Exkursion der Wiener Hungarologie-StudentInnen im Rahmen des CENTRAL-Projektes nach Berlin

TeilnehmerInnen: Dániel Antalfi, Gabriella Greilinger, Eva Herter, Bettina Planitz

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  1. November 2016

 Am Dienstag zu Mittag ging es für uns los nach Berlin, um dort an einem Treffen mit anderen Hungarologie-StudentInnen, sowie einer Konferenz zur 100-Jahr-Feier des hungarologischen Instituts der Humboldt Universität teilzunehmen. Neben uns vier Studenten aus Wien waren natürlich die Studenten aus Berlin, aber auch welche aus Prag, Warschau und Budapest dort.

Am ersten Abend, nachdem wir im Hostel angekommen sind, das zentral, ca. 5 Minuten vom Herzen Berlins, dem Alexanderplatz gelegen ist, mussten wir auch schon wieder los, um die anderen Hungarologie-Studenten und den Lektor für Ungarisch, Tamás Görbe, zu treffen.

Neben gutem deutschen Bier und leckerem Essen haben wir einen Teil der Studenten schon einmal kennenlernen können und den Abend angenehm ausklingen lassen.

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  1. November 2016

 Am nächsten Morgen mussten wir wieder früh auf, da wir am Institut für Hungarologie der Humboldt Universität zu einem gemeinsamen Frühstück empfangen wurden.

Dort haben wir dann auch die anderen Studenten, die am Vorabend nicht dabei waren, kennen gelernt. Uns wurde außerdem das Institut vorgestellt und erklärt, wie das Studium in Berlin aufgebaut ist. Dann haben auch wir Studenten aus den andern Ländern erzählt, wie das Hungarologie Studium bei uns aufgebaut ist. Dabei haben sich ein paar Gemeinsamkeiten, aber auch viele Unterscheide gezeigt.

Danach sind wir auf unsere erste Stadttour gegangen, die von Berliner Studenten organisiert wurden.

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Am Abend wurden wir alle im Collegium Hungaricum empfangen. Nach einer Führung durch das Haus wurde der ungarische Film „Tiszta szívvel“ (Regie: Attila Till) gezeigt.

Im Anschluss haben wir mit den anderen Studenten noch beschlossen, das Berliner Nachtleben zu erkunden.

  1. November 2016

 Donnerstag Vormittag haben wie uns wieder mit den anderen getroffen und sind gemeinsam zur East Side Gallery gegangen, bzw. diese ein Stück entlanggegangen. Die East Side Gallery ist ein Stück der Berliner Mauer, auf der man die Arbeiten von Künstlern auf Teilen der ehemaligen Mauer betrachten kann.

Leider hatten wir hier aber kein Glück mit dem Wetter und schon nach kurzer Zeit waren die meisten von uns komplett durchnässt.

Nach einer kurzen Mittagspause sind wir auch schon weitergegangen ins nächste Viertel „Friedrichshain“, DIE Partymeile Berlins mit verschiedensten Clubs und Bars.

Von dort aus war es nicht mehr weit zum „Café Szimpla“, ein nettes kleines Kaffeehaus/Bistro wo wir uns bekannte, typisch ungarische Gerichte auf der Speisekarte fanden.

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Nach einer kleinen Stärkung mit Kaffee und Kuchen sind wir schon weitergefahren zur nächsten Sightseeing-Tour, die uns mitten durch Berlin geführt hat.

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  1. November 2016

 Freitag Vormittag wurden uns Wohnhausanlagen in der Nähe der Siegessäule gezeigt und wir stiegen auf eine Dachterrasse, von wo aus wir einen tollen Blick über ganz Berlin hatten.

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Nach der Führung hatten wir wieder etwas Zeit, uns selbst etwas anzuschauen, also sind wir zu viert los und haben die Hackeschen Höfe besucht, die am Hackeschen Markt liegen, und eine super Gelegenheit für uns boten, ein paar Souvenirs zu kaufen.

Als wir damit fertig waren hatten wir nach dem vielen Gehen natürlich wieder Hunger, und da man nicht aus Berlin zurückkommen kann ohne einmal Currywurst mit Pommes gegessen zu haben, haben wir uns eine Curry-Bude in der Nähe gesucht, um uns zu stärken.

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Am Nachmittag hat auch schon die Konferenz anlässlich der 100-Jahr-Feier des Instituts für Hungarologie im Collegium Hungaricum begonnen.

Viele ausländische, aber auch Berliner Professoren haben Vorträge gehalten, auch unser Institut war durch einen Vortrag von Frau Professor Seidler über Georg Lukács vertreten.

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Im Anschluss an die Vorträge wurden alle Studenten noch zu einem Empfang in der ungarischen Botschaft erwartet, wo wir den Abend mit gutem ungarischen Essen und Wein ausklingen ließen.

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Nach dem Empfang beschlossen wir, mit den anderen Studenten noch einmal loszuziehen, das Berliner Nachtleben zu erkunden. Diesmal sind wir zurück nach Friedrichshain gegangen, wo wir zwei Tage zuvor schon einmal tagsüber waren.

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Vormittags sind wir noch einmal zum Collegium Hungaricum gefahren, da die Konferenz fortgesetzt wurde.

Danach sind wir zu viert zum berühmten Checkpoint Charlie gefahren, dem ehemaligen Grenzübergang im geteilten Berlin.

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Danach sind wir alle noch einmal alleine losgezogen, damit jeder noch das ansehen konnte, was er oder sie wollte.

  1. November 2016

 An unserem letzten Tag in Berlin, bevor es am Abend heim ging, haben wir uns noch das Reichstagsgebäude angesehen, wo wir auch eine Führung gebucht hatten, bei der uns alles über die Abläufe im Reichstag sowie über das Gebäude selbst erklärt wurde.

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In der Glaskuppel, die ebenfalls Teil der Führung war, konnte man ganz hinaufmarschieren, von wo aus man wieder einen tollen Blick über ganz Berlin hatte.

Nachher sind wir hinüber zum Brandenburger Tor marschiert, durch das man jetzt, nachdem Präsident Obama, der zur gleichen Zeit Berlin besuchte, wieder weggefahren ist, problemlos durchgehen konnte. Nach einer kleinen Stärkung im Café Einstein, das wir für uns in Berlin entdeckt haben, sind wir zu Alten Synagoge weiter gegangen, bevor wir schon zurück zum Hostel mussten, um unsere Koffer zu holen.

Dann ging es für uns, durch eine Menge an Erfahrungen und Eindrücken reicher, wieder zurück nach Wien.

