Gastvortrag Panu Rajala: F.E. Sillanpää und die skandinavische Perspektive (9.12.2015)

Am Mittwoch, den 9. Dezember 2015 hatte die Abteilung Finno-Ugristik Herrn Prof. em. Panu Rajala zu Gast. Er sprach über den (bis jetzt einzigen) finnischen Literatur-Nobelpreisträger Frans Emil Sillanpää, besonders über seine Kontakte und Reseption in Skandinavien und Deutschland.

Rajala puhuu

Panu Rajala

Selten sieht man den Hörsaal 1 so voll wie am Mittwoch Abend! Die ersten Zuhörer kamen bereits 40 Minuten (!) vor Beginn der Veranstaltung, um gute Plätze zu sichern, und letztendlich kamen fast 50 Leute den Vortrag anzuhören. Wegen Sillanpää? Na ja, zum Teil…

Wie Rajala in seinem Vortrag erzählte, war Sillanpää (1888–1964) ein international bekannter Autor schon bevor er im 1939 den Nobelpreis erhielt. Aber der richtige Publikumsmagnet des Abends war wohl Dr. Panu Rajala selber. Seine literarische Tätigkeit ist enorm (u.A. umfangreiche Biographien über finnische Autoren wie Juhani Aho, Mika Waltari, Olavi Paavolainen und F.E. Sillanpää, sowie mehrere Romane), und heuer hat er sogar mit seinem Roman Intoilija für den Finlandia-Preis kandidiert. Das große Publikum kennt ihn aber auch als ex-Ehemann der Sängerin Katri Helena.

Der Hörsaal 1 war voll. Der finnische Literaturkreis (geleitet von unserer ehemaligen Finnischlektorin Anja-Leena Holtari, 3. v. l. in der ersten Reihe) hat die besten Plätze rechtzeitig besetzt. Vielen Dank auch an den vielen StudentInnen und Studenten, die gekommen waren.

Der Hörsaal 1 war voll. Der finnische Literaturkreis (geleitet von unserer ehemaligen Finnischlektorin Anja-Leena Holtari, 3. v. l. in der ersten Reihe) hat die besten Plätze rechtzeitig besetzt. Vielen Dank auch an den vielen StudentInnen und Studenten, die gekommen waren.

Wie kommt so eine Berühmtheit an unserer Abteilung? Die Idee ihn einzuladen kam vom Verleger Sebastian Guggolz und von der Übersetzerin (und unsere Studentin) Reetta Karjalainen. Dieses Duo hat vor Kurzem zwei Werke Sillanpääs auf Deutsch herausgebracht: Frommes Elend (im 2014 zusammen mit Anu Lindemann), sowie Hiltu und Ragnar (2015). Aus diesen Werken haben die beiden auch vorgelesen. Anschließend gab es eine Diskussion mit Panu Rajala, Sebastian Guggolz und Professorin der Skandinavistik Antje Wischmann. Nach einer Debatte über Vitalismus in Sillanpääs Werken im Vergleich zu Hamsun, über die Nobel-Diplomatie sowie über die politischen Hintergründe Sillanpääs bekam auch das Publikum das Wort mit etwas leichteren Themen.

Prof. Antje Wischmann, Prof. Panu Rajala, Reetta Karjalainen und Sebastian Guggolz

Prof. Antje Wischmann, Prof. Panu Rajala, Reetta Karjalainen und Sebastian Guggolz

Insgesamt ein erfolgreicher und schöner Abend! Ganz besonders möchte ich mich beim finnischen Literaturkreis bedanken, die uns ein kleines Buffet spendiert und organisiert hatten.

Rajala hat übrigens in seinem Blog (direkt nach seinem Rückflug am Freitag!) seine Reiseerlebnisse geschildet. Er schreibt u.A., dass er in Finnland noch nie in eine so intensive und treffende Debatte über Sillanpää geraten ist. Seine Freizeit hat er in der Altstadt verbracht und war von den schönen Gebäuden und vielen kleinen Buchhandel in Wien sehr beeindruckt. Der Christkindlmarkt am Rathausplatz war der schönste, den er erlebt hat.

