Doktorarbeit und Defensio von Jeremy Bradley: Marisch im Fokus

Die marische Sprache, früher auch “Tscheremissisch” genannt, ist eine der “großen” finnisch-ugrischen Minderheitssprachen im europäischen Russland, mit immer noch sechsstelligen Sprecherzahlen und einer kontaktlinguistisch sehr spannenden Position in der Nachbarschaft von verschiedenen Turksprachen. Marisch gehört seit Jahren zu den sprachwissenschaftlichen Schwerpunkten der Wiener Finno-Ugristik. Dies ist vor allem Prof. Timothy Riese zu verdanken, der bei uns schon mehrere Studierendengenerationen mit dem Marischen vertraut gemacht hat.

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Marischgruppen aus Wien haben mehrere Male die Sommeruniversität in Joschkar-Ola besucht und viel Publicity für die Universität Wien gebracht. In der Forschung drückt sich dieses Interesse vor allem in einem großen Forschungs- und Dokumentationsprojekt aus, das schon verschiedene elektronische Ressourcen zur marischen Sprache sowie das erste praktische, in englischer Sprache zugängliche Lehrbuch des Marischen hervorgebracht hat. Die Ergebnisse des Projekts, das zuerst von der FWF, dann von der finnischen Kone-Stiftung finanziert wurde, sind unter www.mari-language.com zu sehen.

Neben Prof. Riese hat bei den Marischprojekten in den letzten Jahren unser Absolvent und Doktorand Jeremy Bradley, ein gebürtiger Wiener mit amerikanischen Wurzeln, eine immer größere Rolle gespielt. Aus dem jungen Estlandfreund, der zuerst auf der Suche nach einem interessanten Nebenfach für sein Informatikstudium  zu uns kam, ist ein Experte des Marischen und der Wolgasprachen geworden. Nach einigen Jahren Anstellung an unserem Institut, als Lehrbeauftragter und Projektmitarbeiter, arbeitet er nunmehr als wissenschaftlicher Assistent am Lehrstuhl für Finno-Ugristik der Ludwig-Maximilians-Universität München.

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Und so ist es soweit gekommen, dass bei uns am Montag 10.10.2016 die erste (!) sprachwissenschaftliche Doktoraldefensio dieses Jahrtausends stattfand. Jeremy Bradley verteidigte seine Doktorarbeit Mari Converb Constructions: Productivity and Regional Variance.

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Um ein komplexes Phänomen kurz und salopp zu erklären: es geht um Konstruktionen, die aus zwei Verben bestehen, wobei das eine die “Grundbedeutung” ausdrückt, das andere weitere Bedeutungsnuancen hinzufügt, die in der Literatur mal als “Richtung”, mal als “Aspekt” oder “Aktionsart” beschrieben werden. So kann man im Marischen ein Glas “füllend geben”, wenn man das Glas (mit erfrischendem Getränk) für eine andere Person füllt. Im Spiel zu gewinnen heißt “spielend nehmen”, und “fragend stellen” kann man sagen, wenn plötzlich eine Frage gestellt wird. In der Dissertation wurde mit Hilfe von computergestützter Analyse geklärt, in welchen Kombinationen, wo und wie diese Verben vorkommen. Es wurde also wichtige Grundlagenforschung gemacht.

Von den GutachterInnen, Prof. Beáta Wagner-Nagy (Hamburg) und Prof. Gerson Klumpp (Tartu), hatte die Arbeit schon konstruktive und vorwiegend positive Kritik bekommen. Prof. Klumpp war auch einer von den zwei Opponenten bei der Defensio, gemeinsam mit Prof. Laakso.

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Die Vorsitzende, Frau Prof. Ina Hein von der Japanologie, war offensichtlich beeindruckt von den vielen interessierten Zuhörern und von der konstruktiven Diskussion.

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Leider war die Zeit nach der ausführlichen Präsentation der Arbeit sehr kurz, die Opponenten hätten über diese interessante Arbeit gerne noch weiterdiskutiert.

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Das offizielle Gruppenbild mit Betreuer, OpponentInnen und Vorsitz. (Für alle Photos danken wir dem Vater des Dissertanten.)

 

Die Abteilung Finno-Ugristik freut sich und gratuliert!

