylä. Sie werden kompetent betreut, eine Stärke des Institutes ist zweifelsfrei die Literaturtheorie und deren Implementierung vor allem im Bereich der Minderheitenkulturen. Ein weiteres Standbein des Leiters, Prof. Tuomo Lahdelma ist das MA Studium Creative Writing. Ungarische Geschichte und ungarische Filmgeschichte und Theorie kann hier ebenfalls belegt werden. Die Fachleute auf dem Gebiert sind Professor Anssi Halmesvirta und Prof. Jarmo Valkola. Alle drei Kollegen haben unser Wiener Institut im Laufe der Jahre mehrfach besucht und Vorträge bzw. ganze Unterrichtseinheiten oder Lehrveranstaltungen zu ihren Spezialthemenbereichen gehalten.

Der Campus der Universität Jyväskylä ist eine besondere Erwähnung wert. Er wurde in den 50-er Jahren vom finnischen Architekten Alvar Aalto konzipiert und Teile des Gebäudeensembles, zum Beispiel auch das Hauptgebäude durch ihn geplant. Die gesamte Anlage liegt in einem Wald auf einem Hügel über des See von Jyväskylä, umgeben von einem wunderbar lichtdurchlässigen Nadelwald. Licht und Glas spielt in der Architektur Aaltos eine große, das allgemeine Wohlbefinden stark beeinflussende Rolle.

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Wer also in Zukunft Lust hat, einige Monate an dieser ruhigen, aber sehr auf die Betreuung des einzelnen Studierenden Bedacht nehmenden Universität zu studieren, ist herzlich dazu aufgefordert, sich um einen Platz zu bewerben.

Das Netzwerk der Finno-Ugristik wurde bis 2007 von Prof. Andrea Seidler betreut. Danach übernahm Mag. Márta Csire die Koordination. Infos bitte unter Marta.csire@univie.ac.at oder auf unserer Abteilungshomepage unter „International„.

Internationale Winterschulen – die Tradition lebt weiter

Vor zwei Jahren wurde zum ersten Mal die Internationale Winterschule der Finno-Ugristik veranstaltet, im Rahmen eines Erasmus-Intensivprogramms und in Wien. Die Idee war brutal einfach; jetzt, im Nachhinein, fragt man sich, wieso niemand früher darauf gekommen war, die knappen Ressourcen der kleinen finnisch-ugrischen Universitätsinstitute zusammenzubündeln. Im Rahmen von einer gemeinsamen Lehrveranstaltung kann man einer größeren Gruppe von Studierenden solche Inhalte – Spezialkurse, kleine finnisch-ugrische Sprachen evtl. mit Unterstützung von muttersprachlichen Lehrkräften – anbieten, die sich kleine Institute nicht immer leisten können. Außerdem kommen Studierende aus vielen Universitäten und Ländern zusammen, können einander kennenlernen und neben der internationalen Vernetzung auch die konkrete Kooperation z.B. im Rahmen von Gruppenarbeiten üben.

München 2015: Michael Rießler beginnt den Kurs des Kildinsaamischen, im Hintergrund einige Wiener Gesichter.

München 2015: Michael Rießler beginnt den Kurs des Kildinsaamischen, im Hintergrund einige Wiener Gesichter.

Eigentlich war die Wiener Finno-Ugristik schon früher an etwas ähnlichen Kooperationsprogrammen beteiligt gewesen. Im Rahmen von einem früheren Erasmus-Netzwerk von hungarologischen und finnougristischen Instituten fanden in den 1990er und in den Nullerjahren Erasmus-Intensivprogramme statt, mit breiten interdisziplinären (und oft eher kultur- und literaturwissenschaftlichen) Themen. Die zwei ersten Internationalen Winterschulen, organisiert von der Wiener Finno-Ugristik (auch wenn im Jänner 2014 die Winterschule physisch in Szeged stattfand), hatten einen deutlicher finnougristischen und sprachwissenschaftlichen Schwerpunkt. Das Programm bestand aus Sprachkursen in „kleinen“ finnougrischen Sprachen (2013 waren es Nordchantisch und Nganasanisch, 2014 Nenzisch und Marisch, auch das weniger unterrichtete Bergmarisch) und thematischen Workshops zu verschiedenen Teilgebieten der Sprachwissenschaft und technischen Fähigkeiten (so wie wissenschaftliches Schreiben oder Erstellen von Posters). Mit der Projektfinanzierung wurde es auch möglich, externe „Gurus“ einzuladen, so wie Peter Austin (SOAS London), der gemeinsam mit den eigenen Leuten der Teilnehmerinstitute einen Workshop über Dokumentation von gefährdeten Sprachen hielt.

Die zweiwöchigen Winterschulen (eine Mindestdauer von 10 Arbeitstagen wurde vom Erasmus-Rahmen vorausgesetzt) verlangten viel Arbeit, Logistik und Engagement, entwickelten aber auch ihre eigene soziale Dynamik. Vulgo: es machte Spaß!