 

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CIFU: Geschichte und Zukunft, mit Wien-Bezug!

Die internationalen Finnougristenkongresse, Congressus Internationalis Fenno-Ugristarum (nicht mit den “Kulturkongressen” der finnougrischen Völker, so wie 2012 in Siófok und demnächst, 2016, in Lahti, zu verwechseln) stellen das größte und wichtigste wissenschaftliche Begegnungsforum der Finnougristik dar.

Der erste Kongress in Budapest 1960 wurde zur Zeit des kalten Krieges und nur vier Jahre nach dem tragisch beendeten Aufstand organisiert. Damals waren wissenschaftliche Begegnungen zwischen ForscherInnen aus Ost und West noch etwas Seltenes und Wertvolles, und die Kongresse erfüllten neben ihrer wissenschaftlichen Funktion auch eine verdeckte ethnopolitische: Sie gehörten zu den ganz wenigen Kontexten, wo ethnokulturelle “finnougrische” Identitätsfragen öffentlich behandelt werden konnten. Zusammengerufen wurden die Kongresse von einem internationalen inoffiziellen Gremium von anerkannten und einflussreichen Finnougristen; eine “International Society of…”, wie in den meisten Wissenschaftsdisziplinen heute üblich, wäre in der damaligen, vom Eisernen Vorhang geteilten Welt wohl politisch unmöglich gewesen.

Seitdem werden die CIFUs in Fünfjahrestakt und abwechselnd in den “finnougrischen Ländern” organisiert, zuerst im Dreiersystem (Ungarn – Finnland – Sowjetunion), nach dem Zerfall der Sowjetunion kam Estland als Viertes dazu. Dem ersten Kongress folgten Kongresse in Helsinki 1965, in Tallinn (damals Sowjetunion) 1970, dann wieder in Budapest 1975, Turku 1980, in Syktywkar in der damaligen Sowjetrepublik Komi 1985, in Debrecen 1990, in Jyväskylä 1995, in Tartu im mittlerweile wieder unabhängigen Estland in 2000, in Joschkar-Ola, Hauptstadt der Mari in 2005, und in Piliscsaba 2010. Heuer war Finnland an der Reihe, und die Wahl fiel an Oulu, wo zwar keine „Finnougristik“ unter diesem Namen unterrichtet wird, dafür aber Saamisch eine zentrale Rolle spielt. An der Universität Oulu gibt es ein gesondertes Zentrum für saamische Sprache und Kultur, mit zwei Professuren und einer landesweiten Verantwortung für Forschung und Unterricht, z.B. für die Ausbildung von LehrerInnen des Saamischen. Außerdem arbeiten am Institut für Finnisch auch solche ForscherInnen, die sich neben Finnisch auch für die „kleinen“ finnougrischen Sprachen oder – so wie Professor Harri Mantila, Präsident des heurigen CIFU – für Ungarisch interessieren.

Die Universität Oulu, wo am Montag fast 400 KongressteilnehmerInnen aus 21 Ländern ankamen, funktioniert fast ausschließlich am Campus Linnainmaa, mehrere Kilometer von der Stadtmitte entfernt, mitten im Wald.

Im modernistischen Riesengebäudekomplex im Stil der 1970er Jahre konnte man sich besonders in den ersten Tagen gut verlaufen – und es war nicht immer ganz einfach, den Weg zwischen den 5–10 parallelen Sektionen und Symposien zu finden. Oder überhaupt sich zwischen den thematisch vielfältigen Vorträgen zu entscheiden. Das ganze Programm kann man sich von der Website des Kongresses herunterladen, unter “Latest news” gibt es auch Photos von den Kongresstagen.

