Indien und Korea als wissenschaftliche Kooperationspartner der Wiener Finno-Ugristik. Ein Bericht.

von Andrea Seidler

Im Rahmen zahlreicher Abkommen der Philologisch-Kulturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien ist auch die Abteilung für Finno-Ugristik aktiver Partner in der Kooperation mit ausländischen Universitäten. Ich möchte hier zwei enge Partner unserer Abteilung beschreiben, die wir regelmäßig besuchen, dort unterrichten, an deren Konferenzen wir teilnehmen und mit denen wir auch gemeinsam publizieren.

Einer der interessantesten Kooperationspartner ist zweifelsohne die Universität von Pune in Indien. Eine Delegation unserer Fakultät besuchte die Universität das erste Mal im Jahre 2009, zwei weitere Male 2012 und 2014.

Der erste Anlass war eine Tagung über “Language and Identity” im September 2009. Ich hielt dort einen Vortrag über Mehrsprachigkeit im Königreich Ungarn im 18. und 19. Jahrhundert, ein Thema, das in Indien, einem traditionell mehrsprachigen Land (22 offizielle Landessprachen, über 1000 Dialekte) großen Anklang fand.

Die zweite Tagung, zu der wir eingeladen wurden, beschäftigte sich gezielt mit Mehrsprachigkeit als indisches aber auch als europäisches Phänomen. Es ging dabei um die Frage, wie der Subkontinent Indien und die Europäische Union mit der Mehrsprachigkeit in Theorie und Praxis verfährt. Ich hielt einen Vortrag zum Thema „Wem gehört ein Autor?“, in dem ich der Frage nachging, wie ehemals osteuropäische Schriftsteller auf dem deutschen Buchmarkt präsentiert werden und wie viel von ihrer ungarischen Identität als Folge dieses Vermarktungsprozeß übrig bleibt. Auch die Rolle Österreichs, die auf diesem Gebiet an Bedeutung abnimmt und allmählich marginal ist, wurde thematisiert.

Die Vorträge dieser Tagung haben wir 2014 bei der Edition Präsens publiziert.

Im heurigen Frühjahr wurden wir (Prof. Wynfrid Kriegleder, Prof. Franz Patocka, Prof. Wolfgang Müller-Funk) zu einem imposanten Kongress anlässlich des 100-jährigen Jubiläums der Germanistik in Indien eingeladen und hielten in Pune selbst mehrere Vorträge. Ich sprach über literarisches Übersetzen und die Bedeutung Shakespeares in der ungarischen Literatur: „Der politisierte Shakespeare: Übersetzungsstrategien im Dienste politischer Programme in Ungarn“. (Goethe Gesellschaft gemeinsam mit Universität Pune, März 2014)

Von Pune aus reisten wir auf Einladung der Indo-German Society und als persönliche Gäste der indischen Frauenrechtlerin und Germanistin Prof. Pawan Surana nach Jaipur, um dort Vorträge zu zentraleuropäischen Literatur zu halten. Im Rahmen eines workhops ging es der Wiener Gruppe vor allem darum, in der Zuhörerschaft ein Bewusstsein für die österreichische (österreichisch/ungarische) Literaturtradition zu wecken und auf die Unterschiede der zentraleuropäischen und der deutschen Literatur aufmerksam zu machen. Die Frage wurde auch aus linguistischer (Prof. Franz Patocka) wie kulturwissenschaftlicher Sicht erörtert (Prof. Müller-Funk).

Kooperation mit Südkorea

Eine zweite wichtige Kooperation besteht mit der Sungshin Women’s University in Seoul Korea, die wir mittlerweile ebenfalls zwei Mal besucht haben. Die Sungshin University – eine Privatuniversität – wurde 1936 gegründet und lässt im BS Studium ausschließlich Frauen zu. Die MA-Studiengänge können auch von Studenten besucht werden.

Das Erste Mal besuchten wir Sungshin im Jahr 2012 gemeinsam mit Prof. Wynfrid Kriegleder. Wir hielten auch dort vor allem Vorträge zu der Frage einer möglichen Abgrenzung der zentraleuropäischen Literatur sowie über die sprachlichen Verhältnisse in der Habsburger Monarchie des 18. und 19. Jahrhunderts.

Auch die Seoul National University lud uns zu Vorträgen ein.

Wir waren sehr überrascht über das gute Niveau der Diskussion – vor allen in sprachlicher Hinsicht – und über den hohen Grad der Informiertheit über das heutige Zentraleuropa, insbesondere auch über die politische Lage in Ungarn.

Im heurigen November verbrachten wir wieder zehn Tage an verschiedenen koreanischen Universitäten, unter anderem an der Sungshin, der Seoul National aber auch an der Hankuk International University.

Wir sprachen über einige Kapitel aus der österreichischen Literatur, unser Kollege Wolfgang Müller-Funk über Franz Kafka und Thomas Bernhard und auch über ungarische Literatur: ich hielt an der Sungshin University einen Vortrag über ungarische Weltreisende des 19. Jahrhunderts, in erster Linie über Ármin Vámbéry und Sámuel Teleki – vor einem reinen Frauenpublikum… – aber das haben wir an unserer Abteilung auch manchmal.

Die Kooperation mit all diesen Institutionen werden wir auf jeden Fall weiterführen und ich möchte auf diesem Weg auch meine KollegInnen und die Studierenden dazu ermuntern, sich über Europa hinaus zu wagen und Austauschprogramme, die die Universität Wien anzubieten hat, auch zu nützen. Sungshin University schickt seit 2010 Studierende nach Wien – auch umgekehrt besteht die Möglichkeit, sich um einen Studienplatz dort zu bewerben. Das gleiche gilt für die Universität Pune. Diese Universitäten haben zwar keine Finno-Ugrischen Departments, aber bieten jedenfalls philologische Ausbildung auf hohem Niveau an. Die Erfahrungen, die man dort sammelt sind auf jeden Fall äußerst wertvoll und eine wunderbare Ergänzung zum Regel-Universitätsstudium und –betrieb.

Anbei einige Fotos von unseren Vortragsreisen nach Indien und Korea.

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