Die Arbeit wird voraussichtlich in naher Zukunft in einer wissenschaftlichen Publikationsreihe erscheinen. In Erwartung der Publikation können sich alle noch diese Dokumentation unserer marischen Forschungsinteressen (aus 2012) anschauen: in marischer Sprache, mit englischen oder russischen Untertiteln – gedreht, selbstverständlich, von Jeremy Bradley.

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CIFU: Geschichte und Zukunft, mit Wien-Bezug!

Die internationalen Finnougristenkongresse, Congressus Internationalis Fenno-Ugristarum (nicht mit den “Kulturkongressen” der finnougrischen Völker, so wie 2012 in Siófok und demnächst, 2016, in Lahti, zu verwechseln) stellen das größte und wichtigste wissenschaftliche Begegnungsforum der Finnougristik dar.

Der erste Kongress in Budapest 1960 wurde zur Zeit des kalten Krieges und nur vier Jahre nach dem tragisch beendeten Aufstand organisiert. Damals waren wissenschaftliche Begegnungen zwischen ForscherInnen aus Ost und West noch etwas Seltenes und Wertvolles, und die Kongresse erfüllten neben ihrer wissenschaftlichen Funktion auch eine verdeckte ethnopolitische: Sie gehörten zu den ganz wenigen Kontexten, wo ethnokulturelle “finnougrische” Identitätsfragen öffentlich behandelt werden konnten. Zusammengerufen wurden die Kongresse von einem internationalen inoffiziellen Gremium von anerkannten und einflussreichen Finnougristen; eine “International Society of…”, wie in den meisten Wissenschaftsdisziplinen heute üblich, wäre in der damaligen, vom Eisernen Vorhang geteilten Welt wohl politisch unmöglich gewesen.

Seitdem werden die CIFUs in Fünfjahrestakt und abwechselnd in den “finnougrischen Ländern” organisiert, zuerst im Dreiersystem (Ungarn – Finnland – Sowjetunion), nach dem Zerfall der Sowjetunion kam Estland als Viertes dazu. Dem ersten Kongress folgten Kongresse in Helsinki 1965, in Tallinn (damals Sowjetunion) 1970, dann wieder in Budapest 1975, Turku 1980, in Syktywkar in der damaligen Sowjetrepublik Komi 1985, in Debrecen 1990, in Jyväskylä 1995, in Tartu im mittlerweile wieder unabhängigen Estland in 2000, in Joschkar-Ola, Hauptstadt der Mari in 2005, und in Piliscsaba 2010. Heuer war Finnland an der Reihe, und die Wahl fiel an Oulu, wo zwar keine „Finnougristik“ unter diesem Namen unterrichtet wird, dafür aber Saamisch eine zentrale Rolle spielt. An der Universität Oulu gibt es ein gesondertes Zentrum für saamische Sprache und Kultur, mit zwei Professuren und einer landesweiten Verantwortung für Forschung und Unterricht, z.B. für die Ausbildung von LehrerInnen des Saamischen. Außerdem arbeiten am Institut für Finnisch auch solche ForscherInnen, die sich neben Finnisch auch für die „kleinen“ finnougrischen Sprachen oder – so wie Professor Harri Mantila, Präsident des heurigen CIFU – für Ungarisch interessieren.

Die Universität Oulu, wo am Montag fast 400 KongressteilnehmerInnen aus 21 Ländern ankamen, funktioniert fast ausschließlich am Campus Linnainmaa, mehrere Kilometer von der Stadtmitte entfernt, mitten im Wald.

Im modernistischen Riesengebäudekomplex im Stil der 1970er Jahre konnte man sich besonders in den ersten Tagen gut verlaufen – und es war nicht immer ganz einfach, den Weg zwischen den 5–10 parallelen Sektionen und Symposien zu finden. Oder überhaupt sich zwischen den thematisch vielfältigen Vorträgen zu entscheiden. Das ganze Programm kann man sich von der Website des Kongresses herunterladen, unter “Latest news” gibt es auch Photos von den Kongresstagen.