Auch unser Institut nahm am Kongress aktiv teil:

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Károly Kókai über ungarische Migrantenautoren, am Symposium „Multilingualism and Multiculturalism in Finno-Ugric Literatures“, organisiert von Johanna Domokos und Johanna Laakso

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Mikko Kajander über Existentialsätze von Finnischlernenden, am Symposium „VIRSU: Finno-Ugric Target Languages“, organisiert von Pirkko Muikku-Werner und Johanna Laakso

Bei der Sitzung des internationalen Organisationskommittees wurde dann Geschichte geschrieben. Zum ersten Mal entschied das Kommittee, den Kongress in einem “nichtfinnougrischen” Land zu veranstalten, und im Jahre 2020 wird sich Wien für einige Tage in die Hauptstadt der internationalen Finnougristik verwandeln. Dies bedeutet natürlich eine große Anerkennung, eine große Ehre und eine Riesenherausforderung für unser kleines Institut. Statt weiterer Erklärungen zitiere ich hier einfach die Rede, die ich bei der Abschlusszeremonie hielt:

Kiitos Harri, kiitos kaikki oululaiset!
Dear colleagues, дорогие коллеги!
We have seen a wonderful, expertly organized congress, with many interesting presentations and an impressive cultural programme, the kind of which we probably will not be able to offer in Vienna. Above all, this congress has been an important step in the direction in which we would like to proceed: away from the stereotypes of national ethnopolitics and romantic clichés of Finno-Ugrianness, towards stronger communication within the international research community inside and outside the traditional fields of Finno-Ugric studies, celebrating diversity and polyphony while really focusing on research and its international standards.
CIFU 13 will take place in Vienna, the city of Maximilian Hell, the astronomer whose idea it was to invite the Hungarian János Sajnovics to an expedition to the Far North, to find out about the relationship between Sámi and Hungarian. (The rest is history.) Vienna is a multicultural city, also characterized by the geographic proximity and centuries-old presence of a major Finno-Ugric language. Choosing Vienna as the location of the next CIFU means recognizing the work in the field of Finno-Ugric studies also done by non-Finno-Ugric people and institutions. It means focusing on the truly international character of Finno-Ugric studies, it calls for openness, international dialogue and international standards of research.
Дорогие коллеги, мы все очень благодарны нашим коллегам в Оулу за организацию этого прекрасного конгресса. Мы надеемся, что и следующий конгресс в Вене сможет удержать научный уровень на той же высоте.
Szeretettel várunk mindenkit Bécsbe! Herzlich willkommen in Wien!

Gastprof. Dr. Kristina Malmio schreibt über ihre Zeit in Wien

[Doz. Dr. Kristina Malmio von der Universität Helsinki hatte im Sommersemester 2014 an unserer Abteilung die Gastprofessur für finnische Literatur inne. Sie war, wie es derzeit aussieht, die vorletzte Gastprofessorin an unserer Abteilung, denn nachdem sich das Finanzierungsmodell des finnischen CIMO verändert hat, will die Universität Wien die früher gemeinsam finanzierte Gastprofessur nicht mehr alleine aufrechterhalten. Über die Zukunft des Unterrichts der finnischen Literatur wird zurzeit verhandelt.

Während ihres Aufenthaltes in Wien wurde Kristina Malmio zur Universitätslektorin für nordische Literatur an der Universität Helsinki gewählt. Zurzeit leitet sie dort das Forschungsprojekt Spätmoderne Spatialität in der finnlandschwedischen Prosa 1990–2010.

Über ihre Zeit in Wien berichtete Kristina Malmio in der finnischen literaturwissenschaftlichen Zeitschrift Avain (Nr. 4/2014). Wir veröffentlichen ihren Text jetzt in deutscher Übersetzung in unserem Abteilungsblog, selbstverständlich mit ihrer Erlaubnis – und mit herzlichem Dank für ihren inspirierenden Unterricht und ihre Kooperationsbereitschaft. Kristina, du fehlst uns sehr!]