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Hiermit möchten wir uns für die Berliner Gastfreundschaft und die Organisation durch Herrn Tamás Görbe und Frau Dr. Rita Hegedűs als auch bei den Studierenden der Berliner Hungarologie bedanken.

Gabriella Greilinger

 

Doktorarbeit und Defensio von Jeremy Bradley: Marisch im Fokus

Die marische Sprache, früher auch “Tscheremissisch” genannt, ist eine der “großen” finnisch-ugrischen Minderheitssprachen im europäischen Russland, mit immer noch sechsstelligen Sprecherzahlen und einer kontaktlinguistisch sehr spannenden Position in der Nachbarschaft von verschiedenen Turksprachen. Marisch gehört seit Jahren zu den sprachwissenschaftlichen Schwerpunkten der Wiener Finno-Ugristik. Dies ist vor allem Prof. Timothy Riese zu verdanken, der bei uns schon mehrere Studierendengenerationen mit dem Marischen vertraut gemacht hat.

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Marischgruppen aus Wien haben mehrere Male die Sommeruniversität in Joschkar-Ola besucht und viel Publicity für die Universität Wien gebracht. In der Forschung drückt sich dieses Interesse vor allem in einem großen Forschungs- und Dokumentationsprojekt aus, das schon verschiedene elektronische Ressourcen zur marischen Sprache sowie das erste praktische, in englischer Sprache zugängliche Lehrbuch des Marischen hervorgebracht hat. Die Ergebnisse des Projekts, das zuerst von der FWF, dann von der finnischen Kone-Stiftung finanziert wurde, sind unter www.mari-language.com zu sehen.

Neben Prof. Riese hat bei den Marischprojekten in den letzten Jahren unser Absolvent und Doktorand Jeremy Bradley, ein gebürtiger Wiener mit amerikanischen Wurzeln, eine immer größere Rolle gespielt. Aus dem jungen Estlandfreund, der zuerst auf der Suche nach einem interessanten Nebenfach für sein Informatikstudium  zu uns kam, ist ein Experte des Marischen und der Wolgasprachen geworden. Nach einigen Jahren Anstellung an unserem Institut, als Lehrbeauftragter und Projektmitarbeiter, arbeitet er nunmehr als wissenschaftlicher Assistent am Lehrstuhl für Finno-Ugristik der Ludwig-Maximilians-Universität München.

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Und so ist es soweit gekommen, dass bei uns am Montag 10.10.2016 die erste (!) sprachwissenschaftliche Doktoraldefensio dieses Jahrtausends stattfand. Jeremy Bradley verteidigte seine Doktorarbeit Mari Converb Constructions: Productivity and Regional Variance.

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Um ein komplexes Phänomen kurz und salopp zu erklären: es geht um Konstruktionen, die aus zwei Verben bestehen, wobei das eine die “Grundbedeutung” ausdrückt, das andere weitere Bedeutungsnuancen hinzufügt, die in der Literatur mal als “Richtung”, mal als “Aspekt” oder “Aktionsart” beschrieben werden. So kann man im Marischen ein Glas “füllend geben”, wenn man das Glas (mit erfrischendem Getränk) für eine andere Person füllt. Im Spiel zu gewinnen heißt “spielend nehmen”, und “fragend stellen” kann man sagen, wenn plötzlich eine Frage gestellt wird. In der Dissertation wurde mit Hilfe von computergestützter Analyse geklärt, in welchen Kombinationen, wo und wie diese Verben vorkommen. Es wurde also wichtige Grundlagenforschung gemacht.

Von den GutachterInnen, Prof. Beáta Wagner-Nagy (Hamburg) und Prof. Gerson Klumpp (Tartu), hatte die Arbeit schon konstruktive und vorwiegend positive Kritik bekommen. Prof. Klumpp war auch einer von den zwei Opponenten bei der Defensio, gemeinsam mit Prof. Laakso.

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Die Vorsitzende, Frau Prof. Ina Hein von der Japanologie, war offensichtlich beeindruckt von den vielen interessierten Zuhörern und von der konstruktiven Diskussion.

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Leider war die Zeit nach der ausführlichen Präsentation der Arbeit sehr kurz, die Opponenten hätten über diese interessante Arbeit gerne noch weiterdiskutiert.

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Das offizielle Gruppenbild mit Betreuer, OpponentInnen und Vorsitz. (Für alle Photos danken wir dem Vater des Dissertanten.)

 

Die Abteilung Finno-Ugristik freut sich und gratuliert!

Die Arbeit wird voraussichtlich in naher Zukunft in einer wissenschaftlichen Publikationsreihe erscheinen. In Erwartung der Publikation können sich alle noch diese Dokumentation unserer marischen Forschungsinteressen (aus 2012) anschauen: in marischer Sprache, mit englischen oder russischen Untertiteln – gedreht, selbstverständlich, von Jeremy Bradley.

Tag der estnischen Sprache in Wien

Estnisch wird an der Wiener Finno-Ugristik seit den 1970er Jahren unterrichtet. Schon bald nach der Gründung des damaligen Instituts für Finno-Ugristik konnte Professor Rédei die damalige Bundeslehrerin für Schwedisch, Frau Mag. Imbi Sooman überreden, neben ihrer Lehrtätigkeit bei der Skandinavistik auch bei uns ihre Muttersprache Estnisch zu unterrichten. Seit der Pensionierung von Frau Sooman (2010) trägt Frau Mag. Triinu Viilukas die Verantwortung für unseren Estnischunterricht. Aus ihrer Initiative und in Kooperation mit der Botschaft von Estland und dem Eesti Instituut wurde bei uns am 20.5.2016 ein Tag der estnischen Sprache in Wien veranstaltet.

Hochkarätige Gäste eröffneten die Veranstaltung:

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S. E. Rein Oidekivi, Botschafter der Republik Estland in Wien, hat selbst einen akademischen Abschluss in estnischer Philologie.