Auch unser Institut nahm am Kongress aktiv teil:

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Károly Kókai über ungarische Migrantenautoren, am Symposium „Multilingualism and Multiculturalism in Finno-Ugric Literatures“, organisiert von Johanna Domokos und Johanna Laakso

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Mikko Kajander über Existentialsätze von Finnischlernenden, am Symposium „VIRSU: Finno-Ugric Target Languages“, organisiert von Pirkko Muikku-Werner und Johanna Laakso

Bei der Sitzung des internationalen Organisationskommittees wurde dann Geschichte geschrieben. Zum ersten Mal entschied das Kommittee, den Kongress in einem “nichtfinnougrischen” Land zu veranstalten, und im Jahre 2020 wird sich Wien für einige Tage in die Hauptstadt der internationalen Finnougristik verwandeln. Dies bedeutet natürlich eine große Anerkennung, eine große Ehre und eine Riesenherausforderung für unser kleines Institut. Statt weiterer Erklärungen zitiere ich hier einfach die Rede, die ich bei der Abschlusszeremonie hielt:

Kiitos Harri, kiitos kaikki oululaiset!
Dear colleagues, дорогие коллеги!
We have seen a wonderful, expertly organized congress, with many interesting presentations and an impressive cultural programme, the kind of which we probably will not be able to offer in Vienna. Above all, this congress has been an important step in the direction in which we would like to proceed: away from the stereotypes of national ethnopolitics and romantic clichés of Finno-Ugrianness, towards stronger communication within the international research community inside and outside the traditional fields of Finno-Ugric studies, celebrating diversity and polyphony while really focusing on research and its international standards.
CIFU 13 will take place in Vienna, the city of Maximilian Hell, the astronomer whose idea it was to invite the Hungarian János Sajnovics to an expedition to the Far North, to find out about the relationship between Sámi and Hungarian. (The rest is history.) Vienna is a multicultural city, also characterized by the geographic proximity and centuries-old presence of a major Finno-Ugric language. Choosing Vienna as the location of the next CIFU means recognizing the work in the field of Finno-Ugric studies also done by non-Finno-Ugric people and institutions. It means focusing on the truly international character of Finno-Ugric studies, it calls for openness, international dialogue and international standards of research.
Дорогие коллеги, мы все очень благодарны нашим коллегам в Оулу за организацию этого прекрасного конгресса. Мы надеемся, что и следующий конгресс в Вене сможет удержать научный уровень на той же высоте.
Szeretettel várunk mindenkit Bécsbe! Herzlich willkommen in Wien!

Internationale Winterschulen – die Tradition lebt weiter

Vor zwei Jahren wurde zum ersten Mal die Internationale Winterschule der Finno-Ugristik veranstaltet, im Rahmen eines Erasmus-Intensivprogramms und in Wien. Die Idee war brutal einfach; jetzt, im Nachhinein, fragt man sich, wieso niemand früher darauf gekommen war, die knappen Ressourcen der kleinen finnisch-ugrischen Universitätsinstitute zusammenzubündeln. Im Rahmen von einer gemeinsamen Lehrveranstaltung kann man einer größeren Gruppe von Studierenden solche Inhalte – Spezialkurse, kleine finnisch-ugrische Sprachen evtl. mit Unterstützung von muttersprachlichen Lehrkräften – anbieten, die sich kleine Institute nicht immer leisten können. Außerdem kommen Studierende aus vielen Universitäten und Ländern zusammen, können einander kennenlernen und neben der internationalen Vernetzung auch die konkrete Kooperation z.B. im Rahmen von Gruppenarbeiten üben.

München 2015: Michael Rießler beginnt den Kurs des Kildinsaamischen, im Hintergrund einige Wiener Gesichter.

München 2015: Michael Rießler beginnt den Kurs des Kildinsaamischen, im Hintergrund einige Wiener Gesichter.

Eigentlich war die Wiener Finno-Ugristik schon früher an etwas ähnlichen Kooperationsprogrammen beteiligt gewesen. Im Rahmen von einem früheren Erasmus-Netzwerk von hungarologischen und finnougristischen Instituten fanden in den 1990er und in den Nullerjahren Erasmus-Intensivprogramme statt, mit breiten interdisziplinären (und oft eher kultur- und literaturwissenschaftlichen) Themen. Die zwei ersten Internationalen Winterschulen, organisiert von der Wiener Finno-Ugristik (auch wenn im Jänner 2014 die Winterschule physisch in Szeged stattfand), hatten einen deutlicher finnougristischen und sprachwissenschaftlichen Schwerpunkt. Das Programm bestand aus Sprachkursen in „kleinen“ finnougrischen Sprachen (2013 waren es Nordchantisch und Nganasanisch, 2014 Nenzisch und Marisch, auch das weniger unterrichtete Bergmarisch) und thematischen Workshops zu verschiedenen Teilgebieten der Sprachwissenschaft und technischen Fähigkeiten (so wie wissenschaftliches Schreiben oder Erstellen von Posters). Mit der Projektfinanzierung wurde es auch möglich, externe „Gurus“ einzuladen, so wie Peter Austin (SOAS London), der gemeinsam mit den eigenen Leuten der Teilnehmerinstitute einen Workshop über Dokumentation von gefährdeten Sprachen hielt.