 

Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen,

ich arbeitete im Frühjahr 2014 ein halbes Jahr lang als Gastprofessorin für finnische Literatur an der Universität Wien. Meine Stelle wurde von CIMO [Centre for International Mobility im Finnischen Unterrichtsministerium] und der Universität Wien finanziert und gehörte zum Fach Finnougristik. Die Finnougristik wiederum, gemeinsam mit der Skandinavistik, der Nederlandistik und der Vergleichenden Literaturwissenschaft, gehört zum Institut für Europäische und Vergleichende Sprach- und Literaturwissenschaft. Finnisch, Estnisch und Ungarisch sind in den gleichen Räumlichkeiten untergebracht, und meine nächsten KollegInnen waren Sprach- oder LiteraturwissenschaftlerInnen, ForscherInnen der Finnougristik, der vergleichenden Literaturwissenschaft oder der ungarischen Literatur. Zusätzlich arbeitete ich auch mit KollegInnen der Skandinavistik zusammen.

Die Rahmenbedingungen waren beeindruckend: In Wien ist alles groß und alt. Die Universität wurde 1365 gegründet. Sie ist die älteste Universität des deutschsprachigen Raumes, eine der größten in Zentraleuropa und die größte in Österreich. Das im Jahre 1884 im historistischen Stil erbaute, einen ganzen Block umfassende Hauptgebäude kann man mit gutem Grund Palast der Wissenschaft nennen. Das Gebäude würde Fredric Jameson gutes empirisches Material für seine Reflexionen darüber bieten, wie der Raum auf den Menschen wirkt und wirtschaftliche Megatrends ausdrückt. Die detailreiche Architektur des Gebäudes, mit Treppen und Stiegenhäusern in zahllosen Richtungen, hat für einen mit der funktionalistischen Geradlinigkeit sozialisierten Finnen einen zugleich verblüffenden und erheiternden Effekt. Sprachlos wird man aber bei der Gedenktafel für einen jüdischen Studenten [!], der 1933 [!] im Gebäude ermordet wurde. [Hier wird wohl der Mord an Moritz Schlick i.J. 1936 mit den antisemitistischen Gewalttätigkeiten von 1933 verwechselt.]

In Wien bekommt man schnell das Gefühl, dass Helsinki irgendwo in der unwirklich fernen Peripherie liegt. Nach Budapest kommt man in einer Stunde, auch nach Prag dauert die Fahrt nicht lange, und Italien ist nicht weit. Der Wiener kennt seine eigene Würde, ändert sich nur langsam, aber verfügt über reichlich Selbstironie. Warum sollte man etwas anders machen, bei uns wird es seit zweihundert Jahren so (auf diese, aus skandinavischer Sicht unpraktische Art und Weise) gemacht, sagt der Wiener und lacht. Sowohl die Stadt als auch die Universität stellen eine Kombination von Alt und Neu dar, konservative Trägheit und neueste Strömungen existieren zugleich. Einerseits findet man gewisse Konventionen komisch, so wie die Anreden (sehr geehrte Frau Professor), andererseits wird in Wien effizient digitalisiert und internationalisiert, und die Universität bietet gut funktionierende Internetdienste auf verschiedensten Gebieten an.

Zu den Forschungsschwerpunkten in der Finnougristik gehören Mehrsprachigkeit, Geschichte der ungarischen Literatur und Kultur sowie die Geschichte, Kontakte und Typologie der finnougrischen Sprachen. Die ForscherInnen hatten sehr verschiedene Forschungsinteressen. Die Hungarologie bedeutet in der Praxis die Erforschung der ungarischen Literatur, unter den VertreterInnen der vergleichenden Literaturwissenschaft waren auch KulturwissenschaftlerInnen, und ein Teil des Personals erforschte die Typologie der uralischen Minderheitssprachen. Im Gange sind Projekte zur Digitalisierung der ungarischen Presse des 18. und 19. Jahrhunderts sowie zur Lexikographie der marischen Sprache. Im vorigen Jahr endete das internationale Projekt ELDIA (European Language Diversity for All), in welchem die Vielfalt der europäischen Minderheitssprachen und die Mehrsprachigkeit der Minderheiten erforscht wurde; Professor Johanna Laakso gehörte zur Leitung des Projekts. Die Stellung der jungen und auch etwas älteren ForscherInnen ist schwierig, genauso wie in Finnland: Es gibt wenig Finanzierungsmöglichkeiten, und die Konkurrenz ist hart. Als Standort ist Wien sehr international: Die ForscherInnen des Instituts waren mal in Indien, mal in Kroatien unterwegs, und es gab sehr viele Gastvorträge. Während des Frühlings gastierten an der Universität unter anderen Judith Butler sowie die Narratologen Ansgar und Vera Nünning.