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Im Namen der Philologisch-Kulturwissenschaftlichen Fakultät: Frau Vizedekanin Melanie Malzahn

In ihren schönen Grußworten erwähnte Frau Vizedekanin Malzahn, selbst Professorin für Indogermanische Sprachwissenschaft, dass Estnisch für die historisch-vergleichende Sprachwissenschaft eine besondere Bedeutung hat: In solchen uralten germanischen Lehnwörtern wie kuningas ‘König’ oder rõngas ‘Ring’ hat Estnisch das -as (-az) am Wortende erhalten, das in den heutigen germanischen Sprachen nicht mehr da ist. (Dies trifft allerdings bei allen anderen ostseefinnischen Sprachen auch zu, so wie Finnisch.) Was ich aber leider erst nach der Veranstaltung erfahren habe: Es gibt eine interessante Anknüpfung zwischen dem Forschungsgebiet von Frau VD Malzahn, d.h. der tocharischen Sprache, und Estland. Nämlich: Albert von Le Coq, der reiche Hobbyarchäologe und (Mit)entdecker der ersten tocharischen Texte (1904), war Sohn und Erbe einer französisch-belgisch-preußisch-englischen Bierbräuerdynastie, und seine Brauerei, seit 1912 in Tartu, produziert auch heute hervorragendes Bier unter dem stolzen Firmennamen A. Le Coq.

In meinen Grußworten konnte ich den Gästen auch über unsere Forschungsprojekte mit Estland-Bezug berichten. Am EU-finanzierten Minderheitenforschungsprojekt ELDIA (European Language Diversity for All), wo auch unser Institut beteiligt war (in Wien wurde eine Fallstudie über die Ungarn in Österreich durchgeführt), entstanden Studien über Minderheiten in Estland (die südestnischen Sprachvarietäten Võro und Seto/Setukesisch) sowie estnische Diasporas im Ausland.  Eben kurz vor der Veranstaltung konnten die Berichte der Fallstudie über Estnisch in Deutschland, von Kristiina Praakli (Tartu/Helsinki), endlich veröffentlicht werden. Die Texte (die englische Originalversion sowie deutsch– und estnischsprachige Zusammenfassungen) sind im Internet frei abrufbar und könnten vielleicht auch für die EstInnen in Österreich von Interesse sein.

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Es folgten Vorträge von drei Gästen aus Estland. Allerdings kam Birute Klaas-Lang, Professorin für Estnisch als Fremdsprache an der Universität Tartu, diesmal aus Helsinki, wo sie bis diesem Sommersemester eine Gastprofessur für Estnisch innehat.

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Wo, wie und wem wird Estnisch im Ausland unterrichtet?

Helle Metslang, Professor für Estnisch an der Universität Tartu, dürfte allen bekannt sein, die sich für die estnische Sprache aus typologischer Sicht interessieren. Sie war früher schon einige Male Gastvortragende an unserem Institut.

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Estnisch hat unter den europäischen Sprachen eine ganz interessante Position.

Tõnis Nurk (Institut für die Estnische Sprache, Tallinn) sprach über die estnische Sprache in der Welt der Sprachtechnologien.

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Nach der Kaffeepause folgte ein kleines Musikprogramm. Im Ensemble Wööt singen mit unserer Triinu Viilukas zwei weitere Wiener Estinnen, Ruth Dorn und Liisbet Erepuu. Am Ende durfte das Publikum auch mitsingen, bei einem traditionellen estnischen regilaul (nur diesmal auf Deutsch).

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Die Veranstaltung endete mit einer Podiumsdiskussion über das Studium von Estnisch und anderen „kleinen“ Sprachen an der Uni Wien.  Leider kein Foto, weil ich zu beschäftigt mit dem Diskutieren war – aber schönen Dank an die TeilnehmerInnen! (Neben den estnischen Gästen waren auch von unserer „Schwesterabteilung“ Skandinavistik die Litauischlektorin, Frau Pestal, sowie als Vertreter der Estnischstudierenden unser Absolvent, ehemaliger Mitarbeiter und Doktorand Jeremy Bradley dabei.) Und danke an alle, die gekommen sind und besonders an alle, die bei der Organisation mitgeholfen haben!

Es war ein schöner, stimmungsvoller Tag.  Und sicher nicht die letzte estnische Veranstaltung bei uns. Im Winter 2017-2018 wird der hundertste Jahrestag der Unabhängigkeit der Schwesternationen Finnland (6.12.1917) und Estland (24.2.1918) gefeiert, und es wäre schön, etwas gemeinsam veranstalten zu können. Über weitere Pläne, sobald sie konkretisiert werden, wird auf unserer Abteilungshomepage informiert!

Exkursion Pécs, 14.–17. Mai 2015

von Anna Lukitsch & Eva-Maria H. & Jana Wentz & Verena Pfeifer & Andreas Lörincz

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Gruppe Ungarischer Spracherwerb VI

Tag 1

Am 14. Mai früh am Morgen ging unsere Abschlussreise nach Pécs los. Während manche die Zeit nutzten, um noch ein bisschen Grammatik und Wortschatz zu üben, verschliefen andere die sechsstündige Fahrt im wahrsten Sinne des Wortes. Gottseidank machten wir in der Mitte unserer Zugfahrt einen Zwischenstopp in Budapest Kelenföld, wo selbst die Müdesten von uns bei einem Kaffee langsam munter wurden. Nachdem wir dann nach ca. 3 Stunden in Pécs angekommen waren, fuhren wir mit dem Taxi zu unserem Hotel, wo wir auch gleich unsere Zimmer bezogen.

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Obwohl wir fast die ganze Zugfahrt essend verbracht haben, waren wir schon wieder hungrig von der langen Fahrt und außerdem neugierig auf Pécs, und deshalb machten wir uns auch gleich auf in die Altstadt. Kaum angekommen, färbte sich der Himmel aber, als würde die Welt untergehen und wenig später begann es heftig zu regnen, sodass wir, zur Freude unserer Kaffeetrinker, ins Cafe Frei, flüchten mussten.

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Nachdem sich das Wetter wieder halbwegs beruhigt hatte, trauten wir uns auch wieder aus dem Cafe hinaus und sahen uns noch ein wenig die Sehenswürdigkeiten der Stadt, wie zum Beispiel die Moschee am Széchenyi-Platz oder die Universität mit ihrem botanischen Garten an. Schließlich aber war unser Hunger schon ziemlich groß und wir ließen den Abend bei einem leckeren, sogar teils vegetarischen, Essen in einem Restaurant ausklingen, bevor wir erschöpft in unsere bequemen Hotelbetten fielen.

(J. W.)

Tag 2

Dom

Nach dem Mittagessen im Restaurant Aranygaluska gingen wir über den Széchenyi tér zur Domkirche, an der wir schon am Vorabend auf dem Weg zur spätmittelalterlichen Barbakane (Rundbastei) vorbeispaziert waren. Die Kathedrale, die den Aposteln Petrus und Paulus geweiht ist, befindet sich auf dem Dóm tér (Domplatz), der nördlich direkt an den wunderschönen Szent István tér (St. Stephansplatz) anschließt.