Die zweiwöchigen Winterschulen (eine Mindestdauer von 10 Arbeitstagen wurde vom Erasmus-Rahmen vorausgesetzt) verlangten viel Arbeit, Logistik und Engagement, entwickelten aber auch ihre eigene soziale Dynamik. Vulgo: es machte Spaß!

Hello Kitty, nordchantisch gestylt

Hello Kitty, nordchantisch gestylt von unseren KollegInnen in Szeged

Nach 2014 änderte sich das Erasmus-System, und Intensivprogramme nach dem alten Konzept werden im neuen Erasmus+-Rahmen nicht mehr gefördert. Nach den guten Erfahrungen wollten wir trotzdem nicht aufgeben. Es wird ja immer deutlicher, dass kleine Disziplinen und Fächer nur mit Hilfe von internationalen Kooperationen, als Teil von internationalen Netzwerken, die Entscheidungsträger von ihrer Nützlichkeit überzeugen und überhaupt überleben können. Außerdem: die Winterschulen machen weiterhin Spaß!

Die heurige Winterschule wurde also auf Patchwork-Basis finanziert: Alle Teilnehmerinstitute trieben das Geld für die Reise- und Unterkunftskosten von ihren Studierenden aus ihren eigenen Quellen auf, und die Lehrkräfte unterrichteten gratis, aus Liebe zur Kunst. Finno-Ugristik macht man ja sowieso nicht aus Geldgier sondern aus Begeisterung! Diesmal dauerte die Winterschule „nur“ eine Woche, vom 9. bis 14. Februar. Dafür hatten wir zwei neue Partnerinstitute an Bord: zusätzlich zu Wien, München, Hamburg, Szeged, Helsinki und Tartu, die schon an den ersten zwei Winterschulen teilnahmen, waren heuer auch Studierende und Lehrende aus Turku und Uppsala dabei.

Die ProfessorInnen Sirkka Saarinen (Turku) und Rogier Blokland (Uppsala)

Die ProfessorInnen Sirkka Saarinen (Turku) und Rogier Blokland (Uppsala)

Standort in diesem Jahr war München, wo das Institut für Finno-Ugristik/Uralistik heuer sein 50jähriges Bestehen feiert; aus diesem Anlass wurde auch für die TeilnehmerInnen der Winterschule ein kleiner Empfang veranstaltet, mit gutem ungarischen Wein (Spende des ungarischen Konsulats).

Die Gastgeberin, Frau Prof. Elena Skribnik, eröffnet die 50jahresfeier

Die Gastgeberin, Frau Prof. Elena Skribnik, eröffnet die 50jahresfeier

Im Programm waren ein Kurs des Kildinsaamischen (von Rogier Blokland aus Uppsala und Michael Rießler aus Freiburg), ein Workshop über Korpuslinguistik (mit zwei Gastlehrenden, Hans-Jörg Schmid aus München und Martin Hilpert aus Neuchâtel in der Schweiz, über Skype und, letztendlich, YouTube), Vorlesungen über Etymologie, und nach bewährter Tradition ein Kolloquium mit Präsentationen von Studierenden und DoktorandInnen.

Selbstverständlich wollen alle Beteiligten die Kooperation fortsetzen. Momentan wird fieberhaft an einem Erasmus+-Antrag gearbeitet. Wie gesagt, werden Intensivprogramme nach dem alten Modellen nicht mehr gefördert, möglich aber ist ein internationales Kooperationsnetzwerk, das nicht nur Winterschulen nach dem bisherigen Konzept sondern auch gemeinsame eLearning-Kurse und Lehrendentreffen beinhalten würde. Die Finno-Ugristik ist sowieso international, die Frage lautet nur, ob es die guten Leute in Brüssel auch verstehen werden. Wir hoffen das Beste.