Finnland in Europa, Europa in Finnland

In Wien wählen die Studierenden der Finnougristik entweder die Hungarologie oder die Fennistik als Hauptfach. Das BA-Studium der Fennistik beginnt mit der STEOP-Einheit (15 ECTS), bestehend aus den Grundkursen der Literatur- und Sprachwissenschaft, dem Grundkurs der finnischen Literaturgeschichte und der Landeskunde.

Der Einführungskurs der Literaturwissenschaft bringt allen die Grundlagen der Literaturforschung bei. Das zum Kurs gehörende, online angebotene Skriptum (84 S.) ist ihren finnischen Entsprechungen ziemlich ähnlich. Der größte Unterschied besteht wohl darin, dass die Geschichte und Begriffe der Hermeneutik in der Einführung ziemlich viel Aufmerksamkeit bekommen und dass die Rhetorik und die Poetik sehr ausführlich behandelt werden. Die Beispiele kommen vorwiegend aus der deutschsprachigen Literatur.

Während des ersten Studienjahres absolvieren die Studierenden der Fennistik zwei Kurse der Literaturgeschichte, in denen der Finnischlektor Mikko Kajander die zentralsten Entwicklungsphasen und Werke der finnischen Literatur behandelt, von Agricola bis zu unseren Tagen. Der/die GastprofessorIn soll die finnische Literatur und Literaturwissenschaft unterrichten und die schon erworbenen Kenntnisse vertiefen. Ich unterrichtete während des Sommersemesters vier Kurse: Moderne finnische Literatur 1990–2010, Geschichte und Entwicklung der finnlandschwedischen Literatur, Übungen in Theorien und Methoden der Literaturforschung sowie die Literaturwissenschaftliche Übung 2, in der die Studierenden eine von ihren zwei Bachelorarbeiten schreiben. Die Studierenden kamen vorwiegend aus der Finnougristik und der Skandinavistik, und die Gruppen waren klein: in den Vorlesungen saßen 15–20 Personen, und 5 Bachelorarbeiten wurden verfasst.

Die Studierenden beherrschen Finnisch nicht (unbedingt) gut genug, um die Texte in finnischer Sprache lesen zu können, weshalb die Lehrmaterialien auch auf Deutsch zugänglich sein mussten. Meine Kurse waren dementsprechend ziemlich vielsprachig: Unterrichtet wurde auf Englisch, und die Studierenden lasen finnische Literatur in deutscher Übersetzung. Für die Prüfungen und Aufgaben durften sie Englisch, Deutsch, Finnisch oder Schwedisch verwenden. O, hätte ich bloß nach der Frankfurter Buchmesse in Wien arbeiten können, dachte ich oft während dieses Sommersemesters – im Zusammenhang mit der Messe erschienen nämlich 130 neue deutsche Übersetzungen der finnischen Literatur. Der Mangel an brauchbaren deutschsprachigen Texten stellte eine Beschränkung für die Gestaltung der Kursinhalte dar. So gibt es z.B. fast keine deutschen Übersetzungen der neuen finnischen Dichtung.