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Die räumliche Nähe zu diesem Platz mag nicht ganz zufällig sein, war es doch unter der Regentschaft dieses ersten Königs (1000–1038), dass die Vorläuferkirche des heutigen Doms erbaut wurde. Nach einem Brand zu Ostern 1064 wurde mithilfe von italienischen Architekten eine dreischiffige Basilika errichtet, die im Laufe der Jahrhunderte mehrfach umgestaltet wurde. Unter anderem wurden die beiden Türme im Westen, die wahrscheinlich bereits Teil des Vorläuferbaus waren, um zwei weitere im Osten ergänzt und die gotischen Seitenkapellen errichtet. In der Zeit der Besetzung durch die Türken von 1543 bis 1686 wurde die Kathedrale als Moschee genützt und war während der Türkenkriege Beschädigungen und Verfall ausgesetzt. Erst nach dem Ende der türkischen Herrschaft konnten Wiederaufbaumaßnahmen durchgeführt werden, wobei hier verschiedene Stilrichtungen Einfluss hatten. Von 1806 bis 1813 wurde die Kirche nach den Entwürfen des österreichisch-ungarischen Architekten Mihály Pollack im für den Künstler typischen klassizistischen Baustil umgestaltet, an der Fassade wurden zwölf Apostelfiguren von Mihály Bartalits angebracht, die mittlerweile allerdings bereits mehrmals renoviert und verändert wurden, zuletzt von Károly Antal. Die heutige neoromanische Gestalt des Doms entstand anläßlich der Jahrtausendfeier der ungarischen Landnahme zwischen 1882 und 1891 nach den Plänen von Friedrich von Schmidt.

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Auch die aus dem 12. Jahrhundert stammende Krypta, deren Grundmauern sogar aus spätrömischer Zeit stammen, konnten wir besichtigen. In ihr wurden 1991 die sterblichen Überreste des Renaissance-Gelehrten und Bischofs Janus Pannonius (1434-1472) gefunden, wo sie 2008 erneut begraben wurden.

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Csontváry-Museum

Im Anschluss an die Dombesichtigung gingen wir zum Csontváry-Museum, das ausschließlich dem Werk dieses ungarischen Künstlers (1853-1919) gewidmet ist. Csontvárys Werk lässt sich nicht nur einer Stilrichtung zuordnen; vielmehr spannt es einen Bogen vom Spätimpressionismus bis hin zum Expressionismus und zählt auf Grund seiner Motivsprache und symbolhaften Ausdrucksweise auch zum Symbolismus.

Das Museum beherbergt einige der wichtigsten und bekanntesten Bilder des Künstlers, unter anderem das 1907 entstandene A magányos cédrusDie einsame Zeder.

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Interessant sind die vielen Parallelen zwischen Csontváry und seinem Zeitgenossen Vincent van Gogh (1853–1990). Diese sind einerseits biographischer Natur: beide hatten ursprünglich bürgerliche Berufe (Csontváry war Apotheker), beide begannen ihre künstlerische Aktivität relativ spät, beide fassten bewusst den Entschluss, Künstler zu werden, beide eigneten sich das dafür notwendige Handwerk autodidaktisch an, die Persönlichkeit beider wurde vom jeweiligen Umfeld als schwierig empfunden und beide litten wohl an psychischen Erkrankungen. Besonders bemerkenswert ist allerdings vor allem die künstlerische Nähe, die das Werk der beiden Maler verbindet. Neben der für die Epoche typischen hohen Bedeutung von Licht und Farbe zeigen sich vor allem in der ungewöhnlichen Symbolsprache große Ähnlichkeiten. Diese Ähnlichkeiten sollen im Folgenden anhand der symbolischen Interpretation des Motivs des Baums bei Csontváry und van Gogh gezeigt werden.

Der Symbolismus beider Künstler grenzt sich von zeitgenössischen Vertretern dieser Stilrichtung dadurch ab, dass er sich nicht im Abstrakten, Religiösen (zB das Motiv des Gekreuzigten) oder Mythologischen, sondern im Konkreten und sinnlich Wahrnehmbaren manifestiert[1], wie bspw im für van Gogh charakteristischen Thema der Sonnenblume oder im hier interessierenden Thema des Baumes. Aber nicht nur bei der Wahl des Themas, sondern auch bei dessen konkreter Umsetzung sind Parallelen unverkennbar. Die Werke beider Künstler – bei van Gogh trifft das vor allem für sein Spätwerk ab 1888 zu – verweigern sich nämlich den konventionellen Interpretationen, die mit dem Motiv assoziiert werden: der (blühende) Baum als Symbol für Hoffnung, für Eintracht und eine positive Beziehung zwischen dem Individuum und der Außenwelt. Im Gegensatz dazu ist van Goghs Darstellung von Bäumen geprägt von „such aspects as broken branches, the absence of foliage […], on branches pointing downward and toward the left[2], also von (ab)gebrochenen Ästen, fehlendem Blattwerk und Ästen, die nach unten oder links gerichtet sind. All diese Merkmale werden nicht mit Hoffnung, sondern mit Versagen, Frustration, traumatischen Erfahrungen und starker Introversion assoziiert.[3]

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Bild 1: „Baum, vom Wind gepeitscht“ (1883)

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Bild 2: „Sämann bei untergehender Sonne“ (1888)

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Bild 3: „Blick auf Arles“ (1889)

Ein Vergleich mit Die einsame Zeder zeigt, dass sich all diese Aspekte in ganz ähnlicher Ausführung auch in Csontvárys Interpretation des Motivs finden.

Chagall-Ausstellung

In unserer Freizeit hatten wir weiters die Möglichkeit, die temporäre Chagall-Ausstellung im Martyn Ferenc-Museum auf der Káptalan utca, der Museumsmeile von Pécs, zu besuchen. Zu sehen waren zahlreiche Lithographien, die der Künstler (1887-1985) als Vorbereitung einiger seiner berühmtesten Werke anfertigte: 12 Lithographien zu Die 12 Söhne Jakobs (12 Fenster in der Synagoge des Hadassah-Universitätskrankenhauses in Jerusalem), 43 Lithographien zu Chagalls „Odyssee“- Interpretation, 15 Lithographien zum Deckenfresko des Pariser Palais Garnier (Opernhaus) sowie zahlreiche weitere Arbeiten mit biblischen Sujets, die großteils als Vorlage für Kirchenfenster dienten. Die Ausstellung beschäftigte sich auch mit der Geschichte der Lithographie an sich, der Schwerpunkt lag aber klar auf der Präsentation und Gegenüberstellung der Werke Chagalls. Besonders interessant war, Themen des Tanach (der jüdischen Bibel), die für die Verwendung in einer Synagoge interpretiert und gestaltet wurden, und alt-und neutestamentarische Motive, die für die Gestaltung christlicher Gotteshäuser vorgesehen waren, nebeneinander zu sehen und ihre künstlerische Umsetzung vergleichen zu können. Hierbei wurde erkennbar, dass Chagall die Bibel nicht als Erzählung ausschließlich jüdischer oder christlicher Erfahrungen interpretiert, sondern als eine universelle Botschaft, die an die gesamte Menschheit gerichtet ist.

