A very exciting evening for all book lovers at the Finno-Ugric department of Uni Wien

Written by our student Theodora Rouseva

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I became familiar with the title of Ilmar Taska’s novel Pobeda 1946 last April, after the biggest Finnish daily newspaper Helsingin Sanomat listed his work among the most remarkable books of the year. Since then, I have been following the growing elation of his readers on social media. That was why the ad about the book presentation featuring Mr. Taska as a special guest was a very pleasant surprise for me.

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The event took place on 9th November at the Finno-Ugric department of Universität Wien. It was organized by the Estonian Embassy in Austria, the Kommode Verlag publishing house and the Universität Wien. Its aim was to launch the novel’s German translation as well as to introduce Mr. Taska to Viennese audience. Other important guests included the ambassador of Estonia in Austria, Rein Oidekivi, and the editor of Kommode Verlag, Annette Berger. The event was hosted by Triinu Viilukas, a lecturer of Estonian language at Universität Wien.

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Ilmar Taska is a writer, film and theater director, screenwriter and producer. He is also well- known for establishing the first private Estonian TV-channel, “channel 2” in the beginning of the 90s. Taska was born in the city of Kirov, then the USSR (present day Russia). His family was deported from Estonia during Stalin’s repressions. He went to the Moscow Film Institute (VGIK) and then studied at the Swedish Film Institute (Dramatiska Institutet) in Stockholm. He was granted a scholarship and furthered his studies in Hollywood, where he worked as a screenwriter and a producer. He directed the films Set Point (2004) and Thy Kingdom Come (2010), co-wrote and produced the film Back in the USSR (1992) and produced the films Candles in the Dark (1993) and Out of the Cold (1999). He has also directed plays in London (Power of Love, 2010), Los Angeles (Lavender Love, 2011) and Tallinn (One Summer Night in Sweden, 2012).

A book of Ilmar Taska’s short stories and his autobiographical novella Better than Life (Est. Parem kui elu, EPL Kirjastus, Tallinn) was published in Estonia in 2011. In 2016, his novel Pobeda 1946 (russ. победа ‘victory’, English title A Car Called Victory), based on a short story he wrote a few years earlier with the title Pobeda, became a bestseller and was praised by the critics. The German version was published this year by Kommode Verlag.

The evening was very pleasant and inspiring. Ilmar Taska shared some interesting facts about the novel’s main idea and characters, the process of writing and the research he did on historical events. He also shared some childhood memories, talked about his family, and explained how his background had influenced his work both in writing and filmmaking. He paid special attention to every question asked, which was deeply appreciated by the audience.

I found the presentation very stimulating and my curiosity about the novel grew so big, that I began reading the book once I got home. I was immediately immersed in the world seen through the little boy’s eyes. The story consists of skillfully described scenes, where named and anonymous characters are adapting to the new regime in Estonia after World War II. Their most personal thoughts give the reader a possibility to get familiar with their values, feelings and morality before judging them. There are many situations, which raise very strong ethical questions. The story is so thrilling to read, because it reveals how the border between good and evil, friends and family, seems to blend, whereas the new circumstances recreate new borders not only on the map, but also in peoples’ minds.

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Regisseur Árpád Schilling an der Finno-Ugristik

Am 20. November 2017 war Árpád Schilling zu Gast an der Finno-Ugristik.

Árpád Schilling ist in erster Linie als Theaterregisseur bekannt. Er erhielt in den vergangenen Jahren im verschiedenen europäischen Ländern hochangesehene Preise und hat mit seinen Arbeiten internationale Aufmerksamkeit geweckt. In Österreich ist er auch nicht unbekannt: im Jahre 2005 und im Mai 2017 inszenierte er am Burgtheater, im Dezember 2017 feiert er eine Premiere am Landestheater Sankt Pölten.

Neben seiner künstlerischen Tätigkeit ist Schilling auch ein politischer Aktivist, verteidigt demokratische und liberale Werte, und übt eine scharfe Kritik an Viktor Orbáns Politik.

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In seinem Gastvortrag hat Árpád Schilling einen Überblick über die ungarische Kulturpolitik von der Wende bis heute gegeben.

Schilling hat in seiner sehr logisch begründeten Analyse erzählt, wie die politische Elite in Ungarn die wirtschaftlichen Mittel und dadurch auch die Macht enteignet und eine eigenartig interpretierte „Demokratie“ geschaffen hat. Aus dieser Demokratie wurden nur gerade diejenige ausgegrenzt, ohne die eine Demokratie nie existieren kann, nämlich die einzelnen Menschen, also das Volk. Dafür trägt die politische Elite die Verantwortung. Orbáns Regierung hat das Volk unter eine Vormundschaft gestellt, und hat den Menschen das Gefühl gegeben, dass die Regierung an ihrer statt alle Probleme lösen wird. Zwischen Individuen und Politikern gibt es keine Verbindung mehr, die Menschen verstehen nicht, warum und wie Entscheidungen über ihre Köpfe hinweg getroffen werden. In dem System, das Viktor Orbán geschaffen hat, kann man nicht über Kultur, sondern nur über Interessen reden, die alles beherrschen. Das ist ein Zustand ohne Kultur, oder in der Interpretation von Orbán ist das die Demokratie, so Schilling. Was in dieser Situation die Theaterwelt betrifft: Die staatlichen Theater sind eigentlich Teil dieses Systems. Die unabhängigen Bühnen kämpfen dafür, am Leben bleiben zu können und bekommen keine staatlichen Finanzierungsmittel. Das Schlüsselwort des Vortrages „Entropie“ definiert Schilling im Verbindung mit Kultur als einem geschlossenen System, in dem die Kultur sich selbst liquidiert, vernichtet.

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Dem Vortrag folgte eine intensive Diskussion mit zahlreichen Fragen und Kommentaren.

Der Vortrag selbst hatte keinen optimistischen Ausklang, aber das Thema und der Vortragende selbst haben das Publikum davon überzeugt, dass diese Problematik offen diskutiert werden muss.

Wir bedanken uns bei Árpád Schilling für seine Ausführungen und bei Károly Kókai für das hervorragende Dolmetschen.