(Weitere Photos gibt es hier, sowie auf der Facebook-Eventseite.)

Ausblick: Gäste und neue Lehrende im Sommersemester 2015

Johanna Laakso

 

Diese Geschichte hat einen traurigen Anfang und, hoffentlich, ein etwas optimistischeres Ende.

Seit 2003 hat die Wiener Finno-Ugristik in jedem zweiten Semester eine/n GastprofessorIn aus Finnland bekommen (die Liste von allen bisherigen GastprofessorInnen steht auf der Abteilungshomepage). Nach der Pensionierung unserer langjährigen Finnischlektorin Anja-Leena Holtari, die sich gerne auf die Literaturwissenschaft konzentriert hatte, und mit der Einführung von neuen Curricula wurde die Arbeitsteilung so umgestellt, dass die GastprofessorInnen für den Unterricht der finnischen Literaturwissenschaft zuständig sind; auf ihrer Verantwortung sind vor allem die letzten Lehrveranstaltungen des BA-Curriculums, wo unsere BA-Studierende der Fennistik noch eine Vorstellung davon bekommen können, was die finnische Literaturwissenschaft heute bedeutet. Das System wurde gemeinsam von der Universität Wien und vom CIMO (Centre for International Mobility am finnischen Unterrichtsministerium) finanziert und funktionierte reibungslos und zur vollsten Zufriedenheit aller Beteiligten, bis…

… im vorigen Studienjahr das Finanzierungsmodell des CIMO plötzlich geändert wurde. Wie überall in Europa, muss auch in Finnland gespart werden, und wie wir von CIMO erfahren haben, sollten jetzt die weniger werdenden Gelder an möglichst viele ausländische Partnerinstitutionen verteilt werden – und anstatt der längerfristigen oder dauernden, schon bewährten Kooperationen soll das CIMO jetzt Innovationen, neue Anfänge und kürzerfristige Projekte fördern. Trotz mehrerer Versuche gelang es uns nicht, mit einem Neuantrag zumindest eine kleinere Projektförderung zumindest für die folgenden zwei Jahre zu gewinnen. Für dieses Studienjahr haben wir noch eine Gastprofessur von der Universität Wien finanziert bekommen. Was danach folgen wird, wissen wir noch nicht. Wir können nur hoffen, dass bei den Zielvereinbarungsverhandlungen die Universitätsleitung versteht, wie wichtig die Gastprofessur für uns ist – vor allem, weil in Wien keine qualifizierten finnischen LiteraturwissenschaftlerInnen frei herumlaufen, die man für einen Lehrauftrag anstellen könnte.

In diesem Sommersemester wird also noch eine Gastprofessorin aus Finnland zu uns kommen.

Frau Dr. Tiina Käkelä-Puumala ist eine Literaturwissenschaftlerin, die u.a. an der Universität Helsinki unterrichtet hat. Sie hat besonders das Verhältnis zwischen Wirtschaft, Geld und Literatur erforscht, aber in ihren Publikationen (s. Forschungsdatenbank der Universität Helsinki) behandelt sie auch solche Themen wie Gefühle und Tod in der Literatur. Gemeinsam mit Outi Alanko hat sie ein Handbuch über die Grundbegriffe der Literaturwissenschaft herausgegeben.

 

Außerdem bekommen wir zwei kürzerfristige Gäste aus Finnland, deren Aufenthalte und Blocklehrveranstaltungen teilweise vom CIMO finanziert werden. (Frau Prof. Ruotsala hätte eigentlich hätte uns schon im Herbst besuchen sollen, aber die Lehrveranstaltung musste krankheitshalber abgesagt werden.)

 

Frau Dr. Riitta Oittinen, Lektorin am Institut für Sprach-, Übersetzungs- und Literaturwissenschaften der Universität Tampere ist Spezialistin des multimodalen Übersetzens sowie des Übersetzens von Kinderliteratur. Sie ist auch selbst Übersetzerin und Künstlerin (auf ihrer Homepage, die leider nicht mehr ganz frisch ist, nennt sie sich kuvantekijä, ‘Bildermacherin’), hat Kinderliteratur illustriert und Animationsfilme für Kinder gemacht. Bei uns wird sie eine Blocklehrveranstaltung halten, deren Arbeitstitel vorerst Kuvakirja kääntäjän kädessä ‘Ein Bilderbuch in der Hand des Übersetzers’ lautet.