Hello Kitty, nordchantisch gestylt

Hello Kitty, nordchantisch gestylt von unseren KollegInnen in Szeged

Nach 2014 änderte sich das Erasmus-System, und Intensivprogramme nach dem alten Konzept werden im neuen Erasmus+-Rahmen nicht mehr gefördert. Nach den guten Erfahrungen wollten wir trotzdem nicht aufgeben. Es wird ja immer deutlicher, dass kleine Disziplinen und Fächer nur mit Hilfe von internationalen Kooperationen, als Teil von internationalen Netzwerken, die Entscheidungsträger von ihrer Nützlichkeit überzeugen und überhaupt überleben können. Außerdem: die Winterschulen machen weiterhin Spaß!

Die heurige Winterschule wurde also auf Patchwork-Basis finanziert: Alle Teilnehmerinstitute trieben das Geld für die Reise- und Unterkunftskosten von ihren Studierenden aus ihren eigenen Quellen auf, und die Lehrkräfte unterrichteten gratis, aus Liebe zur Kunst. Finno-Ugristik macht man ja sowieso nicht aus Geldgier sondern aus Begeisterung! Diesmal dauerte die Winterschule „nur“ eine Woche, vom 9. bis 14. Februar. Dafür hatten wir zwei neue Partnerinstitute an Bord: zusätzlich zu Wien, München, Hamburg, Szeged, Helsinki und Tartu, die schon an den ersten zwei Winterschulen teilnahmen, waren heuer auch Studierende und Lehrende aus Turku und Uppsala dabei.

Die ProfessorInnen Sirkka Saarinen (Turku) und Rogier Blokland (Uppsala)

Die ProfessorInnen Sirkka Saarinen (Turku) und Rogier Blokland (Uppsala)

Standort in diesem Jahr war München, wo das Institut für Finno-Ugristik/Uralistik heuer sein 50jähriges Bestehen feiert; aus diesem Anlass wurde auch für die TeilnehmerInnen der Winterschule ein kleiner Empfang veranstaltet, mit gutem ungarischen Wein (Spende des ungarischen Konsulats).

Die Gastgeberin, Frau Prof. Elena Skribnik, eröffnet die 50jahresfeier

Die Gastgeberin, Frau Prof. Elena Skribnik, eröffnet die 50jahresfeier

Im Programm waren ein Kurs des Kildinsaamischen (von Rogier Blokland aus Uppsala und Michael Rießler aus Freiburg), ein Workshop über Korpuslinguistik (mit zwei Gastlehrenden, Hans-Jörg Schmid aus München und Martin Hilpert aus Neuchâtel in der Schweiz, über Skype und, letztendlich, YouTube), Vorlesungen über Etymologie, und nach bewährter Tradition ein Kolloquium mit Präsentationen von Studierenden und DoktorandInnen.

Selbstverständlich wollen alle Beteiligten die Kooperation fortsetzen. Momentan wird fieberhaft an einem Erasmus+-Antrag gearbeitet. Wie gesagt, werden Intensivprogramme nach dem alten Modellen nicht mehr gefördert, möglich aber ist ein internationales Kooperationsnetzwerk, das nicht nur Winterschulen nach dem bisherigen Konzept sondern auch gemeinsame eLearning-Kurse und Lehrendentreffen beinhalten würde. Die Finno-Ugristik ist sowieso international, die Frage lautet nur, ob es die guten Leute in Brüssel auch verstehen werden. Wir hoffen das Beste.

(Weitere Photos gibt es hier, sowie auf der Facebook-Eventseite.)

Sommernachrichten

Auch mitten im „Sommerloch“ hat die Wiener Finno-Ugristik etwas zu berichten:

Am 1. Juli hat bei uns offiziell ein weiteres dreijähriges Forschungsprojekt begonnen. Das Projekt, geleitet von Prof. Timothy Riese, stellt eine Fortsetzung des EuroBABEL-Projekts (2009–2012) dar, diesmal in einem kleineren Rahmen; mit dabei sind die Finnougristik-Institute von Wien und München, und die Finanzierung erfolgt im Rahmen einer Kooperation der Forschungsförderungsinstitutionen FWF und DFG. In Wien werden am Projekt unsere langjährige Lehrbeauftragte, Mag. Viktória Eichinger, sowie (geringfügig beschäftigt) Anna Wolfauer mitarbeiten.

Und während in Wien (und anderswo) an der Forschung gearbeitet wird, sind einige von unseren Leuten im Ausland im Rahmen von internationalen Projekten unterwegs. Wie auf der Facebook-Seite der StV Finno-Ugristik Wien schon berichtet wurde, findet in Szombathely wieder das traditionelle ungarisch-österreichische Sommerkolleg statt, unter der Leitung von unserer Márta Csire (Bericht auf Ungarisch auf der Website von ORF-Volksgruppen).

Ausflug in Szombathely. (Photo von der ORF-Website.)

Unsere Marischstudierenden, unter der Leitung von Jeremy Bradley, wiederum machen – schon wieder – die größte ausländische Teilnehmergruppe aus auf den internationalen Marisch-Sommerkursen in Joschkar-Ola. Auf der Website der Gastgeberuniversität wird stolz über das internationale Interesse für die marische Sprache berichtet, und auf dem Gruppenfoto sind viele Wiener Gesichter zu erkennen:

In Erwartung weiterer Nachrichten wünschen wir allen unseren LeserInnen einen schönen und erholsamen Sommer!