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Exkursion Pécs, 25.-28. Mai 2017

(Dieser Text wurde leider für einige Monate auf dem virtuellen Schreibtisch der Blogeditorin unter verschiedenen anderen Aufgaben virtuell begraben. Aber besser spät denn nie, ami késik, nem múlik! Hier also der Bericht der Gruppe Ungarischer Spracherwerb VI, unter der Leitung von Márta Csire.)

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26. Mai 2017, Vormittag

Um ca. 9 Uhr gehen wir zur Universität Pécs, und zwar zur Philologischen Fakultät. Dort suchen wir das Seminar für Finno-Ugristik auf.

Wir werden auf das Herzlichste von Frau Dr. Éva Fancsaly empfangen. Sie erzählt uns von der Geschichte des Seminars und den Forschungs- und Unterrichtstätigkeiten der MitarbeiterInnen.

Ein besonders trauriges Ereignis war der Tod des beliebten und bekannten Kollegen Dr. Attila Dobó, der am 19. Juli 2016 erst 61-jährig ganz plötzlich verstorben ist.

Das zweisprachig, deutsch-ungarisch aufgewachsene Sprachtalent konnte unglaublich schnell Sprachen erlernen.
Außer Deutsch und Ungarisch sprach er noch Finnisch, Komi, Udmurtisch, Baschkirisch, Türkisch, Englisch, Russisch, Italienisch usw.

(Die Komi-Sprachen gehören zur permischen Gruppe der uralischen Sprachfamilie. Man unterscheidet Komi-Syrjänisch und Komi-Permjakisch. Udmurtien ist eine Republik im russischen Föderationskreis Wolga, westlich des Uralgebirges. Baschkirisch ist eine westtürkische Sprache.)

 

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Am Seminar für Finno-Ugristik mit Éva Fancsaly. Foto Márta Csire

Wir bekommen zwei Bücher geschenkt: „Finnugor rokonságunk“ von Miklós Zsirai und „Finnugor kalauz„, eine Einführung in die finnisch-ugrischen Völker und Kulturen.

Danach besuchen wir das Seminar für Hungarologie und Angewandte Sprachwissenschaft. Wir werden vom Leiter des Seminars Dr. Tibor Szűcs willkommen geheißen. Er erklärt uns die Organisation der Universitäten in Ungarn und deren finanzielle Probleme.

Die Universität in Pécs ist die älteste Ungarns und feiert dieses Jahr ihr 650-jähriges Jubiläum. Sie gliedert sich in zehn Fakultäten (Medizin, Rechts-, Wirtschafts-, und Naturwissenschaften, Technik, Philosophie, Kunst, Pädagogik, Gesundheitswesen und Erwachsenenbildung und Personalentwicklung) mit ca. 30.000 Studenten. Die Philosophische Fakultät ist eine autonome Einrichtung für Bildung, Forschung und das öffentliche wissenschaftliche Leben.

Im Anschluss spazieren wir durch die Innenstadt und besichtigen die beeindruckende Kathedrale. Wir steigen in die Unterkirche hinunter, wo auch der ungarische Renaissance-Humanist und ehemalige Bischof von Pécs, Janus Pannonius (1434–1472) beigesetzt wurde. Danach gehen wir auf den Turm hinauf, von wo wir eine herrliche Aussicht genießen.

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Die Kathedrale St. Peter und Paul mit Fernsehturm im Hintergrund. Foto: Márta Csire

 

Schließlich geht es zum Mittagessen in ein Selbstbedienungsrestaurant.

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Nachmittag

Nach dem Mittagessen, das uns allen sehr gut geschmeckt hat, gehen wir zum Széchenyi tér und lassen uns in der Mecsek cukrászda gegenüber des Dschami des Paschas Gasi Kassim ein köstliches Eis schmecken. Im ehemaligen berühmten Hotel Nádor gibt es im Erdgeschoß eine kleine Galerie, wo moderne Künstler und Studierende der Fakultät für Kunst der Universität ihre Werke präsentieren können. Nun sind wir gestärkt für zwei Museumsbesuche. Die beiden Maler, die wir genauer kennen lernen, sind sehr unterschiedlich. Der eine, Tivadar Csontváry Kosztka, ist bedauerlicherweise in Österreich so gut wie unbekannt, der andere, Victor Vasarely, war international sehr erfolgreich und malte in einem völlig anderen Stil.

Zuerst besuchen wir also das Csontváry Museum, ein kleines, feines Museum, das nur wenige Touristen entdecken, sozusagen ein Geheimtipp in Pécs. So haben wir das Museum ganz für uns alleine. Csontváry lebte von 1853 bis 1919. Die frühesten Zeichnungen zeigen schon sein Talent, trotzdem begann er erst spät, im Alter von einundvierzig Jahren, mit einem intensiven Studium der Malerei, nachdem er zuerst als Apotheker die Basis für seinen Lebensunterhalt gesichert hatte. Die Bilder sind in nur schwach beleuchteten großen Räumen ausgestellt und zeigen seine Entwicklung. Sein Lebensziel war es, a világ legnagyobb napút-festője, nagyobb Raffaelnél – größer als Raffael – zu werden. Er wollte „das helle Licht des Südens“ finden, was ihm in einigen seiner Gemälde durchaus gelang. Am eindrucksvollsten ist in dieser Hinsicht das Bild A magányos cédrus, wo man bei genauerem Hinsehen viele Details erkennen kann, die die symbolische Aussage des Bildes verdeutlichen. Római híd Mosztárban, in leuchtenden Farben naiv-realistisch dargestellt, dokumentiert seine künstlerische Auseinandersetzung mit dieser eindrucksvollen, über 400 Jahre alten Brücke aus der Türkenzeit, die 1993 zerstört wurde, nun aber originalgetreu wieder aufgebaut worden ist und seit 2004 als UNESCO Weltkulturerbe gilt. Berührend und eindringlich blickt uns das Bild des marokkanischen Lehrers, Marokkói tanító an. Einige der Gemälde sind so riesengroß, dass man sich fragt, wie er das gemalt hat. Die Entdeckung seiner Gemälde war dann auch rein zufällig, nachdem er nach seinem Tod in Vergessenheit geraten war.