(E.-M. H.)

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Nachdem wir den Universitätscampus und das Zsolnay Viertel im Allgemeinen – unter anderem den Lehrstuhl für Kommunikations- und Medienwissenschaften, die Fakultät für bildende Kunst sowie die Ausstellung mit dem Titel „Sammlung von László Gyugyi“ – erkundet haben, im Restaurant Aranygaluska Mittagessen waren, uns die Domkirche, das Csontváry Museum und das Vasarely Museum angesehen haben und dann noch einen Zwischenstopp in der Konditorei Mecsek gemacht haben, konnten wir am Abend zwischen einer Buchpräsentation und einem Konzert wählen. Wir entschieden zu dritt auf das Konzert zu gehen, aber davor stand noch etwas Freizeit auf dem Programm, und diese nutzten wir zum shoppen gehen und wenn es in Pécs ums Shoppen geht, dann ist das Einkaufszentrum „Árkád“ eine gute Adresse.

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Voll bepackt mit unseren Errungenschaften haben wir uns dann wieder auf den Weg ins Zsolnay Viertel gemacht, wo das Konzert stattgefunden hat. Wir waren uns nicht sicher was nun auf uns zukommen würde, wurden aber positiv überrascht. Es spielten 3 Bands, welche alle samt aus Budapest kamen und rein instrumentale Musik machen. Der erste Act war „Makrohang“, ein junges Trio dessen Musik von Hard Rock, Post-Bop und Jazz über Hip Hop, Noise und Minimal geht – und einen derartigen Mix der Stile vereinen sie teilweise in einem einzelnen Lied, also wirklich mal etwas anderes, aber sehr interessant und gut. Dann folgte „SoNaR“, sie mixen electric und acoustic Rock mit electronic Beats und machen somit einfach gute Musik und Stimmung. SoNaR war mein absoluter Favorit an diesem Abend und das, obwohl als letztes noch „Special Providence“ gespielt hat, über die wir uns sagen haben lassen, dass sie von diesen drei Bands diejenigen sind die wohl schon am bekanntesten und erfolgreichsten sind. Aber Musik ist halt nun einmal Geschmackssache und „Special Providence“ mischt Jazz Rock/Fusion mit traditionellem progressiven Metal. Sie haben auch gute Stimmung gemacht und sind zweifelsfrei richtig gut, wenn einem dieser Musikstil gefällt. Es war einfach ein toller Abend und dadurch, dass es kein sehr großes Konzert war, sind wir uns nicht wie Touristen, sondern viel mehr wie Insider vorgekommen.

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Als Abendprogramm am 15. Mai konnten wir aus mehreren Programmpunkten auswählen, einer davon war ein Gespräch mit anschließender Lesung aus Kiss Tibor Noés autobiographischem Buch „Inkognitó“.

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Es handelt davon, wie Kiss Tibor als Junge 1976 in Budapest geboren wird und aufwächst, eine Karriere als Profi-Fußballer macht und schließlich kein Geheimnis mehr daraus machen will, im falschen Körper geboren worden zu sein und sich fortan Kiss Tibor Noé(mi) nennt. Die ernste Thematik, eine Trans-Identität in einem, doch eher konservativerem Land wie Ungarn, öffentlich zu leben, wird dabei aber auf gar nicht all zu ernste Art und Weise geschildert. Zum Beispiel erzählt Kiss Tibor Noé von ganz alltäglichen Problemen, wie der Schwierigkeit eine Perücke zu tragen und unter den herunterhängenden Zweigen eines Baumes durchzugehen, ohne sich darin zu verfangen. Geleitet wurde das Gespräch von Havasréti József, einem Literaturkritiker und Professor für Kommunikation an der Universität Pécs.

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Die Reaktionen auf dieses Buch sind natürlich gemischt, aber durchaus auch positiv. So erzählt Kiss Tibor Noé, dass es nicht nur von Menschen mit einer Trans-Identität, sondern auch von vielen anderen Menschen, die in ihrer Art und Lebensweise nicht der „Norm“ entsprächen, ermutigt hat sich mit der eigenen Identität und Geschichte auseinanderzusetzen und den Mut zu finden, ihr eigenes Leben zu leben.

Das 2010 erschienene Buch hat 168 Seiten und unter der ISBN: 9789632972428 vorerst nur in ungarischer Sprache erhältlich.

(V. P.)

Tag 3

Als krönender Abschluss stand eine kleine „Landeskunde“ – Einheit auf dem Programm:

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In letzter Zeit erfreuen sich alle möglichen Arten von Festivals, die sich meist mit „Essen & Trinken“ beschäftigen, an steigender Beliebtheit. Dazu zählen Mangaliza-, Paprika-, und Weinfestivals, sowie das von uns in Pécs besuchte Bierfestival.

Vielleicht lag es am Blick auf die vier Türme der Basilika St. Peter und Paul, jedenfalls hatte dieses Festival ein besonderes, ganz eigenes Flair. Neben den traditionellen Sachen wie Kürtöskalács – Baumkuchen (der natürlich über Holzkohle gegrillt wurde) und Lángos, ließen diverse gegrillte Speisen das Herz der Besucher höher schlagen.

Da wir uns natürlich nicht nur wegen dem kulinarischen Angebot zum Festival begaben hatten, probierten wir auch einige Bierspezialitäten. Eines unserer Lieblinge war sicher das Kirschbier, welches aber kein heute so beliebtes Biermischgetränk (z.B. Radler) war, sondern tatsächlich vollwertiges Bier mit über 5 % Alkoholgehalt. Sicher nicht jedermanns Geschmack war das Kaffeebier. Um die sicherlich verwirrten Geschmacksnerven wieder in Ordnung zu bringen, konnte man auch einen Pálinka aus einer kleinen Schnapsmanufaktur verkosten.

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Die wahrscheinlich schwierigste Entscheidung des Abends war sicherlich die Glasur des Baumkuchens. Da nach dem Abendessen der Hunger begrenzt war, wir den Heißhunger allerdings nicht stillen konnten, wurde im Rahmen einer Gruppenentscheidung ein Zimt-Baumkuchen ausgewählt.