Wer die finnische Literatur im Ausland unterrichtet, muss sich in praxi dauernd mit der vergleichenden Literaturforschung beschäftigen. Einerseits bin ich für meine Studierenden “Finnland in Europa”, die Personifizierung der Kultur, die ich unterrichte. Es ist wichtig, was die Studierenden von der finnischen Geschichte, Gesellschaft und Kultur durch die finnische Literatur lernen. Andererseits soll ich die neuen Kenntnisse damit verbinden können, was die Studierenden im vornhinein wissen. Zur Strategie wählte ich “Europa in Finnland”, d.h. die Verbindungen zwischen der finnischen Literatur und den politischen und literarischen Strömungen in Europa. Weil aber der Unterricht am Institut einen starken sprachwissenschaftlichen Schwerpunkt hat, musste ich zuerst die Kenntnisse der Studierenden von z.B. Symbolismus oder Postmodernismus vertiefen.

In einer neuen Umgebung kann die eigene Kultur plötzlich fremd wirken, auf eine sehr erfrischende Art und Weise. “Entschuldigung, was ist das Mumintal?” – fragte während der Vorlesung zur finnlandschwedischen Literatur ein Student mit Hauptfach Medienwissenschaft. Es war interessant, finnisch- und deutschsprachige Textversionen miteinander zu vergleichen. “Matami Röhelin”, die Erzählung von Maria Jotuni, heißt z.B. in der deutschen Übersetzung “Madame Röhelin”, was zu interessanten Fehldeutungen von Repräsentationen der Gesellschaftsklassen führen kann. Beim Unterricht ging es oft darum, was ein Begriff im finnischen Kontext bedeutet, z.B. dass das Anredewort matami auf eine ganz andere Gesellschaftsschicht hinweist als Madame im Deutschen. Die Studierenden interessierten sich für die moderne finnische Literatur, vor allem Krimis: zwei von den fünf BA-Arbeiten behandelten finnische Krimis, bei den anderen ging es um die Autorinnen Sofi Oksanen, Leena Lander und Minna Canth.

Die dritte Dimension in meinem Unterricht stellte der nordische Kontext dar. Gemeinsam mit den Lektorinnen der Skandinavistik veranstaltete ich das Seminar Der kleine Nobelpreis – Nordic Council Literature Prize 2014. Unser Ziel war, die Studierenden mit dem Literaturpreis des Nordischen Rates, mit der modernen nordischen Literatur und miteinander besser vertraut zu machen. Bei der Veranstaltung trugen die nordischen Lehrkräfte über die heutigen Literaturtrends ihrer Länder vor, und im Rahmen von Workshops stellten die Studierenden einander die Preiskandidaten von 2014 vor. Die Werke von Kjell Westö und Henriikka Tavi stellten einen Teil des Kurses der modernen finnischen Literatur dar. Das Seminar hatte insgesamt 80 TeilnehmerInnen, und den Studierenden gefiel besonders, dass die finnische Literatur im nordischen Kontext vorgestellt wurde.

Die studentische Evaluation der Lehre funktionierte ganz anders als in Finnland. Die Evaluationsfragebögen wurden mir in einem Sammelkuvert geliefert, in den Lehrveranstaltungen wählten die Studierenden unter sich einen Vertreter, der die ausgefüllten Formulare einsammelte, das Kuvert zuklebte und mit seiner Unterschrift bestätigte, dass ich die Antworten nicht gesehen hatte. Danach wurden die Antworten an die der Zentralverwaltung untergeordnete Evaluationseinheit geliefert, und von dort bekam ich elektronisch eine 6-seitige (!) Analyse meines Kursfeedbacks.

Die Zeit in Wien bedeutete für mich eine Synthese meiner “vaganten” Forscherkarriere: ich habe an der Åbo Akademi allgemeine Literaturwissenschaft studiert, im Fach Nordische Literatur gearbeitet und dann sowohl die finnlandschwedische als auch die finnischsprachige Literatur erforscht. Diese Dimensionen konnte ich sowohl im Unterricht als auch bei meinen Gastvorlesungen kombinieren. Es war interessant, die Lehre, Forschung und Administration einer ausländischen Universität kennenzulernen.