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Csontváry: Római híd Mosztárban, 1903

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Die Alte Brücke in Mostar (Foto: Brigitte Grosse)

Vom ausgehenden 19. Jahrhundert machen wir nun eine Zeitreise in das 20. Jahrhundert. Das Vasarely Museum ist gut besucht, viele Schulkinder kommen in die Ausstellung und müssen Arbeitsaufträge erfüllen, offensichtlich ein Pflichtprogramm für die Schulen. Es scheint aber, dass die Kinder durchaus Gefallen an den modernen, konstruktiv geometrischen, abstrakten Motiven finden. Vasarely, der 1906 als Vásárhely Győző in Pécs geboren wurde, verbrachte nach seinem Studium in Budapest den Großteil seines Lebens in Frankreich und starb 1997 in Paris. In Paris arbeitete er zunächst zwischen 1930 und 1940 als Werbegrafiker und entwickelte seinen auf tromp-l’oeil, grafischen Mustern und Illusionen des Raumes basierenden Stil, der in den 1950er Jahren zum Programm seiner „kinetischen Kunst“ wurde. Seine Bilder und Skulpturen sind durch das aggressive Zusammenspiel von standardisierten Grundformen und Farben, die auf verschiedene Arten zu Mustern zusammengesetzt werden, gekennzeichnet. Er gewann zahlreiche internationale Kunstpreise und nahm an bedeutenden Ausstellungen, z.B. documenta 1 – 4 teil. Vasarely gilt als Mitbegründer der Op Art, sein erstes großes Werk Zebrák gilt heute als erstes großes Werk der Op Art.

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Vasarely Museum (Foto: Brigitte Grosse)

Neben den vielen verschiedenen Beispielen von immer wieder neuem Spiel mit geometrischen Mustern in den unterschiedlichsten, verwirrenden Farbzusammenstellungen und neuen Ideen ist ein Schachspiel in einer kleinen Vitrine besonders bemerkenswert. Ein anderes Bild, das die vier Mondphasen darstellt und in unterschiedlichen Blautönen gehalten ist, zeigt wieder eine andere Facette seines Schaffens.

Voll von Eindrücken verlassen wir das Museum und spazieren durch die Stadt zurück zum Hotel, um uns ein wenig auszuruhen und uns dann wieder erfrischt auf den Weg zum Kodály Központ, einem modernen Veranstaltungszentrum in der Nähe der neueren Universitätsgebäude etwas außerhalb der Altstadt, zu machen. Dort findet im kleineren Konzertsaal ein Kammerkonzert der Pannonischen Philharmonie – Pannon Filharmonikusok – statt. Mit großer Begeisterung und Hingabe spielen die Musiker Haydns B-dur divertimento Hob. II:46 und Schuberts Oktett. In dem verhältnismäßig kleinen Proberaum sitzen wir ganz nahe bei den Musikern und können uns voll und ganz ungestört auf die Musik konzentrieren. Interessant sind die jeweiligen einführenden Worte des musikalischen Leiters des Konzerts.

Nach so viel Kunstgenuss, sind manche von uns hungrig, andere durstig und andere möchten nun auch moderne Musik und intellektuelle Gespräche bzw. Poetry Slam Darbietungen in einer kocsma erleben, wo wir auch József Havasréti treffen.

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Die Ungarischgruppe im Nappali (Foto: Brigitte Grosse)

Brigitte Grosse

 

27. Mai 2017, Vormittag

Der dritte Tag begann gemütlich, nach dem abendlichen Konzert und dem Intellektuellentreffen bzw. dem gemütlichen Ausklang des Tages bei einem Glas Bier war es fein, dass wir uns ausschlafen konnten. Jetzt fühlen wir uns schon ganz wie zu Hause in dieser schönen Stadt und der Weg durch die Fußgängerzone Király utca zum Széchenyi tér ist uns bereits wohl vertraut. Die schön renovierten Häuser, das Nemzeti Színház, das Nappali und viele Schülergruppen, die die letzten Schultage für eine Exkursion nach Pécs nutzen und mit Fragebögen unterwegs sind, all das können wir auf diesem Weg sehen.

Die Klimó-Bibliothek Klimó-könyvtár – befindet sich in unmittelbarer Nähe des Széchenyi tér und um 10.30 Uhr werden wir zu einer Führung erwartet. Der junge Bibliothekar versteht es gut, uns seine Begeisterung und seine Liebe zu den Büchern zu vermitteln. Er beginnt seine Führung mit einer ausführlichen Darstellung der Geschichte der Universitätsbibliothek anhand von in Stein gemeißelten lateinischen und ungarischen Inschriften und des Grabmals des Bibliotheksgründers Bischof György Klimó (1710–1777).

Kaiserin Maria Theresia ernannte ihn zum Bischof von Pécs und verlieh ihm den Adelstitel. Wir können diese Urkunde mit dem Siegel der Kaiserin und einen Zeitungsartikel über Bischof Klimó in der Preßburger Zeitung vom Mittwoch, dem 13. April 1774, in einem Schaukasten des ersten Saales sehen.

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Adelsbrief von György Klimó (1753) mit dem Siegel von Maria Theresia. Foto: Brigitte Grosse

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In der Preßburger Zeitung erschien am 13. April 1774 ein Bericht über die Gründung der Bibliothek (Foto: Brigitte Grosse)

 

Ursprünglich war die Universität Pécs bereits 1367 unter König Ludwig dem Großen und Papst Urban V. gegründet worden und ist somit nur um zwei Jahre jünger als die Wiener Universität. Allerdings bestand diese Universität nur bis ca. 1390. Nach dem Ende der Türkenherrschaft wollte nun Bischof Klimó wieder eine Universität ins Leben rufen. Er stellte als Basis für die Universität seine eigene Bibliothek zur Verfügung, starb aber, bevor er die Universität gründen konnte. Die Bibliothek umfasste ca. 15 000 Titel. Das war die erste öffentlich zugängliche Bibliothek in Ungarn. Auf seiner Grabinschrift wird seine besondere Leistung gewürdigt:

“… PRIMA IN HUNGARIA BIBLIOTHECA PUBLICA CONDITA …”

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Grabstein von György Klimó in der Universitätsbibliothek (Foto: Brigitte Grosse)

Bischof Ignác Szepesi (1780–1838) ließ dann das heutige Bibliotheksgebäude errichten und vergrößerte die Bestände, die heute drei Räume der Bibliothek füllen. Besonders eindrucksvoll sind die in Leder gebundenen mit goldenen Buchrücken versehenen Bände, die nach der Größe geordnet viele Regale füllen, die großen Bände befinden sich in den unteren Regalen, die kleineren in den oberen, was ja durchaus sinnvoll ist. Eine Herausforderung für den Archivar ist aber die Auffindung einzelner Bände, die in einem riesengroßen Katalog handschriftlich nach einem sehr komplexen System verzeichnet sind.