Das anwesende Publikum war bunt gemischt. Daher gab es auch für die Kleinen eine Minieisenbahn. Möglicherweise zog auch ein vielfältiges Musikprogramm, zu dem auf einer großzügigen Tanzfläche auch getanzt werden konnte, die verschiedensten Altersgruppen an.

(L. A.)

[1] Vgl Németh Lájos, Contribution to a Typology of Symbolist Painting, in Balakian Anna (Hrsg.), The Symbolist Movement in the Literature of European Languages (1982) 452 mwN.

[2] aaO 450.

[3] ebenda.

CIFU: Geschichte und Zukunft, mit Wien-Bezug!

Die internationalen Finnougristenkongresse, Congressus Internationalis Fenno-Ugristarum (nicht mit den “Kulturkongressen” der finnougrischen Völker, so wie 2012 in Siófok und demnächst, 2016, in Lahti, zu verwechseln) stellen das größte und wichtigste wissenschaftliche Begegnungsforum der Finnougristik dar.

Der erste Kongress in Budapest 1960 wurde zur Zeit des kalten Krieges und nur vier Jahre nach dem tragisch beendeten Aufstand organisiert. Damals waren wissenschaftliche Begegnungen zwischen ForscherInnen aus Ost und West noch etwas Seltenes und Wertvolles, und die Kongresse erfüllten neben ihrer wissenschaftlichen Funktion auch eine verdeckte ethnopolitische: Sie gehörten zu den ganz wenigen Kontexten, wo ethnokulturelle “finnougrische” Identitätsfragen öffentlich behandelt werden konnten. Zusammengerufen wurden die Kongresse von einem internationalen inoffiziellen Gremium von anerkannten und einflussreichen Finnougristen; eine “International Society of…”, wie in den meisten Wissenschaftsdisziplinen heute üblich, wäre in der damaligen, vom Eisernen Vorhang geteilten Welt wohl politisch unmöglich gewesen.

Seitdem werden die CIFUs in Fünfjahrestakt und abwechselnd in den “finnougrischen Ländern” organisiert, zuerst im Dreiersystem (Ungarn – Finnland – Sowjetunion), nach dem Zerfall der Sowjetunion kam Estland als Viertes dazu. Dem ersten Kongress folgten Kongresse in Helsinki 1965, in Tallinn (damals Sowjetunion) 1970, dann wieder in Budapest 1975, Turku 1980, in Syktywkar in der damaligen Sowjetrepublik Komi 1985, in Debrecen 1990, in Jyväskylä 1995, in Tartu im mittlerweile wieder unabhängigen Estland in 2000, in Joschkar-Ola, Hauptstadt der Mari in 2005, und in Piliscsaba 2010. Heuer war Finnland an der Reihe, und die Wahl fiel an Oulu, wo zwar keine „Finnougristik“ unter diesem Namen unterrichtet wird, dafür aber Saamisch eine zentrale Rolle spielt. An der Universität Oulu gibt es ein gesondertes Zentrum für saamische Sprache und Kultur, mit zwei Professuren und einer landesweiten Verantwortung für Forschung und Unterricht, z.B. für die Ausbildung von LehrerInnen des Saamischen. Außerdem arbeiten am Institut für Finnisch auch solche ForscherInnen, die sich neben Finnisch auch für die „kleinen“ finnougrischen Sprachen oder – so wie Professor Harri Mantila, Präsident des heurigen CIFU – für Ungarisch interessieren.

Die Universität Oulu, wo am Montag fast 400 KongressteilnehmerInnen aus 21 Ländern ankamen, funktioniert fast ausschließlich am Campus Linnainmaa, mehrere Kilometer von der Stadtmitte entfernt, mitten im Wald.

Im modernistischen Riesengebäudekomplex im Stil der 1970er Jahre konnte man sich besonders in den ersten Tagen gut verlaufen – und es war nicht immer ganz einfach, den Weg zwischen den 5–10 parallelen Sektionen und Symposien zu finden. Oder überhaupt sich zwischen den thematisch vielfältigen Vorträgen zu entscheiden. Das ganze Programm kann man sich von der Website des Kongresses herunterladen, unter “Latest news” gibt es auch Photos von den Kongresstagen.

Auch unser Institut nahm am Kongress aktiv teil:

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Károly Kókai über ungarische Migrantenautoren, am Symposium „Multilingualism and Multiculturalism in Finno-Ugric Literatures“, organisiert von Johanna Domokos und Johanna Laakso

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Mikko Kajander über Existentialsätze von Finnischlernenden, am Symposium „VIRSU: Finno-Ugric Target Languages“, organisiert von Pirkko Muikku-Werner und Johanna Laakso

Bei der Sitzung des internationalen Organisationskommittees wurde dann Geschichte geschrieben. Zum ersten Mal entschied das Kommittee, den Kongress in einem “nichtfinnougrischen” Land zu veranstalten, und im Jahre 2020 wird sich Wien für einige Tage in die Hauptstadt der internationalen Finnougristik verwandeln. Dies bedeutet natürlich eine große Anerkennung, eine große Ehre und eine Riesenherausforderung für unser kleines Institut. Statt weiterer Erklärungen zitiere ich hier einfach die Rede, die ich bei der Abschlusszeremonie hielt:

Kiitos Harri, kiitos kaikki oululaiset!
Dear colleagues, дорогие коллеги!
We have seen a wonderful, expertly organized congress, with many interesting presentations and an impressive cultural programme, the kind of which we probably will not be able to offer in Vienna. Above all, this congress has been an important step in the direction in which we would like to proceed: away from the stereotypes of national ethnopolitics and romantic clichés of Finno-Ugrianness, towards stronger communication within the international research community inside and outside the traditional fields of Finno-Ugric studies, celebrating diversity and polyphony while really focusing on research and its international standards.
CIFU 13 will take place in Vienna, the city of Maximilian Hell, the astronomer whose idea it was to invite the Hungarian János Sajnovics to an expedition to the Far North, to find out about the relationship between Sámi and Hungarian. (The rest is history.) Vienna is a multicultural city, also characterized by the geographic proximity and centuries-old presence of a major Finno-Ugric language. Choosing Vienna as the location of the next CIFU means recognizing the work in the field of Finno-Ugric studies also done by non-Finno-Ugric people and institutions. It means focusing on the truly international character of Finno-Ugric studies, it calls for openness, international dialogue and international standards of research.
Дорогие коллеги, мы все очень благодарны нашим коллегам в Оулу за организацию этого прекрасного конгресса. Мы надеемся, что и следующий конгресс в Вене сможет удержать научный уровень на той же высоте.
Szeretettel várunk mindenkit Bécsbe! Herzlich willkommen in Wien!