Vieles an der Universität Wien war so wie in Helsinki vor zehn Jahren: Die Finnougristik hat eine kompetente Sekretärin, eine eigene, vielseitig ausgerüstete Bibliothek und eine engagierte Bibliothekarin. Daran, wie wichtig diese Funktionen sind und wie sie die Forschung und die Lehre auf so viele Weisen unterstützen, konnte ich mich sehr gut erinnern, als ich sie noch für ein halbes Jahr zurückbekam. Dank ihnen kann die Forscherin frei forschen, die Lehrerin unterrichten. Warum sollte man dies anders machen, weil es ja seit zweihundert Jahren auf diese praktische Art und Weise gemacht wird, sagt der Wiener und lacht.

P.S. In Wien gehört Pflichtlatein immer noch zum humanistischen Universitätsstudium.

Indien und Korea als wissenschaftliche Kooperationspartner der Wiener Finno-Ugristik. Ein Bericht.

von Andrea Seidler

Im Rahmen zahlreicher Abkommen der Philologisch-Kulturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien ist auch die Abteilung für Finno-Ugristik aktiver Partner in der Kooperation mit ausländischen Universitäten. Ich möchte hier zwei enge Partner unserer Abteilung beschreiben, die wir regelmäßig besuchen, dort unterrichten, an deren Konferenzen wir teilnehmen und mit denen wir auch gemeinsam publizieren.

Einer der interessantesten Kooperationspartner ist zweifelsohne die Universität von Pune in Indien. Eine Delegation unserer Fakultät besuchte die Universität das erste Mal im Jahre 2009, zwei weitere Male 2012 und 2014.

Der erste Anlass war eine Tagung über “Language and Identity” im September 2009. Ich hielt dort einen Vortrag über Mehrsprachigkeit im Königreich Ungarn im 18. und 19. Jahrhundert, ein Thema, das in Indien, einem traditionell mehrsprachigen Land (22 offizielle Landessprachen, über 1000 Dialekte) großen Anklang fand.

Die zweite Tagung, zu der wir eingeladen wurden, beschäftigte sich gezielt mit Mehrsprachigkeit als indisches aber auch als europäisches Phänomen. Es ging dabei um die Frage, wie der Subkontinent Indien und die Europäische Union mit der Mehrsprachigkeit in Theorie und Praxis verfährt. Ich hielt einen Vortrag zum Thema „Wem gehört ein Autor?“, in dem ich der Frage nachging, wie ehemals osteuropäische Schriftsteller auf dem deutschen Buchmarkt präsentiert werden und wie viel von ihrer ungarischen Identität als Folge dieses Vermarktungsprozeß übrig bleibt. Auch die Rolle Österreichs, die auf diesem Gebiet an Bedeutung abnimmt und allmählich marginal ist, wurde thematisiert.

Die Vorträge dieser Tagung haben wir 2014 bei der Edition Präsens publiziert.

Im heurigen Frühjahr wurden wir (Prof. Wynfrid Kriegleder, Prof. Franz Patocka, Prof. Wolfgang Müller-Funk) zu einem imposanten Kongress anlässlich des 100-jährigen Jubiläums der Germanistik in Indien eingeladen und hielten in Pune selbst mehrere Vorträge. Ich sprach über literarisches Übersetzen und die Bedeutung Shakespeares in der ungarischen Literatur: „Der politisierte Shakespeare: Übersetzungsstrategien im Dienste politischer Programme in Ungarn“. (Goethe Gesellschaft gemeinsam mit Universität Pune, März 2014)

Von Pune aus reisten wir auf Einladung der Indo-German Society und als persönliche Gäste der indischen Frauenrechtlerin und Germanistin Prof. Pawan Surana nach Jaipur, um dort Vorträge zu zentraleuropäischen Literatur zu halten. Im Rahmen eines workhops ging es der Wiener Gruppe vor allem darum, in der Zuhörerschaft ein Bewusstsein für die österreichische (österreichisch/ungarische) Literaturtradition zu wecken und auf die Unterschiede der zentraleuropäischen und der deutschen Literatur aufmerksam zu machen. Die Frage wurde auch aus linguistischer (Prof. Franz Patocka) wie kulturwissenschaftlicher Sicht erörtert (Prof. Müller-Funk).