In den Schaukästen gibt es sehr interessante frühe Drucke, neben Bibeln und theologischen Schriften u.a. Bonfinis Gesta Hunnorum et Ungarorum von 1567, Werbőczis Decretum Tripartitum, Epigramme von Janus Pannonius, Isaak Newtons Philosophiae Naturalis Principia Mathematica und wunderschöne Tierzeichnungen z.B. in der Naturgeschichte der Vögel von 1790/92.

Zwei Globen aus dem 18. Jahrhundert und zahlreiche alte ungarische Drucke, aber auch lateinische und deutsche Werke können hier studiert werden. Die alphabetischen Kataloge, die im Jahre 1960 verfasst wurden, kann man unter www.lib.pte.hu finden.

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Klimó-Bibliothek (Foto: Márta Csire)

Nach so viel Gelehrsamkeit tut ein kurzer Spaziergang an der frischen Luft sehr gut und bald erreichen wir unser nächstes Ziel, den spätrömischen Friedhof von Sopianae.

Die spätrömischen Grabkammern aus dem vierten Jahrhundert stehen seit dem Jahr 2000 auf der Liste des Weltkulturerbes der UNESCO. Das Besucherzentrum ist vorbildlich gestaltet, kurze Videofilme und Rekonstruktionen zeigen den ursprünglichen Zustand sehr anschaulich. Besonders eindrucksvoll ist die 1938 freigelegte und dann 2006-2007 wieder ausgegrabene Cella Septichora, ein riesiges siebenchöriges Mausoleum, vermutlich der Bestattungsort einer vornehmen Familie. Möglicherweise wurde das Gebäude erst unter den Arpaden im elften Jahrhundert vollendet und während des Mongolensturms um 1241 zerstört. Heute werden dort Konzerte und andere kulturelle Veranstaltungen abgehalten.

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In der Cella Septichora (Foto: Brigitte Grosse)

Die zweistöckigen unterirdischen Grabanlagen mit einem sehr gut erhaltenen Sarkophag, Fresken u.a. mit dem Christusmonogramm und ein erstaunlich gut erhaltener Krug aus Glas (üveg korsó), eine Grabbeigabe aus dem vierten Jahrhundert, sind wirklich beeindruckend. Dieser spätrömische Friedhof ist einzigartig in ganz Ungarn und vor allem die Grabkammern sind sehr gut erhalten geblieben.

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Krug aus Glas (Foto: Brigitte Grosse)

Jetzt haben wir uns eine Mittagspause verdient, wir spazieren wieder zum Széchenyi tér, bewundern noch den Zsolnay Brunnen, wo es frisches Trinkwasser gibt, und lassen uns das Mittagessen im Aranygaluska étterem auch heute gut schmecken.

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(Foto: Brigitte Grosse)

Brigitte Grosse

 

Nachmittag: Ein Besuch im Zsolnay negyed (Zsolnay-Kulturviertel)

Nach dem Mittagessen im Aranygaluska machten wir uns bei sommerlichen Temperaturen auf den Weg ins Zsolnay Viertel.

Das ehemalige Gelände der Zsolnay Porzellanfabrik wurde im Rahmen des Projektes Pécs 2010 Kulturhaupstadt Europas zu einem rund 35.000 km² umfassenden Kulturviertel umgestaltet.

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(Foto: Brigitte Grosse)

Neben Räumlichkeiten der Kunstfakultät der Universität Pécs, Gemeinschaftsräumen, einem Spielplatz, einem Planetarium, einem Puppentheater, Cafés und einer kleinen Ladenzeile mit Werkstätten und kunsthandwerklichen Geschäften beherbergt das Gelände mehrere Galerien und Museen.

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Zsolnay-Viertel (Foto: Brigitte Grosse)

Nach einem Erkundungs-Rundgang über das Gelände und einem kurzen Abstecher in die Ladenzeile besichtigten wir das Museum, in dem mehr als 600 Keramiken aus der Produktion des Namensgebers des Quartiers ausgestellt sind. Im ehemaligen Wohnhaus der Familie Zsolnay, der Sikorski Villa, befindet sich heute eine Privatsammlung historischer Kleinkeramik aus dem Hause Zsolnay. Die in den Vereinigten Staaten aufgebaute Sammlung wurde dem Museum von dem in die USA emigrierten Ingenieur László Gyugyi zur Verfügung gestellt und kehrte damit an den Ort ihrer Herstellung zurück. Die Exponate wurden von Gyugyi auf Auktionen in New York, Paris und Wien erworben und zur Hälfte der Stadt Pécs als Geschenk überlassen (Fotos der Objekte aus der Zeit des Historismus und der Sezessions-Ära finden sich z.B. hier: http://www.eozinmagazin.hu/eozin_kepgaleria/A_Zsolnay_aranykora_Gyugyi_Laszlo_gyujtemenye)

Die Zsolnay Porcelánmanufaktúra wurde 1853 gegründet und produzierte zunächst Steingut und Keramik. Unter Vilmos Zsolnay entwickelte sich die Firma Ende des 19. Jahrhunderts zu einem stilprägenden und renommierten Keramikhersteller, dessen Produkte bei den Weltaustellungen in Wien und Paris internationale Bekanntheit erlangten. Künstler und Handwerksmeister aus ganz Europa wurden von Zsolnay in die Pécser Manufaktur geholt, die zum größten Keramikhersteller Österreich-Ungarns wurde. Von Zsolnay produzierte Kacheln und Baukeramik-Ornamente finden sich an vielen Jugendstil-Gebäuden in Ungarn ebenso wie am Wahliss-Haus in der Kärtnerstrasse in Wien. Vilmos Zsolnay hatte 1865 die technische Entwicklung in der Manufaktur übernommen und experimentierte mit verschiedenen Ton- und Glasurarten.