Finno-Ugristics goes Europe – part 1. Unsere Abteilung als Teil des europäischen Erasmus-Netzwerkes

von Andrea Seidler & Johanna Laakso

Das ehemalige Institut für Finno-Ugristik, heute eine Abteilung des Institutes für Europäische und Vergleichende Sprach- und Literaturwissenschaft der Universität Wien ist seit Mitte der neunziger Jahre fest mit anderen europäischen finno-ugrischen und hungarologischen Instituten im Rahmen der ERASMUS Kooperation vernetzt.

In den ersten Jahren wurde eine solide Basis für das Netzwerk gelegt, mitwirkende Universitäten waren Paris III, Hamburg, Berlin, Firenze, Padova, Jyväskylä, Tartu und Debrecen. Von Beginn an wurde auf zwei Austauschformen gesetzt: 1. die Lehrendenmobilität, die vor allem auf den Forschungs- und Unterrichtsgebieten Defizite ausglich, die an den jeweiligen Instituten nicht sehr stark oder gar nicht vertreten waren und 2. die Studierendenmobilität. In den letzten zwanzig Jahren haben wir an die 100 Professoren und Lehrende ausgetauscht und mehrere hundert Studierende an diverse Partnerinstitute geschickt, um dort ein bis zwei Semester zu verbringen und die Studien unter gänzlich fremden und herausfordernden Bedingungen zu vertiefen.

Im Laufe der letzten zehn Jahre kamen weitere Partnerinstitute dazu: Budapest, Helsinki, Szeged, Oradea, Paris INALCO. Die Kooperation mit Wien erfreut sich großer Beliebtheit und auch unsere Lehrenden und die Studierenden nehmen das sich stets erweiternde Angebot des Auslandsaufenthaltes gerne an.

Im Rahmen der Erasmus-Kooperation ist in den letzten Jahren außerdem ein neues Konzept entstanden, als Fortsetzung der früher organisierten Erasmus-Intensivprogramme: die internationalen Winterschulen der Finno-Ugristik. Die Intensivprogramme in dieser Form werden im neuen Erasmus+-System nicht mehr unterstützt, aber unser Partnerinstitut in München hat einen Antrag für eine strategische Partnerschaft im Rahmen des Erasmus+ eingereicht (InFUSE: Integrating Finno-Ugric Studies in Europe: Innovative resource pooling for a low-volume discipline), wo neben den Partnerinstituten in München, Hamburg, Uppsala, Helsinki, Turku, Tartu und Szeged auch die Wiener Finno-Ugristik aktiv beteiligt wäre. Wir drücken die Daumen.

Wir möchten nun unsere Partner einen nach dem anderen in diesem Blog vorstellen und auch damit einen Beitrag zur noch stärkeren Vernetzung der Finnisch-ugrischen Institute in Europa leisten und zu vermehrter Mobilität anregen.

Universität Jyväskylä, Finnland

Der erste Partner des Netzwerkes, das ursprünglich auf eine finnische-deutsche Initiative zurückging, war die Universität von Jyväskylä in Mittelfinnland. Prof. Tuomo Lahdelma leitet seit den neunziger Jahren den Studienzweig Hungarologie an dieser Universität (heute Teil des Instituts für Kunst- und Kulturwissenschaften). War es früher möglich, hier ein gesamtes Studium der Hungarologie zu absolvieren, später bolognakonform BA und MA Studium, so ist dieses Angebot heute auf ein reines PhD-Studium zusammengeschrumpft. Die Studierenden, die über Erasmus hier her kommen, sollten sich also darüber im Klaren sein, dass sie den Aufenthalt vor allem zum Erwerb und zum Ausbau von Finnischkenntnissen sowie zum Besuch von Lehrveranstaltungen aus dem Bereich der Fennistik nützen können. Doktoratsstudierende sind natürlich auch im Erasmus-Konzept willkommen in Jyväskylä. Sie werden kompetent betreut, eine Stärke des Institutes ist zweifelsfrei die Literaturtheorie und deren Implementierung vor allem im Bereich der Minderheitenkulturen. Ein weiteres Standbein des Leiters, Prof. Tuomo Lahdelma ist das MA Studium Creative Writing. Ungarische Geschichte und ungarische Filmgeschichte und Theorie kann hier ebenfalls belegt werden. Die Fachleute auf dem Gebiert sind Professor Anssi Halmesvirta und Prof. Jarmo Valkola. Alle drei Kollegen haben unser Wiener Institut im Laufe der Jahre mehrfach besucht und Vorträge bzw. ganze Unterrichtseinheiten oder Lehrveranstaltungen zu ihren Spezialthemenbereichen gehalten.

Der Campus der Universität Jyväskylä ist eine besondere Erwähnung wert. Er wurde in den 50-er Jahren vom finnischen Architekten Alvar Aalto konzipiert und Teile des Gebäudeensembles, zum Beispiel auch das Hauptgebäude durch ihn geplant. Die gesamte Anlage liegt in einem Wald auf einem Hügel über des See von Jyväskylä, umgeben von einem wunderbar lichtdurchlässigen Nadelwald. Licht und Glas spielt in der Architektur Aaltos eine große, das allgemeine Wohlbefinden stark beeinflussende Rolle.

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Wer also in Zukunft Lust hat, einige Monate an dieser ruhigen, aber sehr auf die Betreuung des einzelnen Studierenden Bedacht nehmenden Universität zu studieren, ist herzlich dazu aufgefordert, sich um einen Platz zu bewerben.

Das Netzwerk der Finno-Ugristik wurde bis 2007 von Prof. Andrea Seidler betreut. Danach übernahm Mag. Márta Csire die Koordination. Infos bitte unter Marta.csire@univie.ac.at oder auf unserer Abteilungshomepage unter „International„.

Ein Gastvortrag und Diskussion mit Róbert Alföldi

Am 29. April war der Regisseur Róbert Alföldi zu Gast an der Abteilung. Wir hatten ihn zu einem Vortrag und Gespräch über die aktuelle Situation der Theater in Ungarn eingeladen.

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Róbert Alföldi kennt man als einen sehr souveränen, freidenkenden Künstler und als einen Menschen, der seine Meinung und Gesellschaftskritik immer offen, frank und frei sagt. Ein Regisseur und Schauspieler, der an ein unabhängiges, freidenkendes Theater glaubt und einfach nur Theater machen möchte.