 

Frau Prof. Dr. Helena Ruotsala ist Professorin für Ethnologie an der Universität Turku. Zu ihren Forschungsinteressen gehören u.a. die Umwelt im Norden und deren Änderungen, Rentierzucht und Tourismus im Hohen Norden, Ethnopolitik und Identitätsfragen. Sie hat mehrere Projekte geleitet, z.B. das Forschungsnetzwerk Gendered Rural Spaces, dessen Forschungsergebnisse in Buchform im 2010 erschienen sind, und das Projekt Rajalla (‘An der Grenze’), wo die Konstruktion von Identitäten und der grenzenüberschreitende Alltag von Menschen in den Zwillingstädten Tornio-Haparanda an der finnisch-schwedischen Grenze erforscht wurden. Gemeinsam mit Doz. Ildikó Lehtinen aus Helsinki hat sie den Alltag der Frauen in ethnischen Minderheitengemeinschaften erforscht; auf den Ergebnissen von Feldforschungen in Mari El basiert der von Ildikó Lehtinen herausgegebene Sammelband ‘Die Töchter des Weißen Gottes’, der 2009 auf Marisch und Finnisch erschien. Über ihren Alltag, ihre Arbeit und ihre Forschungsreisen bloggt sie unter dem Titel „Serendipity“ (http://serendipitybyanethnologist-helena.blogspot.co.at/). Ihre Blocklehrveranstaltung, „Aktuelle Blickwinkel auf die Kulturforschung in Finnland“, wird sich um die ethnologische Erforschung der finnischen Kultur handeln, jenseits der Stereotypien von Schweigsamkeit, Trinksucht und Tangos.

 

Und zu guter Letzt: Da uns heuer überraschenderweise etwas Spielraum mit den Lehraufträgen blieb, werden wir im Sommersemester eine ziemlich einzigartige Lehrveranstaltung anbieten können, mit dem Titel Wer spricht welche Sprache mit wem in der Europäischen Union? Die Lehrbeauftragte, Frau Mag. Katja Jääskeläinen, wohnhaft in Wien und als professionelle Übersetzerin und Dolmetscherin bei ScanLang tätig, arbeitete einige Jahre lang in Brüssel im Rahmen eines Sprachprojekts und wird in diesem Kurs verschiedene Fragen von finnougrischen und anderen „kleinen“ Sprachen in der EU behandeln.

Sommernachrichten

Auch mitten im „Sommerloch“ hat die Wiener Finno-Ugristik etwas zu berichten:

Am 1. Juli hat bei uns offiziell ein weiteres dreijähriges Forschungsprojekt begonnen. Das Projekt, geleitet von Prof. Timothy Riese, stellt eine Fortsetzung des EuroBABEL-Projekts (2009–2012) dar, diesmal in einem kleineren Rahmen; mit dabei sind die Finnougristik-Institute von Wien und München, und die Finanzierung erfolgt im Rahmen einer Kooperation der Forschungsförderungsinstitutionen FWF und DFG. In Wien werden am Projekt unsere langjährige Lehrbeauftragte, Mag. Viktória Eichinger, sowie (geringfügig beschäftigt) Anna Wolfauer mitarbeiten.

Und während in Wien (und anderswo) an der Forschung gearbeitet wird, sind einige von unseren Leuten im Ausland im Rahmen von internationalen Projekten unterwegs. Wie auf der Facebook-Seite der StV Finno-Ugristik Wien schon berichtet wurde, findet in Szombathely wieder das traditionelle ungarisch-österreichische Sommerkolleg statt, unter der Leitung von unserer Márta Csire (Bericht auf Ungarisch auf der Website von ORF-Volksgruppen).

Ausflug in Szombathely. (Photo von der ORF-Website.)

Unsere Marischstudierenden, unter der Leitung von Jeremy Bradley, wiederum machen – schon wieder – die größte ausländische Teilnehmergruppe aus auf den internationalen Marisch-Sommerkursen in Joschkar-Ola. Auf der Website der Gastgeberuniversität wird stolz über das internationale Interesse für die marische Sprache berichtet, und auf dem Gruppenfoto sind viele Wiener Gesichter zu erkennen:

In Erwartung weiterer Nachrichten wünschen wir allen unseren LeserInnen einen schönen und erholsamen Sommer!