Die wohl berühmtesten Innovationen des Unternehmens stellen die Entwicklung der Eosin-Glasur 1893 und des frostsicheren Baustoffs Pyrogranit dar. Kleinkeramiken mit der metallisch-schimmernden Eosin Glasur aus dem Hause Zsolnay sind heute begehrte Sammelobjekte, bunte Pyrogranit-Ziegel zieren zahlreiche berühmte Bauwerke, wie die Budapester Mátyás-Kirche.

 

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Im Zsolnay-Viertel (Foto: Brigitte Grosse)

Auf dem Weg in Zsolnay Viertel hatten wir bereits den im Sezessionsstil errichteten Zsolnay Brunnen vor der Kirche der Barmherzigen Brüder in der Pécser Innenstadt besichtigen können. Der Brunnen ist aus Pyrogranit gefertigt, seine Zierelemente und die Wassersprudel in Form von Ochsenköpfen sind mit Eosin-Glasur überzogen – der Brunnen vereint somit die beiden berühmten Werkstoffe des Herstellers. Im Museum hatten wir dann Gelegenheit, zahlreiche weitere Objekte aus der Sezessions-Ära zu bewundern. Die Krüge, Vasen und Porzellanfiguren, von denen viele von Zsolnays Töchtern Therese und Julia entworfen wurden, illustrieren den Stilwechsel von historistischen, orientalischen und volkstümlichen Motiven zum Jugendstil. Nach Julias Ehemann Tadeus Sikorski, einem polnischen Architekten, der als künstlerischer Direktor in der Firma tätig war, ist die Villa, die nun als Museumsgebäude firmiert, benannt.

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Zsolnay-Viertel (Foto: Márta Csire)

Nach unserem Museumsbesuch ging es noch auf ein Getränk ins Café Griff im Bóbita Puppentheater. Ein Teil der Reisegruppe nutzte das abendliche Freizeitprogramm dazu, bei freiem Eintritt im Művészetek és Irodalom Háza am Széchenyi tér ein Barockmusik-Konzert zum Thema Cervantes. Színpadon a Simplicissimus Kamerazenekar mit einleitenden Erläuterungen durch die Musiker zu besuchen. Andere zogen das Kurzfilmprogramm im Pécser Programmkino „Apolló mozi“ vor. Passend zum Nachmittagsprogramm erlaubte uns das 1912 eröffnete Kinogebäude noch einen letzten architektonischen Abstecher in die Zeit des Jugendstil, das Filmprogramm hingegen einen aktuellen Einblick in die Arbeiten junger ungarischer Regisseure.

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Fassade des Apollo Kino

Zum Abschied ging es dann zum zweiten Mal ins Szabad Kikötő, eine gemütliche Bar, in der wir bereits am Vorabend Bekanntschaft mit der Pécser Musikszene hatten schließen können. Der aktuelle Gehalt des programmatischen Lokal-Hits Szabadságot Svájcnak bleibt uns von unserem zweitägigen Pécs-Programm ebenso in Erinnerung wie die zahlreichen architektonischen und kulturellen Eindrücke der Stadt.

Theresa Schmidt

 

Exkursion der Wiener Hungarologie-StudentInnen im Rahmen des CENTRAL-Projektes nach Berlin

TeilnehmerInnen: Dániel Antalfi, Gabriella Greilinger, Eva Herter, Bettina Planitz

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  1. November 2016

 Am Dienstag zu Mittag ging es für uns los nach Berlin, um dort an einem Treffen mit anderen Hungarologie-StudentInnen, sowie einer Konferenz zur 100-Jahr-Feier des hungarologischen Instituts der Humboldt Universität teilzunehmen. Neben uns vier Studenten aus Wien waren natürlich die Studenten aus Berlin, aber auch welche aus Prag, Warschau und Budapest dort.

Am ersten Abend, nachdem wir im Hostel angekommen sind, das zentral, ca. 5 Minuten vom Herzen Berlins, dem Alexanderplatz gelegen ist, mussten wir auch schon wieder los, um die anderen Hungarologie-Studenten und den Lektor für Ungarisch, Tamás Görbe, zu treffen.

Neben gutem deutschen Bier und leckerem Essen haben wir einen Teil der Studenten schon einmal kennenlernen können und den Abend angenehm ausklingen lassen.

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  1. November 2016

 Am nächsten Morgen mussten wir wieder früh auf, da wir am Institut für Hungarologie der Humboldt Universität zu einem gemeinsamen Frühstück empfangen wurden.

Dort haben wir dann auch die anderen Studenten, die am Vorabend nicht dabei waren, kennen gelernt. Uns wurde außerdem das Institut vorgestellt und erklärt, wie das Studium in Berlin aufgebaut ist. Dann haben auch wir Studenten aus den andern Ländern erzählt, wie das Hungarologie Studium bei uns aufgebaut ist. Dabei haben sich ein paar Gemeinsamkeiten, aber auch viele Unterscheide gezeigt.

Danach sind wir auf unsere erste Stadttour gegangen, die von Berliner Studenten organisiert wurden.

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Am Abend wurden wir alle im Collegium Hungaricum empfangen. Nach einer Führung durch das Haus wurde der ungarische Film „Tiszta szívvel“ (Regie: Attila Till) gezeigt.

Im Anschluss haben wir mit den anderen Studenten noch beschlossen, das Berliner Nachtleben zu erkunden.

  1. November 2016

 Donnerstag Vormittag haben wie uns wieder mit den anderen getroffen und sind gemeinsam zur East Side Gallery gegangen, bzw. diese ein Stück entlanggegangen. Die East Side Gallery ist ein Stück der Berliner Mauer, auf der man die Arbeiten von Künstlern auf Teilen der ehemaligen Mauer betrachten kann.