Das Interesse an der Veranstaltung war so groß, dass keine Sitzplätze in unserem Hörsaal 1 mehr übrig geblieben sind, einige Gäste mussten sogar am Boden sitzen.

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Alföldi ist in Österreich nicht unbekannt: letztes Jahr hat er sich in St. Pölten am Landestheater dem österreichischen Publikum präsentiert, im Februar 2015 hat er am Wiener Volkstheater Regie geführt, wo er das Theaterstück Haben/Tiszazug von Julius Hay auf die Bühne gebracht hat. (Was für ein „Zufall“: im Stück geht es auch um Macht, Gier, Armut, Aussichtslosigkeit …) Viele von unseren Hungarologie-StudentInnen haben das Stück in einem von der Abteilung organisierten Theaterbesuch gesehen.

Alföldi hat in einem kurzen aber klarem Überblick geschildert, wie geteilt die ungarische Theaterwelt heutzutage ist: die Politik ist überall da, alle Entscheidungen werden unter politischen Einflüssen getroffen, für die aktuellen Machthaber ist es sehr wichtig, dass sie ihre eigenen regimetreuen Funktionäre in allen wichtigen Positionen platzieren können. Diejenigen, die sich nicht der Macht unterwerfen, bekommen kaum noch Arbeitsmöglichkeiten, werden finanziell in eine aussichtslose Situation gebracht. Einige Regisseure gehen ins Ausland, weil sie in Ungarn einfach „unerwünscht“ sind. Autoren, Künstler, die ihre Kritiken gegen das Regime offen artikulieren und verantwortungsvoll denken, werden als Landesverräter abgestempelt.

Das heutige von dem Regime unterstützte Theater muss ein idyllisches Bild über die schöne Vergangenheit von Ungarn malen, das der Erwartungen der Macht entspricht. Obwohl diese Theater sehr große staatliche finanzielle Unterstützung erhalten, sind ihre Zuschauerräume ziemlich leer.

Alföldi hat auch eine kleine Geschichte erzählt, die sehr treffend den Mechanismus der heutigen politischen System illustriert: „Unlängst habe ich in einem Komitatssitz Regie geführt. Der Intendant des Theaters dieser Kleinstadt hat mich eingeladen, obwohl er wusste, dass ich für das heutige politische Regime unerwünscht bin. Der Intendant selbst ist auch ein Fidesz-Sympathisant. Die gemeinsame Arbeit war sehr erfolgreich für das Theater, sowohl künstlerisch, als auch finanziell. Der regierungstreue Bürgermeister der Stadt hat mir auch sehr herzlich zu der Produktion gratuliert. Am nächsten Tag hat er den Intendanten am Theater angerufen und ihm alle weitere Mitarbeit mit mir verboten.“

Der Vortrag Alföldis entwickelte sich zu einer spannenden Diskussion, es regnete Fragen und es ging bald nicht mehr nur um das Theater.

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Viele der anwesenden Studierenden beschäftigte die Frage, wieso die Menschen in Ungarn ihre Meinung nicht öffentlich äußern, warum sie nicht mit den Mitteln der Demokratie für ihre eigene Rechte kämpfen? Ein möglicher Grund dafür wäre laut Alföldi, dass sich die Menschen in ihrer Existenzen bedroht fühlen (das betrifft auch SchauspielkollegInnen). Die Unsicherheit und die Armut machen die Angst noch größer und tiefer. Wenn man ausgeliefert ist, wird man leicht opportunistisch und schweigt lieber, da schließlich jeder eine Familie hat, die man finanziell unterhalten muss. In dieser Passivität ist auch die Verantwortung der Opposition groß, weil sie überhaupt keine Alternative aufzuzeigen vermag.

Eine Frage betraf auch die politische Orientierung der Jugendlichen: Wieso konnte es dazu kommen, dass ein bedeutender Teil der StudentInnen in Ungarn „Jobbik“-Anhänger sind. (Jobbik ist eine rechtsextreme ungarische Partei.) Nach Meinung Alföldis wäre dafür eine mögliche Erklärung, dass sich die ungarische Gesellschaft noch immer nicht mit ihrer eigenen Vergangenheit auseinandergesetzt hat. Es wird noch immer „die tragische Vergangenheit von Ungarn” als Schutzschild beschworen, statt endlich gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen. Man denkt nicht darüber nach, ob etwas gut oder schlecht sei, es gibt keine rationalen Argumente in der Diskussionen, es gibt nur heftige emotionelle Reaktionen. Viele ungarische Familien sind durch die Trianon-Geschichte betroffen: Und es kann ja nicht sein, dass (Ur)Großväter für eine Idee/Sache gestorben sind, die nicht einmal richtig gewesen sein soll. Diese junge Menschen haben sich das Ziel gesetzt, den Familienlegenden folgend die Namen der Großväter sauber zu waschen. Solange man die Vergangenheit nicht verarbeitet hat, kann man sich nicht offen mit den Problemen der Gegenwart auseinandersetzen, so Alföldi.

Es kam auch zu einem anderen wichtigen Thema, das in letzter Zeit große Diskussionen auslöst hat: das Bildungswesen. Die Regierung in Ungarn zentralisiert die Schulen, hat vorgeschrieben, aus welchen Schulbüchern in den Schulen unterrichten werden soll, und will durch verschiedene, von der Regierung gegründete Gremien einen großen Einfluss auf die Autonomie der Universitäten ausüben. Alföldi meinte, dass es derzeit nicht das Ziel sei freidenkende, kreative Menschen zu erziehen, sondern eher Menschen heranzubilden, die in die von der Macht geschaffene Welt passen. Die Sache, so Alföldi, dürfe man aber nicht so einseitig betrachten: wir alle dürfen nie unsere eigene Verantwortung vergessen.

Zum Schluss kehrte das Gespräch zurück zum Theater. Kurz zusammengefasst ist die Aufgabe des Theaters laut Alföldi, auf die Phänomene der gegebenen Gesellschaft zu reagieren, die gegebenen Probleme aufzuzeigen. Wenn die Machthaber ihre eigenen Leute in wichtige Positionen kommen lassen, kann das Theater seine Aufgaben unmöglich erfüllen und wird zum Diener der regierenden Macht.

Trotz allem sei er Idealist und glaube daran, dass das Theater doch die Gesellschaft ändern könne. Im Theater müsse es sich ja letztendlich um das Theater drehen.

Vielen Dank an Róbert Alföldi und das Publikum für das offene, spannende und aufschlussreiche Gespräch!