Kooperation mit Südkorea

Eine zweite wichtige Kooperation besteht mit der Sungshin Women’s University in Seoul Korea, die wir mittlerweile ebenfalls zwei Mal besucht haben. Die Sungshin University – eine Privatuniversität – wurde 1936 gegründet und lässt im BS Studium ausschließlich Frauen zu. Die MA-Studiengänge können auch von Studenten besucht werden.

Das Erste Mal besuchten wir Sungshin im Jahr 2012 gemeinsam mit Prof. Wynfrid Kriegleder. Wir hielten auch dort vor allem Vorträge zu der Frage einer möglichen Abgrenzung der zentraleuropäischen Literatur sowie über die sprachlichen Verhältnisse in der Habsburger Monarchie des 18. und 19. Jahrhunderts.

Auch die Seoul National University lud uns zu Vorträgen ein.

Wir waren sehr überrascht über das gute Niveau der Diskussion – vor allen in sprachlicher Hinsicht – und über den hohen Grad der Informiertheit über das heutige Zentraleuropa, insbesondere auch über die politische Lage in Ungarn.

Im heurigen November verbrachten wir wieder zehn Tage an verschiedenen koreanischen Universitäten, unter anderem an der Sungshin, der Seoul National aber auch an der Hankuk International University.

Wir sprachen über einige Kapitel aus der österreichischen Literatur, unser Kollege Wolfgang Müller-Funk über Franz Kafka und Thomas Bernhard und auch über ungarische Literatur: ich hielt an der Sungshin University einen Vortrag über ungarische Weltreisende des 19. Jahrhunderts, in erster Linie über Ármin Vámbéry und Sámuel Teleki – vor einem reinen Frauenpublikum… – aber das haben wir an unserer Abteilung auch manchmal.

Die Kooperation mit all diesen Institutionen werden wir auf jeden Fall weiterführen und ich möchte auf diesem Weg auch meine KollegInnen und die Studierenden dazu ermuntern, sich über Europa hinaus zu wagen und Austauschprogramme, die die Universität Wien anzubieten hat, auch zu nützen. Sungshin University schickt seit 2010 Studierende nach Wien – auch umgekehrt besteht die Möglichkeit, sich um einen Studienplatz dort zu bewerben. Das gleiche gilt für die Universität Pune. Diese Universitäten haben zwar keine Finno-Ugrischen Departments, aber bieten jedenfalls philologische Ausbildung auf hohem Niveau an. Die Erfahrungen, die man dort sammelt sind auf jeden Fall äußerst wertvoll und eine wunderbare Ergänzung zum Regel-Universitätsstudium und –betrieb.

Anbei einige Fotos von unseren Vortragsreisen nach Indien und Korea.

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Unser Blog!

Hier entsteht der neue Blog der Wiener Finno-Ugristik.

Unsere MitarbeiterInnen werden hier Berichte, Bilder, Nachrichten usw. posten können – von unseren Veranstaltungen, Festen, Gästen, und was sich immer in der finnisch-ugrischen Sprach-, Literatur- und Kulturforschung tut. Weil ja nicht alle auf Facebook sind…

Zu Beginn noch einige Photos von unserer letzten großen Veranstaltung in diesem Sommersemester: Workshop „Broken narratives als Herausforderung für die interdisziplinäre Erzählforschung“ am 16. Juni 2014, mit Vera und Ansgar Nünning und einer Rekordzahl an TeilnehmerInnen.

veran

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