Leider hatten wir hier aber kein Glück mit dem Wetter und schon nach kurzer Zeit waren die meisten von uns komplett durchnässt.

Nach einer kurzen Mittagspause sind wir auch schon weitergegangen ins nächste Viertel „Friedrichshain“, DIE Partymeile Berlins mit verschiedensten Clubs und Bars.

Von dort aus war es nicht mehr weit zum „Café Szimpla“, ein nettes kleines Kaffeehaus/Bistro wo wir uns bekannte, typisch ungarische Gerichte auf der Speisekarte fanden.

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Nach einer kleinen Stärkung mit Kaffee und Kuchen sind wir schon weitergefahren zur nächsten Sightseeing-Tour, die uns mitten durch Berlin geführt hat.

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  1. November 2016

 Freitag Vormittag wurden uns Wohnhausanlagen in der Nähe der Siegessäule gezeigt und wir stiegen auf eine Dachterrasse, von wo aus wir einen tollen Blick über ganz Berlin hatten.

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Nach der Führung hatten wir wieder etwas Zeit, uns selbst etwas anzuschauen, also sind wir zu viert los und haben die Hackeschen Höfe besucht, die am Hackeschen Markt liegen, und eine super Gelegenheit für uns boten, ein paar Souvenirs zu kaufen.

Als wir damit fertig waren hatten wir nach dem vielen Gehen natürlich wieder Hunger, und da man nicht aus Berlin zurückkommen kann ohne einmal Currywurst mit Pommes gegessen zu haben, haben wir uns eine Curry-Bude in der Nähe gesucht, um uns zu stärken.

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Am Nachmittag hat auch schon die Konferenz anlässlich der 100-Jahr-Feier des Instituts für Hungarologie im Collegium Hungaricum begonnen.

Viele ausländische, aber auch Berliner Professoren haben Vorträge gehalten, auch unser Institut war durch einen Vortrag von Frau Professor Seidler über Georg Lukács vertreten.

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Im Anschluss an die Vorträge wurden alle Studenten noch zu einem Empfang in der ungarischen Botschaft erwartet, wo wir den Abend mit gutem ungarischen Essen und Wein ausklingen ließen.

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Nach dem Empfang beschlossen wir, mit den anderen Studenten noch einmal loszuziehen, das Berliner Nachtleben zu erkunden. Diesmal sind wir zurück nach Friedrichshain gegangen, wo wir zwei Tage zuvor schon einmal tagsüber waren.

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Vormittags sind wir noch einmal zum Collegium Hungaricum gefahren, da die Konferenz fortgesetzt wurde.

Danach sind wir zu viert zum berühmten Checkpoint Charlie gefahren, dem ehemaligen Grenzübergang im geteilten Berlin.

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Danach sind wir alle noch einmal alleine losgezogen, damit jeder noch das ansehen konnte, was er oder sie wollte.

  1. November 2016

 An unserem letzten Tag in Berlin, bevor es am Abend heim ging, haben wir uns noch das Reichstagsgebäude angesehen, wo wir auch eine Führung gebucht hatten, bei der uns alles über die Abläufe im Reichstag sowie über das Gebäude selbst erklärt wurde.

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In der Glaskuppel, die ebenfalls Teil der Führung war, konnte man ganz hinaufmarschieren, von wo aus man wieder einen tollen Blick über ganz Berlin hatte.

Nachher sind wir hinüber zum Brandenburger Tor marschiert, durch das man jetzt, nachdem Präsident Obama, der zur gleichen Zeit Berlin besuchte, wieder weggefahren ist, problemlos durchgehen konnte. Nach einer kleinen Stärkung im Café Einstein, das wir für uns in Berlin entdeckt haben, sind wir zu Alten Synagoge weiter gegangen, bevor wir schon zurück zum Hostel mussten, um unsere Koffer zu holen.

Dann ging es für uns, durch eine Menge an Erfahrungen und Eindrücken reicher, wieder zurück nach Wien.

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Hiermit möchten wir uns für die Berliner Gastfreundschaft und die Organisation durch Herrn Tamás Görbe und Frau Dr. Rita Hegedűs als auch bei den Studierenden der Berliner Hungarologie bedanken.

Gabriella Greilinger

 

Doktorarbeit und Defensio von Jeremy Bradley: Marisch im Fokus

Die marische Sprache, früher auch “Tscheremissisch” genannt, ist eine der “großen” finnisch-ugrischen Minderheitssprachen im europäischen Russland, mit immer noch sechsstelligen Sprecherzahlen und einer kontaktlinguistisch sehr spannenden Position in der Nachbarschaft von verschiedenen Turksprachen. Marisch gehört seit Jahren zu den sprachwissenschaftlichen Schwerpunkten der Wiener Finno-Ugristik. Dies ist vor allem Prof. Timothy Riese zu verdanken, der bei uns schon mehrere Studierendengenerationen mit dem Marischen vertraut gemacht hat.

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Marischgruppen aus Wien haben mehrere Male die Sommeruniversität in Joschkar-Ola besucht und viel Publicity für die Universität Wien gebracht. In der Forschung drückt sich dieses Interesse vor allem in einem großen Forschungs- und Dokumentationsprojekt aus, das schon verschiedene elektronische Ressourcen zur marischen Sprache sowie das erste praktische, in englischer Sprache zugängliche Lehrbuch des Marischen hervorgebracht hat. Die Ergebnisse des Projekts, das zuerst von der FWF, dann von der finnischen Kone-Stiftung finanziert wurde, sind unter www.mari-language.com zu sehen.

Neben Prof. Riese hat bei den Marischprojekten in den letzten Jahren unser Absolvent und Doktorand Jeremy Bradley, ein gebürtiger Wiener mit amerikanischen Wurzeln, eine immer größere Rolle gespielt. Aus dem jungen Estlandfreund, der zuerst auf der Suche nach einem interessanten Nebenfach für sein Informatikstudium  zu uns kam, ist ein Experte des Marischen und der Wolgasprachen geworden. Nach einigen Jahren Anstellung an unserem Institut, als Lehrbeauftragter und Projektmitarbeiter, arbeitet er nunmehr als wissenschaftlicher Assistent am Lehrstuhl für Finno-Ugristik der Ludwig-Maximilians-Universität München.

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Und so ist es soweit gekommen, dass bei uns am Montag 10.10.2016 die erste (!) sprachwissenschaftliche Doktoraldefensio dieses Jahrtausends stattfand. Jeremy Bradley verteidigte seine Doktorarbeit Mari Converb Constructions: Productivity and Regional Variance.

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Um ein komplexes Phänomen kurz und salopp zu erklären: es geht um Konstruktionen, die aus zwei Verben bestehen, wobei das eine die “Grundbedeutung” ausdrückt, das andere weitere Bedeutungsnuancen hinzufügt, die in der Literatur mal als “Richtung”, mal als “Aspekt” oder “Aktionsart” beschrieben werden. So kann man im Marischen ein Glas “füllend geben”, wenn man das Glas (mit erfrischendem Getränk) für eine andere Person füllt. Im Spiel zu gewinnen heißt “spielend nehmen”, und “fragend stellen” kann man sagen, wenn plötzlich eine Frage gestellt wird. In der Dissertation wurde mit Hilfe von computergestützter Analyse geklärt, in welchen Kombinationen, wo und wie diese Verben vorkommen. Es wurde also wichtige Grundlagenforschung gemacht.

Von den GutachterInnen, Prof. Beáta Wagner-Nagy (Hamburg) und Prof. Gerson Klumpp (Tartu), hatte die Arbeit schon konstruktive und vorwiegend positive Kritik bekommen. Prof. Klumpp war auch einer von den zwei Opponenten bei der Defensio, gemeinsam mit Prof. Laakso.

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Die Vorsitzende, Frau Prof. Ina Hein von der Japanologie, war offensichtlich beeindruckt von den vielen interessierten Zuhörern und von der konstruktiven Diskussion.

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Leider war die Zeit nach der ausführlichen Präsentation der Arbeit sehr kurz, die Opponenten hätten über diese interessante Arbeit gerne noch weiterdiskutiert.

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Das offizielle Gruppenbild mit Betreuer, OpponentInnen und Vorsitz. (Für alle Photos danken wir dem Vater des Dissertanten.)

 

Die Abteilung Finno-Ugristik freut sich und gratuliert!

Die Arbeit wird voraussichtlich in naher Zukunft in einer wissenschaftlichen Publikationsreihe erscheinen. In Erwartung der Publikation können sich alle noch diese Dokumentation unserer marischen Forschungsinteressen (aus 2012) anschauen: in marischer Sprache, mit englischen oder russischen Untertiteln – gedreht, selbstverständlich, von Jeremy Bradley.

Tag der estnischen Sprache in Wien

Estnisch wird an der Wiener Finno-Ugristik seit den 1970er Jahren unterrichtet. Schon bald nach der Gründung des damaligen Instituts für Finno-Ugristik konnte Professor Rédei die damalige Bundeslehrerin für Schwedisch, Frau Mag. Imbi Sooman überreden, neben ihrer Lehrtätigkeit bei der Skandinavistik auch bei uns ihre Muttersprache Estnisch zu unterrichten. Seit der Pensionierung von Frau Sooman (2010) trägt Frau Mag. Triinu Viilukas die Verantwortung für unseren Estnischunterricht. Aus ihrer Initiative und in Kooperation mit der Botschaft von Estland und dem Eesti Instituut wurde bei uns am 20.5.2016 ein Tag der estnischen Sprache in Wien veranstaltet.

Hochkarätige Gäste eröffneten die Veranstaltung:

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S. E. Rein Oidekivi, Botschafter der Republik Estland in Wien, hat selbst einen akademischen Abschluss in estnischer Philologie.

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Im Namen der Philologisch-Kulturwissenschaftlichen Fakultät: Frau Vizedekanin Melanie Malzahn

In ihren schönen Grußworten erwähnte Frau Vizedekanin Malzahn, selbst Professorin für Indogermanische Sprachwissenschaft, dass Estnisch für die historisch-vergleichende Sprachwissenschaft eine besondere Bedeutung hat: In solchen uralten germanischen Lehnwörtern wie kuningas ‘König’ oder rõngas ‘Ring’ hat Estnisch das -as (-az) am Wortende erhalten, das in den heutigen germanischen Sprachen nicht mehr da ist. (Dies trifft allerdings bei allen anderen ostseefinnischen Sprachen auch zu, so wie Finnisch.) Was ich aber leider erst nach der Veranstaltung erfahren habe: Es gibt eine interessante Anknüpfung zwischen dem Forschungsgebiet von Frau VD Malzahn, d.h. der tocharischen Sprache, und Estland. Nämlich: Albert von Le Coq, der reiche Hobbyarchäologe und (Mit)entdecker der ersten tocharischen Texte (1904), war Sohn und Erbe einer französisch-belgisch-preußisch-englischen Bierbräuerdynastie, und seine Brauerei, seit 1912 in Tartu, produziert auch heute hervorragendes Bier unter dem stolzen Firmennamen A. Le Coq.

In meinen Grußworten konnte ich den Gästen auch über unsere Forschungsprojekte mit Estland-Bezug berichten. Am EU-finanzierten Minderheitenforschungsprojekt ELDIA (European Language Diversity for All), wo auch unser Institut beteiligt war (in Wien wurde eine Fallstudie über die Ungarn in Österreich durchgeführt), entstanden Studien über Minderheiten in Estland (die südestnischen Sprachvarietäten Võro und Seto/Setukesisch) sowie estnische Diasporas im Ausland.  Eben kurz vor der Veranstaltung konnten die Berichte der Fallstudie über Estnisch in Deutschland, von Kristiina Praakli (Tartu/Helsinki), endlich veröffentlicht werden. Die Texte (die englische Originalversion sowie deutsch– und estnischsprachige Zusammenfassungen) sind im Internet frei abrufbar und könnten vielleicht auch für die EstInnen in Österreich von Interesse sein.

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Es folgten Vorträge von drei Gästen aus Estland. Allerdings kam Birute Klaas-Lang, Professorin für Estnisch als Fremdsprache an der Universität Tartu, diesmal aus Helsinki, wo sie bis diesem Sommersemester eine Gastprofessur für Estnisch innehat.

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Wo, wie und wem wird Estnisch im Ausland unterrichtet?

Helle Metslang, Professor für Estnisch an der Universität Tartu, dürfte allen bekannt sein, die sich für die estnische Sprache aus typologischer Sicht interessieren. Sie war früher schon einige Male Gastvortragende an unserem Institut.

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Estnisch hat unter den europäischen Sprachen eine ganz interessante Position.

Tõnis Nurk (Institut für die Estnische Sprache, Tallinn) sprach über die estnische Sprache in der Welt der Sprachtechnologien.

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Nach der Kaffeepause folgte ein kleines Musikprogramm. Im Ensemble Wööt singen mit unserer Triinu Viilukas zwei weitere Wiener Estinnen, Ruth Dorn und Liisbet Erepuu. Am Ende durfte das Publikum auch mitsingen, bei einem traditionellen estnischen regilaul (nur diesmal auf Deutsch).

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Die Veranstaltung endete mit einer Podiumsdiskussion über das Studium von Estnisch und anderen „kleinen“ Sprachen an der Uni Wien.  Leider kein Foto, weil ich zu beschäftigt mit dem Diskutieren war – aber schönen Dank an die TeilnehmerInnen! (Neben den estnischen Gästen waren auch von unserer „Schwesterabteilung“ Skandinavistik die Litauischlektorin, Frau Pestal, sowie als Vertreter der Estnischstudierenden unser Absolvent, ehemaliger Mitarbeiter und Doktorand Jeremy Bradley dabei.) Und danke an alle, die gekommen sind und besonders an alle, die bei der Organisation mitgeholfen haben!

Es war ein schöner, stimmungsvoller Tag.  Und sicher nicht die letzte estnische Veranstaltung bei uns. Im Winter 2017-2018 wird der hundertste Jahrestag der Unabhängigkeit der Schwesternationen Finnland (6.12.1917) und Estland (24.2.1918) gefeiert, und es wäre schön, etwas gemeinsam veranstalten zu können. Über weitere Pläne, sobald sie konkretisiert werden, wird auf unserer Abteilungshomepage informiert!

Gastvortrag Panu Rajala: F.E. Sillanpää und die skandinavische Perspektive (9.12.2015)

Am Mittwoch, den 9. Dezember 2015 hatte die Abteilung Finno-Ugristik Herrn Prof. em. Panu Rajala zu Gast. Er sprach über den (bis jetzt einzigen) finnischen Literatur-Nobelpreisträger Frans Emil Sillanpää, besonders über seine Kontakte und Reseption in Skandinavien und Deutschland.

Rajala puhuu

Panu Rajala

Selten sieht man den Hörsaal 1 so voll wie am Mittwoch Abend! Die ersten Zuhörer kamen bereits 40 Minuten (!) vor Beginn der Veranstaltung, um gute Plätze zu sichern, und letztendlich kamen fast 50 Leute den Vortrag anzuhören. Wegen Sillanpää? Na ja, zum Teil…

Wie Rajala in seinem Vortrag erzählte, war Sillanpää (1888–1964) ein international bekannter Autor schon bevor er im 1939 den Nobelpreis erhielt. Aber der richtige Publikumsmagnet des Abends war wohl Dr. Panu Rajala selber. Seine literarische Tätigkeit ist enorm (u.A. umfangreiche Biographien über finnische Autoren wie Juhani Aho, Mika Waltari, Olavi Paavolainen und F.E. Sillanpää, sowie mehrere Romane), und heuer hat er sogar mit seinem Roman Intoilija für den Finlandia-Preis kandidiert. Das große Publikum kennt ihn aber auch als ex-Ehemann der Sängerin Katri Helena.

Der Hörsaal 1 war voll. Der finnische Literaturkreis (geleitet von unserer ehemaligen Finnischlektorin Anja-Leena Holtari, 3. v. l. in der ersten Reihe) hat die besten Plätze rechtzeitig besetzt. Vielen Dank auch an den vielen StudentInnen und Studenten, die gekommen waren.

Der Hörsaal 1 war voll. Der finnische Literaturkreis (geleitet von unserer ehemaligen Finnischlektorin Anja-Leena Holtari, 3. v. l. in der ersten Reihe) hat die besten Plätze rechtzeitig besetzt. Vielen Dank auch an den vielen StudentInnen und Studenten, die gekommen waren.

Wie kommt so eine Berühmtheit an unserer Abteilung? Die Idee ihn einzuladen kam vom Verleger Sebastian Guggolz und von der Übersetzerin (und unsere Studentin) Reetta Karjalainen. Dieses Duo hat vor Kurzem zwei Werke Sillanpääs auf Deutsch herausgebracht: Frommes Elend (im 2014 zusammen mit Anu Lindemann), sowie Hiltu und Ragnar (2015). Aus diesen Werken haben die beiden auch vorgelesen. Anschließend gab es eine Diskussion mit Panu Rajala, Sebastian Guggolz und Professorin der Skandinavistik Antje Wischmann. Nach einer Debatte über Vitalismus in Sillanpääs Werken im Vergleich zu Hamsun, über die Nobel-Diplomatie sowie über die politischen Hintergründe Sillanpääs bekam auch das Publikum das Wort mit etwas leichteren Themen.

Prof. Antje Wischmann, Prof. Panu Rajala, Reetta Karjalainen und Sebastian Guggolz

Prof. Antje Wischmann, Prof. Panu Rajala, Reetta Karjalainen und Sebastian Guggolz

Insgesamt ein erfolgreicher und schöner Abend! Ganz besonders möchte ich mich beim finnischen Literaturkreis bedanken, die uns ein kleines Buffet spendiert und organisiert hatten.

Rajala hat übrigens in seinem Blog (direkt nach seinem Rückflug am Freitag!) seine Reiseerlebnisse geschildet. Er schreibt u.A., dass er in Finnland noch nie in eine so intensive und treffende Debatte über Sillanpää geraten ist. Seine Freizeit hat er in der Altstadt verbracht und war von den schönen Gebäuden und vielen kleinen Buchhandel in Wien sehr beeindruckt. Der Christkindlmarkt am Rathausplatz war der schönste, den er erlebt hat.